Dienstag, 11 Februar 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 1

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags 1973 1_ FC Nürnberg Süddeutscher Meister SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2929

Teil 1 - Sieben auf einen Streich katapultieren die Lilien am Muttertag auf Wolke Sieben

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 1

Wenn der blau-weiße Chronist Ursachenforschung über den Kultstatus des SV Darmstadt von 1898 betreibt, kommt er nicht umhin, die 1970er als Fundament für den Ruhm und die ewigliche Eingravierung auf der deutschen Fußballlandkarte einzustufen. Kein Wunder angesichts der Regionalligameisterschaft 1973 und dem Bundesligaaufstieg 1978.

Dabei sorgte der Sportverein mit der Präsenz in der alten und damals erstklassigen Oberliga Süd schon 1950 für bundesweite Aufmerksamkeit, aber der postwendende Abstieg und die darauf folgende und über zwei Dekaden andauernde „Stagnation“ in der Zweitklassigkeit (ab und an sogar mit kurzfristigen unfreiwilligen Abstechern in die relative Hessenligaanonymität) sorgten weitgehend für eine Beobachtungsbeschränkung auf die süddeutsche Regionalebene.

Erst in den Siebzigern wurde die Euphorieflamme neu entzündet. Dabei begann das „goldene“ Jahrzehnt mit einem herben Dämpfer. 1970 rutschte der SV98 wegen der schlechteren Tordifferenz gegenüber dem alten Weggefährten aus Bayreuth sowie den Ingolstädter Schanzervorfahren vom ESV in die Hessenliga ab, wo erstmals seit zwanzig Jahren wieder Stadtderbys auf dem Terminplan standen (gegen den FCA Darmstadt). Aber der SV98 behauptete sich sowohl gegen den aufstrebenden Arheilger Nachbarn vom Gehmerweg (obwohl die Lilien in beiden Lokalfights nur ein Unentschieden ergatterten und ohne Tor blieben) als auch gegen den hartnäckigsten Meisterschaftsrivalen FSV Frankfurt. Am Saisonende hatte die Mannschaft von Wolfgang Solz den Betriebsunfall repariert und bestellte  wieder ein Abonnement für die lieb gewonnene Heimat der zweitklassigen Regionalliga Süd. In der Sommerpause 1971 vollzogen die Verantwortlichen um Präsident Jakob Mengler eine Zäsur und stellten mit der Verpflichtung von Udo Klug die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Der von der U23 (diesen Begriff gab es seinerzeit natürlich noch nicht, damals hieß es noch schlicht und einfach Amateure) eines Kontrahenten aus der größten hessischen Stadt ans Böllenfalltor gewechselte neue Trainer lotste auch einige Spieler seines alten Vereins nach Darmstadt, die lange Jahre den blau-weißen Dress trugen und noch heute ihren Platz in der „Hall of Fame“ sicher haben : Hans(i) Lindemann, Joachim „Jockel“ Weber und Edwin „Ede“ Westenberger, um nur die bekanntesten zu nennen. Der leider viel zu früh verstorbene Westenberger streifte sich stolze dreizehn Jahre das Trikot mit der Lilie auf der Brust über und avancierte mit den meisten Einsätzen (rund 500) höchstwahrscheinlich bis zum apokalyptischen jüngsten Gericht zum Rekordspieler. Außerdem bereicherten Rudi Koch, Willi Wagner und Bernhard Metz fortan den Kader. Udo Klug, der später beim Nürnberger Club und in der Homburger Saarlandprovinz das Bundesligaübungsleiterzepter schwang, formte eine völlig umgekrempelte 98er-Mannschaft zu einer funktionierenden Einheit, die am Ende der Wiederaufstiegssaison 71/72 auf einem gesicherten Mittelfeldplatz landete. Der Durchbruch zum Spitzenteam folgte während der anschließenden Runde. Einen Löwenanteil am abermaligen Aufschwung gebührte Walter Bechtold, der zuvor seine Meriten bei zwei hier nicht erwähnenswerten Erzrivalen vom Main im deutschen Fußballoberhaus verdiente und sich im Sommer 1972 „endlich besann“, sein F- oder OF-Autokennzeichen gegen ein angenehmeres DA einzutauschen. Klug krempelte den Mittelfeldmotor peu á peu zum Libero um und Ede Westenberger fand sein kongeniales Pendant. Das defensive Traumpaar war geboren. Keine Frage: Was eine Etage höher Kaiser Beckenbauer und Katsche Schwarzenbeck bei den Münchener Bayern oder Tanne Fichtel und Rolli Rüßmann am Schalker Markt darstellten, demonstrierte die Achse Bechtold/Westenberger eindrucksvoll in der Zweitklassigkeit: Hinten der Techniker mit dem guten Auge für den Spielaufbau plus Initiator von Standardsituationen und vor ihm der ihm den Rücken freihaltende Vorstopper. Langsam, aber sicher, nistete sich der SV98 in der tabellarischen Bel Etage ein. Spätestens nach dem 1:0 Ende März im Wildpark beim Tabellenführer KSC witterten die Fans Morgenluft und strömten in Scharen ins Stadion am Böllenfalltor. Vier Runden vor dem Saisonkehraus waren die Lilien „plötzlich“ selbst Klassenprimus und sicherten sich am vorletzten Spieltag durch ein 4:2 bei Jahn Regensburg die Teilnahme an der Bundsligaaufstiegsrunde (Zur Erklärung: Der Erst- und Zweitplatzierte des Abschlussklassements qualifizierte sich für den Wettstreit gegen die West-, Nord-, Berlin- und Südwestvertreter in zwei Gruppen, von denen jeweils der Gewinner ein Bundesligaticket erhielt).

