Mittwoch, 13 September 2017

„Uns bleibt immer Bielefeld“

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, Tags 2_Bundesliga Arminia Bielefeld Heimspiel Saison 2017-2018 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 1346

#D98DSC

„Uns bleibt immer Bielefeld“

Kann man wirklich alle internen Paarungsquerelen zwischen zwei Vereinen auf ein einziges Spiel fokussieren, obwohl insgesamt sechzehn Scharmützel in der Chronik verankert sind? Die ebenso kurze wie banale Antwort lautet: Ja, man kann. Am Sonntagnachmittag treffen sich erstmals seit dem sagenumwobenen neunzehnten Mai 2014 wieder zwei Mannschaften des Sportvereins Darmstadt von 1898 und vom Deutschen Sportclub Arminia Bielefeld zu einem sportlichen Wettstreit.

Das Bölle erlebt trotz den hier wie da kassierten ersten Saisonniederlagen das tabellarische Toppmatch des sechsten Spieltags. Hüben wie drüben steht sportlich also einiges auf der Kante. Trotzdem wird jeder Fan, der „sellemols“ entweder auf einer ostwestfälischen Alm massenhaft Betablocker gegen die ausufernde Hypertonie vertilgend oder vor der Flimmerkiste mit abgekauten Fingernägeln ein Ahlenfelder-Gedeck nach dem anderen in die überforderte Gegend zwischen Leber und Milz schüttend den dramatischsten Hitchcockthriller seines Lebens verfolgte, zumindest vor dem Anpfiff in Erinnerungen ob der unauslöschlichen Ereignisse vor fast genau vierzig Monaten schwelgen.

Auch die heute noch (oder wieder) für ihre Klubs auflaufenden Kickprotagonisten Stefan Ortega, Stephan Salger, Fabian Klos, Tom Schütz, Sandro Sirigu und Aytac Sulu können ihren aktuellen Teamkameraden über jenen Montagabend ein schwarz-weiß-blaues Klagelied singen (falls man ein anfeuernder Vasall der Nachfahren des Cheruskerfürsten Arminius ist) oder ein blau-weißes Heldenepos erzählen, das nicht nur Südhessen, sondern prinzipiell das gesamt Fußballuniversum in einen kollektiven Ekstaserausch versetzte.

Als Schauplatz für den Glanz und Gloria dieses Jahrhundertmatchs diente eine Stadt, die angeblich überhaupt nicht existiert. Dass Bielefeld ungeachtet dieser Verschwörungstheorie als Metropole am Rand des Teutoburger Waldes (dort, wo vor 2008 Jahren die von Arminius alias Hermann angeführten Germanenstämme ohne jeglichen Druidenzaubertrank die spinnenden Römer vernichtend vermöbelten und den ersten frühen Grundstock für unser heutiges Staatengebilde zementierten) fungiert, davon musste sich der SV98 auf seiner Premierendienstreise dorthin im April 1979 überzeugen.

Und zwar auf schmerzliche Art und Weise, denn nach dem 1:1 im Bundesligahinspiel 78/79 bezogen die von Interimscoach Klaus Schlappner betreuten Lilien fünf Hiebe auf den Pepita-Hut (0:5). Die erste von bislang acht Kraxeleien auf die Alm war gleich die bitterste und wurde 35 Jahre später mit dem bestmöglichen Highlight vorläufig abgerundet. Aber der Reihe nach: Am Eröffnungsspieltag im August 1981 (wiederum Bundesliga) sahen die müden Augen der mitgereisten und die Nacht davor rund 150 Kilometer südwestlich an der längsten Theke der Welt durchzechenden 98er-Jünger einen 0:1-Pausenrückstand, ehe Peter Cestonaro nach blendender Vorarbeit von Helmut Zahn zum 1:1 egalisierte. Als ruhender Pol zwischen den Pfosten erwies sich Dieter Rudolf, obwohl der Keeper wenige Tage zuvor im Büro einen Hitzschlag erlitt, was ihn jedoch nicht daran hinderte, den Punkt festzuhalten.

Im Rückkampf am Bölle feierten die Lilien ihren Debütsieg über den DSC. Bodo „Ballermann“ Mattern erzielte das „Golden Goal“ zum 1:0 und Horst Franz war nach dem Kehraus um eine Kopfbedeckung ärmer. Auf dem Weg zum Bus musste der Bielefelder Übungsleiter nach Vermittlung des ein preiswertes Angebot für das Objekt der Begierde auf einen Zettel kritzelnden Ewald Lienen seinen Toupetschutz an einen hartnäckigen blau-weißen Souvenirjäger abtreten.

