Dienstag, 27 Januar 2015

Highlights der Vereinsgeschichte 17

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2321

Teil 17: Ein Hauch Seleção am Bölle

Highlights der Vereinsgeschichte 17

_Leise rieselt der Januarschnee über die südhessischen Dächer, doch das Ende der Winterpause naht. Am 6. Februar will der blau-weiße Sensationsaufsteiger mit dem nächsten Punktezuwachs beim VfR Aalen erstmals in 2015 seinen Hunger stillen. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, montieren wir noch eine Rückblende auf die Runde 2000/2001, als das Ausflugsprogramm Richtung Ostalb noch den Regionalligaalltag garnierte. In jener Saison besaß der damals unter starkem brasilianischem Einfluss stehende SV98 die einzige reelle Chance während der 21-jährigen Emigration zwischen 1993 und 2014, ins gelobte Zweitligaland heim zu pilgern.

Nach der in Teil Sechzehn deklarierten Story über das lachende (Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga) und weinende Auge (Demission von Kultübungsleiter Eckhard Krautzun) lenkte der dank seinen vorherigen Engagements in Ditzingen und Pfullendorf die drittklassige Südstaffel aus dem Effeff kennende Michael Feichtenbeiner das Trainerruder an der Nieder-Ramstädter Straße. Mit ihm strömte frisches Personalblut zum Bölle: Robert Nikolic (vom Meenzer Bruchweg), Alexander Lorenz (Ascheberscher Schönbusch), Matthias Hohmann (ostfranzösischer Parc de Louis), Sascha Lense (Dresdner Zwinger), Zivojin Juskic (Fürther Ronhof), Claude Brancourt (vom Deutschen Meister 1949 aus Monnem), Evandro (Copacabana) und last but not least dessen Landsmann Elton da Costa, der zwar zuvor erste teutonische Erfahrungen am Bornheimer Hang sammelte, aber noch nicht den Bekanntheitsgrad der Seleção-Ikonen Cafu, Roberto Carlos oder Rivaldo innehatte.     da CostaAm 30.07.2000 um punkt 15 Uhr berührte Elton da Costa erstmals für die 98er in einem Pflichtspiel das Kickobjekt der Begierde. Es war der Anstoß zum Saisondebüt vor 4800 Zuschauern am Bölle gegen die Gebärmuttermuskelkontraktion vom Halberg. Warum erwähnen wir diesen „Geburtsunterricht“? Natürlich hinsichtlich seines letzten Ballkontakts im Lilientrikot, der am 19. Mai 2014 um 23 Uhr auf einer ostwestfälischen Bergweide über die Bühne ging. Der „kleine“, aber feine Unterschied zwischen banalem Einstand und fulminanten Abschiedsgeschenk ist ergo durchaus eine Randnotiz wert… Das Tor des Tages zum perfekten Darmstädter Start erzielte Joker Audenzio Musci, den Feichtenbeiner vier Minuten zuvor einwechselte. Im folgenden Auswärtsmatch ging es erstmals seit dem Zweitligaabstieg 1993 wieder einmal in den „wilden Osten“. Die Klubs aus der ehemaligen DDR wurden (zumindest teilweise) genau wie die Vertreter aus dem Südwesten (u.a. der Berg von Jenny Elvers) und die Sportfreunde Siegen (geographischer Präzedenzfall, da eigentlich zu NRW gehörig) durch die Regionalligastraffung in der Südgruppe eingegliedert. In einer thüringischen Metropole blickten die Lilien nicht richtig durch und verloren bei den Optikern von Carl Zeiss und Ernst Abbe 2:3. lorenzDoch schon zur nächsten Heimprüfung fand der SV98 wieder in die Spur und wiederholte gegen Siegen (mit Ex-Goalgetter Amaechi Ottiji und dem Schalker Eurofighter Ingo Anderbrügge) das Auftaktergebnis von 1:0 (Golden Goal durch Alex Lorenz acht Minuten vor dem Abpfiff). Fans der Sportfreunde hatten in Anlehnung an ihren Käse verschlingenden Knipser John van Buskirk ein Spruchband getextet: „Lieber Tulpen aus Holland als Lilien aus Darmstadt“. Präsident Walter Grimm konterte diesen „Affront“ pfiffig und überreichte nach der Pressekonferenz dem enttäuschten Gästecoach Ingo Peter einen Strauß Lilien, der eigentlich für Thomas Schmidt wegen 200 absolvierter Pflichtspiele