Doch mit dem Erreichten gaben sich die Klug-Schützlinge noch nicht zufrieden. Schließlich Spielplakat FCN 1973funkelte noch das finale Ligamatch auf der Speisekarte. Der Sportverein benötigte noch einen Sieg für die Südmeisterschaft respektive zum Ändern des Briefkopfs. Man schrieb den 23. Mai 1973 und es war Muttertag. Die südhessischen Herren der Schöpfung hatten es an diesem sonnigen Nachmittag besonders eilig, nach dem festlichen Dinner mit der Frau Mama oder anderen Ehrenerweisungen an die liebste Holde für eine pünktliche Ankunft im Fußballtempel an der Nieder-Ramstädter-Straße á la Superman vom feierlichen Anzug in die blau-weiße Fankluft zu schlüpfen. Kontrahent im Stadion war kein geringerer als der 1. FC Nürnberg, damals seines Zeichens mit neun nationalen Titeln Deutscher Rekordfußballmeister. Der letzte Triumph lag erst fünf Jahre zurück (1968), ehe das fränkische Urgestein zwölf Monate später durch den Absturz als amtierender Champion seinen unrühmlichen Slogan „Der Glubb is a Depp“ begründete.  Eine Woche vor dem Showdown 72/73 verspielte der FCN dann seine Aufstiegsrundenchance, während sich die Lilien ein Fernduell mit dem KSC um Rang Eins und Zwei lieferten. Bereits zur Halbzeit wackelte das ausverkaufte altehrwürdige Stadion in seinen Grundfesten. Hansi Lindemann und Rudi Koch legten zuzüglich einem Eigentor ein 3:0 vor. Die Lilien spielten den ruhmreichen Club, der sich in den Siebzigern sowohl auf als auch neben der grünen Wiese als „treuer“ 98er-Dauerwidersacher entpuppte, in Grund und Boden und schalteten im zweiten Abschnitt sogar noch ein paar Gänge hoch. Herbert Dörenberg (2), Jockel Weber und Walter Bechtold schraubten den sensationellen Score auf sage und schreibe 7:0 und unterstrichen, dass die Floskel „Sieben auf einen Streich“ noch eine andere Signifikanz als die in der Märchenwelt erhielt. Das tapfere Schneiderlein aus Darmstadt erlegte also nicht nur die Fliegen aus Nürnberg, sondern feierte auch mit Glanz und Gloria  passend zum 75-jährigen Vereinsjubiläum den größten Meilenstein der Vereinsgeschichte seit der Oberligaepisode 50/51. Für die Anhängerschaft gab es kein Halten mehr. Zu Tausenden stürmten sie den Böllenfalltor-Ground und huldigten ihre Lieblinge ob der einzigartigen Leistung. Die blau-weißen Protagonisten des „Jahrhundertspiels“: Uwe Ebert, Manfred Wirth, Walter Bechtold, Ede Westenberger, Willi Wagner, Herbert Dörenberg, Hansi Lindemann (Volker Rapp), Jockel Weber, Rudi Koch, Bernhard Metz, Jochen Schmaltz (Erich Schmiedl) Meisterwimpel 1973Besonders einem Cluberer imponierte diese unvergessene Performance besonders: Manfred Drexler. Nach der Schmach in seiner letzten FCN-Begegnung entschied sich der spätere DFB-Zeugwart, künftig in einem erfolgreichen Team mit ordentlichen Vereinsfarben zu kicken und unterschrieb flugs einen Vertrag beim SV98 für die kommende Spielzeit. Die Aufstiegsrunde musste Manni aber noch im TV oder auf der Tribüne verfolgen. Dort endete der Traum vom ersten Bundesligaeinzug praktisch schon im Eröffnungsmatch. Den markanten Schlachtgesang des mitgereisten blau-weißen Volkes (Wen woll´n wir fressen, Rot-Weiß Essen) konnte das Fußballpersonal an der Hafenstraße nicht ummünzen. Der Favorit um die überragende „Ente“ Willi Lippens siegte 3:1. Zwar konnten die Lilien im Rückkampf am Bölle RWE ein 2:2 abtrotzen, aber unnötige Punktverluste gegen die weiteren Nebenbuhler (1:1 bei Röchling Völklingen, 2:2 gegen Wacker 04 Berlin, 1:2 an der Bremer Brücke in Osnabrück) standen einer reellen Aufstiegschance kontraproduktiv gegenüber. Platz Zwei war dennoch aller Ehren wert und hinterließ den Eindruck, dass die Bundesliga in Darmstadt kein Hirngespinst bleiben sollte…

 

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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