Nach den vier Oberhausduellen stritten sich SVD & DSC ab 1985 auf der Zweitligamatte um den internen Zankapfel. Und das erneut am Ouvertürenspieltag. Der in der Vorsaison heimgekehrte Udo Klug hatte wieder eine schlagkräftige Mannschaft entwickelt, die durchaus das Potenzial besaß, in den oberen Tabellensphären ein Wörtchen mitzusprechen. Mit einem 4:1 schickte der SV98 die demoralisierten Arminen zurück ins Ostwestfalenland. Bruno Labbadia und Egbert Zimmermann packten je zweimal den Einnetzhammer aus. Für Bielefeld wechselte ein mit „Roggen gefüllter Trainersack“ Hoffnungsträger Thomas Helmer ein und dieser achtete penibel darauf, dass sein anschließender Doppelpass von den TV-Kameras eingefangen und bis zum Münchener Airport in die feudale Kempinskiherberge übertragen wurde, wo schon damals kleine Phrasenschweine das Ambiente der Hotelbar verfeinerten.

Bis 1988 wogte das interne Zweitligageplänkel hin und her, ehe Bielefeld dem SV98 vorexerzierte, wie man in der Oberligaanonymität über die Dörfer zieht. Plötzlich hießen die Kontrahenten Spvgg Brakel oder VfR Sölde, also praktisch die westfälischen Synonyme für Eintracht Haiger und SV Mörlenbach. Es dauerte bis 2011, ehe sich die Opponenten wieder einigen konnten, auf der gleichen Hierarchieleiter zu klettern. Diesmal auf dem Boden der 2008 geschaffenen Dritten Liga und beginnend mit einem Paukenschlag.

Am vierten Spieltag verbuchten die Lilien ihren ersten Sieg auf dem ungewohnten Levelparkett und fegten die Arminen dank Matthias Heckenberger, Danny Latza, Kevin Wölk, Rudi Hübner und Marcus Steegmann gleich 5:1 von der Bölle-Matte. Das muntere Scheibenschießen fand mit der Deklaration „letzter 98er-Punktspielsieg gegen Bielefeld“ (bis zum kommenden Sonntag) Einzug in den Almanach.

Damit endet hier unsere Story. Upps, nein, Kommando zurück. Eben hat der Lektor energisch darauf hingewiesen, dass die Notizen über die Meetings zwischen Südhessen und Ostwestfalen für eine Publizierung noch nicht vollständig sind. Er faselt mit zitternder Stimme von einer Relegation und einem Wunder von der Alm. Um ihn nicht zu verärgern, ist halt trotz nahenden Schlafgelüsten eine unbezahlte Überstunde fällig und nach mühevoller Recherche sind wir tatsächlich fündig geworden, dass im Mai 2014 eine spektakuläre Orgie das blau-weiße Zukunftsszenario maßgeblich beeinflusste…

Ein Jahr nach der verspäteten Rettung am berühmt-berüchtigten „Grünen Tisch“ (weil der Erbfeind vom Main den Namen seiner Stadt zu wörtlich nahm und den Offenbacher machte) mischten die Lilien als Abstiegskandidat Nummer Eins das Drittligaestablishment auf und eroberten sensationell den dritten Tabellenplatz, der zur Relegationsteilnahme gegen den Drittletzten von Liga Zwei qualifizierte. Diese Position hatte sich Arminia Bielefeld dank einem 3:2 zum Showdown beim direkten Widersacher Dynamo Dresden gesichert. Hätte der DSC geahnt, welches Schicksal ihm knapp eine Woche später blüht, wären die Punkte wohl kampflos nach Elbflorenz überwiesen worden und der Biss in den sauren Abstiegsapfel sofort erfolgt.

Hätte, hätte, Fahrradkette: Die Arminen wollten aber unbedingt ihren Part für das Niederschreiben eines imposanten Stücks Fußballgeschichte beitragen. Zunächst wurden sie ihrer Favoritenstellung gerecht und triumphierten im Bölle-Hinspiel 3:1. Nicht wegen einer überdimensionierten guten Leistung, sondern aufgrund ihrer Cleverness und Erfahrung. Alle sogenannten Fachleute (natürlich auch der Holger) hakten nach diesem Ergebnis die Fahndung nach dem achtzehnten Zweitligisten als erledigt ab.

Allerdings machten die Möchtegern-Experten ihre Rechnung ohne den Heinerwirt. Man schrieb den 19. Mai 2014 und alleine bei der Reminiszenz dieses Datums spazieren alle Gänse und Hühner unseres Quadranten über die Haut. Dirk Schuster warnte sogar noch seinen Trainerkollegen („Ihr könnt uns erst abschreiben, wenn wir unter der Dusche stehen“), doch selbst diese forsche Ansage entlockte einem gewissen Norbert Meier lediglich ein überhebliches Lächeln.

Und dann begann es, das 123minütige Up and Down zwischen Himmel und Hölle. Spätestens nach dem Führungstor von DSE staunten die Soccer-Gläubigen zwischen Timbuktu und der Wüste Gobi, wie die im Auswärtsorange auftrumpfende Elf eine überwältigende Überzeugungskraft und Stehauf-Mentalität darbot und allen negativen Vorgaben trotzte. Hanno Behrens Hacke und der fast postwendende Anschluss schraubten das Nervositätspegel in gefährdete Regionen und als Jerome Gondorf nach einem Harakirieinsatz von Toni Sailer die Wutz raus ließ, brachen die ersten Dämme.