bestimmt war. Eine ausgeglichene erste Halbserie krönte am vorletzten Hinrundenspieltag natürlich der 2:1-Triumph „uffem Bersch“. Nach zwei Jahren Urlaub voneinander (die blau-weiße Hessenligastippvisite 98/99 sowie das rot-weiße Zweitligaintermezzo 99/00 unterbrachen die interne Dauerfehde) bevölkerte das erzfeindliche Tandem wieder den identischen Klassenlevel. Der Husarenritt bedeutete nach  der überfälligen Erstbesteigung 1994 (siehe Teil Dreizehn) und dem 3:2 vom Ostersonntag 1998 (nachzuschlagen in Part Fünfzehn) nicht mehr und nicht weniger als den glorifizierten Siegeshattrick in der „verbotenen Mainzone“. Nur wer den „nachbarschaftlichen“ Rivalitätsmodus intus hat, kann nachvollziehen, welchen Enthusiasmus (Darmstadt) und welche Depression (Oxxenbach) die hessische Version vom schottischen Old Firm initiierte.     juskic ofRonald Hoop, Produzent der wichtigen Führung mit der ersten Strafraumaktion des zweiten Durchgangs, schüttelte fasziniert seine Mähne und stammelte emotional aufgewühlt in die journalistischen Stenoblöcke: „Ich erlebte in Holland schon einige Derbys. Aber so etwas wie heute noch nicht“. Den zwischenzeitlichen Ausgleich beantwortete Zivo Juskic mit dem Siegtreffer (71.), der zwanzig Minuten darauf für eisiges Schweigen im gastgebenden Block und für Hosianna-Stimmung im Heiner-Lager sorgte. 3000 Lilienfans kletterten entrückt die Umzäunung hinauf und die Mannschaft erhielt zur Belohnung zwei Tage trainingsfrei. Mit einem 1:1 in Aalen festigte der SV98 Rang Acht zur Saisonhalbzeit. Das Weihnachtspräsent der Verpflichtungen von Sascha Meier (erhoffte Sturmunterstützung für Ronald Hoop und David Wagner) und Alexandre de Freitas (kam vom FC Kreuzlingen aus der dritten eidgenössischen Liga und komplettierte nach da Costa und Evandro das brasilianische Gerüst) schürte die Zuversicht, in der Rückrunde noch einmal oben anzugreifen. Der dritte Amazonas-Kaderimport erwischte ein traumhaftes Take-off und vollstreckte während der 2001er – Jahresouvertüre im Nachholspiel bei den Siegener Sportfreunden zum entscheidenden 1:0. 800 mitgereiste Fans zelebrierten im Leimbachstadion die La Ola – Welle und registrierten, dass de Freitas seine aufregende Premiere in der Schlussphase noch mit einer doppelten Flugshow schmückte: Erst als Schwalbenimitator über die Wiese und Nuancen später Ampelkartenbedacht vom Platz. Der knappe Erfolg löste eine Positivserie aus. Selbst beim deutlich führenden Spitzenreiter KSC punktete das Feichtenbeiner-Team. Wegen den beiderseitigen Vereinsfarben Blau-Weiß hätte laut Anweisung des Süddeutschen Fußballverbandes eigentlich der Hausherr im Ausweichsatz auflaufen müssen. Um die Ruhe in der badischen Karlsstadt zu bewahren, wilderten die Lilien im dortigen Park und streiften sich nach endlosen Debatten zwischen Schiri Peter Sippel, KSC-Sportdirektor Guido „Diego“ Buchwald und 98-Manager Uwe Wiesinger den ungewohnten Dress über. Letztendlich fuhren sie gut damit: Dem Branchenprimus wurde ein hochverdientes torloses Remis abgeknöpft. Nach den beiden Heimdreiern gegen Elversberg (2:0) und Pfullendorf (3:2) schnellte der Sportverein auf Position Vier vor, notierte auf seinem Konto die ominösen vierzig Zähler und legte angesichts von nur noch vier Pünktchen Rückstand zur direkten Aufstiegsstufe Zwei jegliche Bescheidenheit ab. Coach Feichtenbeiner zitierte, was alle im Umfeld dachten: „Warum soll ich noch lange herumreden? Jetzt haben wir nichts zu verlieren und noch zehn Endspiele vor der Brust“. In der Tat leuchteten die Aussichten, nach achtjähriger Provinzpossenaufführung wieder auf die Zweitligaempore zu klettern, in sichtbaren Lettern am blau-weißen Horizont. hoop jahnLeider entpuppte sich die offensive Marschroute als Bumerang. Die anschließende Auswärtshürde in Burghausen purzelte in die Salzach (1:2). Zwar rettete der SV98 dank einem 3:1 über die  Domspatzen von Turnvater Jahn zunächst seine Hoffnungen, doch im wegweisenden Vergleich beim unmittelbaren Kontrahenten Eintracht Trier kassierte man den schließlich unkompensierbaren Dämpfer (0:1). Der negative Knackpunkt resultierte aus einem zweifelhaften Free Kick. „Verursacher“ war die damals angebliche deutsche Pfeife Nummer Eins namens Markus Merk, dessen Theatralik den SV98 aus dem Konzept brachte. Hinsichtlich von Begünstigungen für blau-weiße Kultklubs hielt sich  der Pfälzer Dentist in jenen Tagen gelinde ausgedrückt vornehm zurück. Vier Wochen später verbannte er aufgrund eines weiteren lächerlich verhängten Freistoßes in der hanseatischen Nachspielzeit für den bajuwarischen Rekordchampion das Kreiseluniversum ins Tränental der Herzensmeister. Die Lilien konnten das Defizit zu den Fleischtöpfen im verbleibenden Saisonraster nicht mehr korrigieren. Ausgerechnet der „Lieblingsopponent“ aus Ostfrankfurt stornierte mit einem 1:0 am Bölle während der drittletzten Runde die finalen rechnerischen Möglichkeiten. Neben dem KSC durchquerte der unterfränkische Schnüdel die Furt ans Zweitligaufer, weil er das nötige Schwein hatte, dass sein Hauptwidersacher aus der ältesten Stadt Deutschlands gleichzeitig in der Porta Nigra feststeckte. Mit einem „handelsüblichen“ 2:0 über den VfR Aalen (Vorbild für den identischen Score gegen die Ostalbakrobaten eine Etage höher in der aktuellen Spielzeit) feierte der SV98 das Regionalligakehraus 00/01 als Gesamt-Fünfter und stärkste Heimtruppe. Mit bewegenden Worten verabschiedete Walter Grimm acht Spieler: Thomas Schmidt (zog es nach acht Lilienjahren wieder zur Spvgg Groß-Umstadt, ehe er ab 2002 als sportlicher Leiter am Bölle fungierte), Rolf Lang, Ronald Hoop (ballerte zwei Jahre später den RSV Germania 03 Pfungstadt von der Gruppen- in die Verbandsliga), Matthias Örüm, Tuncay Nadaroglu, Oscar Corrochano, Kai Arras und Evandro. Der lange Brasilianer, gerade einmal elf Monate in DA-Diensten, sehnte sich wie praktisch jeder Lateinamerikaner nach den gewohnten Sonnengefilden, was ihn nicht daran hinderte, eine von Pippi (nicht die Langstrumpf!!) in den Augen beseelte Dankesrede auf Deutsch zu halten: „Ich liebe Darmstadt für immer“. Eine Woche nach dem Liga-Servus und vor dem Beginn der Sommerferien durfte Evandro zusammen mit Ronald Hoop noch einmal gemeinsam jubeln. Im abschließenden Einsatz für den Sportverein von 1898 markierte das scheidende Duo im Hanauer Herbert-Dröse-Stadion die beiden Tore zum 2:1 im Hessencupfinale gegen die Taunussteiner Trinkwasserfilterhersteller, durch das sich die Lilien für den DFB-Pokal qualifizierten und reichlich Mammon in die klamme Vereinskasse spülten (mehr zu den drei heroischen Fights gegen die Bundesligisten St. Pauli, Freiburg und Schalke im nächsten Teil). Der Epilog gebührt selbstredend Elton da Costa, der also in der Heimat von Tante Käthe sowie den märchenhaften Nachnamensvettern des 98er-Präsidenten seine erste Trophäe in der Höhe stemmte. Ansonsten beklagte der Mittelfeldvirtuose eine persönliche Ladehemmung der Schusssalven. In der Debütspielzeit für die Heiner gelang ihm (oft verletzt oder von der Bank kommend) trotz 23 Nominierungen kein einziger Treffer (!!). Das sollte sich jedoch ab der folgenden Saison 01/02 radikal ändern. Insgesamt 27mal schweißte er während seinen beiden Bölle-Epochen das Punktmatch-Runde ins Eckige, ehe in einer warmen Mai-Nacht sein allerallerallerallerletztes blau-weißes Knallbonbon die Fußballwelt in einen globalen Ekstaseknäuel verwandelte…

 

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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