Alles war ergo wieder auf Null gestellt. Doch mit dem Versieben der Hochkaräter während der regulären Schlussphase forderte Väterchen Frust ein Comeback. Das dominierende Team verpasste den Arminen-Knockout und prompt nistete sich wieder 1988 im Brain ein. Hat der Fußballgott kein Einsehen mit der besseren Elf? Wiederholt sich das Worst Case Szenario? Verlängerung. Wie anno dazumal im französischen Ludwigspark. Das nicht geahndete Handspiel im Bielefelder Sechzehner tat dann sein übriges zum verzweifelten Seelenwirrwarr.

Der einzige konstruktiv vorgetragene Bielefelder Angriff stoppte dann alle Ängste über ein Shootout - Déjà-vu nach 26 Jahren. Doch mit diesem Resultat waren die Lilien raus aus den Zweitligafleischtöpfen. Es blieb die Klammerung an den Strohhalm. Eine Bude musste noch her, egal wie. Da fragte Schuster an einer höher gelegenen Pforte um Rat. Der Fußballgott flüsterte ihm ins Ohr, dass in solchen spitz auf kant stehenden Situationen brasilianische Hilfe schon oft im Happyendmodus mündete. Sekunden nach dem 3:2 betrat Elton da Costa den Platz.

122. Minute: Eine von da Costa mitinitiierte Kopfballstafette wanderte zu seiner linken Klebe. Der Volleystrahl zischte leicht abgefälscht und daher unhaltbar in die Maschen. Völlig apathisch überfluteten die 98er-Offiziellen und Ersatzrecken den Ground, während die Arminen im Erdboden versanken. Das Lilientor respektive der Lilienjubel für die Ewigkeit war geboren.

Doch noch pfiff der Referee nicht ab. Ein letzter Freistoß segelte in den Darmstädter Strafraum. Die sich teilweise auf dem nackten Gestein wälzenden 98-Fans registrierten kaum, dass der Uffstiech nochmals bedenklich wackelte. Es drohte die Tragödie, aber Pfosten, sich den Abprallerabschlüssen entgegen werfende Leiber und der befreiende Schlag von Dominik Stroh-Engel Richtung Paderborn konterkarierten die Horrorvision. Noch einmal Eckball: Die Kugel glitt an Freund und Feind vorbei, ehe der Unparteiische endlich das größte Kickdrama seit dem Wunder von Bern mit einem entschlossenen Atemzug in sein Signalgerät ebenso beendete wie das 21jährige Exil der Sportvereins Darmstadt von 1898 in den unterklassigen Hemisphären.

Ist das wirklich erst drei Jahre und vier Monate her? Gefühlsmäßig war es vorgestern. Seitdem schwebt der SV98 auf Wolke Sieben (vielleicht von Meierschen Intermezzos abgesehen) und ist wieder eine feste Kickgröße in deutschen Landen. Wahrscheinlich haben die Lilien in ihrer stolzen Vergangenheit schon technisch schönere Spiele abgeliefert (vorrangig natürlich das legendäre 7:0 gegen den Närmbecher Glubb), doch bezüglich Emotion, Leidenschaft, Kampf bis zum Erbrechen, Zusammenhalt und auch Wertigkeit wird der Almauftrieb wohl ewiglich als Nummer Eins glorifiziert.

Und sollten Aytac Sulu und Sandro Sirigu irgendwann oder irgendwo sich mit ihren blau-weißen Heldenkollegen aus dem Mai 2014 in einer Kneipe treffen, werden sie „Casablanca“ (damit ist nicht Offenbach gemeint, sondern der Filmklassiker) parodieren und ihren damaligen Beginn von vielen wunderbaren Freundschaften nach dem vierten Bier bzw. achten Hütchen mit dem leicht abgeänderten Kultspruch vertiefen: „Uns bleibt immer Bielefeld“.

Ob Elton da Costa am Sonntag im altehrwürdigen Stadion an der Nieder-Ramstädter weilt, ist nach derzeitigem Stand mehr als fraglich. Er hat als Spielertrainer des FC Kalbach die Verpflichtung, fast parallel seine neue Mannschaft auf das Gruppenligamatch beim FSV Friedrichsdorf nahe Bad Homburg einzustellen. Vielleicht kann er ja beim Almrückspiel an der Stätte seines größten Triumphes vor Ort sein. Doch zunächst einmal gilt es jetzt am Bölle, nach dem Bochumdämpfer die Spitzengruppenetablierung gegen die Arminia zu festigen. Auch ohne dem im Hochtaunus die Daumen drückenden Elton, quälender Verlängerung und epochaler Nachspielzeit der Nachspielzeit….

BWG

 

 

 

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James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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