Dienstag, 10 Oktober 2017

Top 5 der „Glubb“–Klatschen am Bölle

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, SV98 Historisch, Tags 1_FC Nürnberg 2_Bundesliga Heimspiel Saison 2017-2018 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2065

#D98FCN

Top 5 der „Glubb“–Klatschen am Bölle

SV Darmstadt 98 gegen 1. FC Nürnberg: Fürwahr eine Paarung, die vor allem den am Skalp ergrauten Old School – Fan inbrünstig jauchzen lässt. Am kommenden Montag erlebt der in den 1970er Jahren begründete „El Clásico“ seine siebzehnte Auflage am Bölle. Lange vor den beiden Mainschiffern aus einem nicht geschlossenen Rinnsal und einem Flussübergang des Sinatravornamens war der ruhmreiche Club für die Lilien das signifikanteste Synonym einer prickelnden Nonstopfehde.

Es gibt aktuelle Zweitligagegner, deren Anziehungskraft geeichte 98er nicht gerade vom Hocker reißen. Der 1. FC Heidenheim oder der SV Sandhausen passen z.B. in diese Kategorie, ohne den beiden Baden-Württembergern allzu sehr auf den Attraktivitätsschlips treten zu wollen. Und es gibt Konkurrenten, deren Bezeichnung in einem die pure Wollust auf einen packenden und nostalgischen Fußballfight weckt. Für diese „Spezies“ gilt sicherlich der Club als Paradebeispiel.

Der Mythos Blau-Weiß vs. Weinrot-Schwarz entstand wie schon erwähnt in den 70ern, als die beiden Erzrivalen neun Jahre eine mehr oder weniger harmonische Ehe führten. Egal ob Regionalliga, Zweite Liga oder Bundesliga: Zwischen 1971 und 1980 hingen der Sportverein und der 1. Fußball-Club wie Kletten aneinander und trotz diverser Reibereien auf und neben dem Fußballplatz (die Kreuzung von Lilie und Seerose war nicht immer kompatibel) hielt das Treuegelübde bis 1980, als die Hassliebe zwischen Südhessen und Mittelfranken wahrscheinlich inspiriert von der gleichzeitig in deutschen Kinos uraufgeführten Scheidungsschnulze „Kramer gegen Kramer“ dann doch in die Brüche ging.

Am Dutzendteich bekam der SV 98 während jener Ära regelmäßig sportliche Hiebe auf die blau-weiße Mütze. Bis heute konnte eine blau-weiße Auswahl noch nie in Nürnberg gewinnen, sieht man mal vom 1:0-Sieg 2010 ab (da fungierten allerdings nicht die FCN-Profis, sondern die Regionalligabubis als Widersacher). Dafür hielten sich die Lilien in den eigenen vier Wänden meist schadlos und deswegen fokussieren wir unsere Berichterstattung auf die teils legendären Heimpartien.

Am Montag gibt der einstige Rekordmeister (neun Victorias bzw. Salatschüsseln stemmte man zwischen 1920 und 1968 gen Firmament) also mal wieder ein Stelldichein in unserer schönen Residenzstadt. Bis auf die Erstausgabe fanden alle Gefechte im altehrwürdigen Stadion an der Nieder-Ramstädter Straße statt. Die Premiere in der erstklassigen Oberliga Süd ging anno 1950 im Hochschulstadion über die Bühne, weil das zwischen 1945 und 1950 von den US-Besatzern durch Innings und Runs des Baseball verunglimpfte Bölle noch Sanierungsmaßnahmen des Pungschter Architekten Werner Grund benötigte.

Der „Närmberscher Glubb“ (fränkisch schreiben ist einfacher wie reden, da wir akustisch das „R“ nicht so klangvoll rollen können wie z.B. der lokale Ureinwohner „Loddar Maddeus“) gewann zum Debüt trotz einem Doppelpack des überragend auftrumpfenden Rudi Leichtlein 3:2, was sich aber in der heutigen Betrachtung eher als Eintagsfliege erweisen sollte. Am Bölle erbeutete die Elf vom Valznerweiher lediglich drei Siege und zwei Unentschieden. Ansonsten avancierte der FCN zur seelischen Erquickung aller Heiner zum desillusioniert mit leeren Händen heimfahrenden Gast.

Stolze neunmal zog der SV98 in seiner Heimstätte dem „Lieblingsantagonisten“ die nicht aus Leder bestehenden Hosen aus (Nürnberg gehört zwar geographisch zu Bayern, aber ein Franke bleibt logischerweise ein Franke und ist kein Bajuware). Aus diesem imposanten Erfolgstakkato haben wir vor dem (hoffentlich) bevorstehenden zehnten Sieg abhängig von Wertigkeit und Qualität die fünf epochalsten blau-weißen Husarenritte herausgepickt und in ein spezielles Ranking gepresst, wobei natürlich jeder Lilie klar sein sollte, welches Match auf der Nummer Eins landet…

Platz Fünf / 28.11.1971 / 1:0
Vor der Saison 71/72 vollzog der SV98 sowohl auf dem Trainerstuhl als auch im Spielerkader eine Zäsur. Nach der Hessenligameisterschaft 1971 und dem Wiederaufstieg in die Regionalliga Süd wurde Udo Klug von den Attila-Amateuren losgeeist. Der neue Übungsleiter „wilderte“ nach seiner Verpflichtung im alten Gehege und fing mit einem Schlepptau einige vielversprechende Kicker für einen Umzug vom Main an den Woog ein. U.a. Jockel Weber, Gert Deutsch, Ede Westenberger und ein gewisser Hansi Lindemann, der sich für die allererste Nürnberger Pleite auf Darmstädter Grund und Boden verantwortlich zeigte. In der 61. Minute deutete Schiedsrichter Blum aus Mannheim zum Entsetzen der heftig protestierenden Franken auf den Punkt, nachdem der Ball in Folge eines Gerangels Günter Michl gegen die Hand prallte. Hansi Lindemann ließ sich von den FCN-Reklamationen nicht ins Bockshorn jagen und verwandelte aus elf Metern zum Golden Goal, das endlich den Premierensieg gegen das weinrote Ensemble dokumentierte.

Platz Vier / 13.12.1975 / 3:1 n.V.
Das einzige DFB-Pokalaufeinandertreffen (dritte Hauptrunde) führte die 70er-Daueropponenten beim Weihnachtsbaumkauf 1975 zusammen. Wenige Tage zuvor hatte der Sportverein Goalgetter Rainer Künkel zum großen FC Bayern verscherbelt. Außerdem musste Coach Udo Klug nicht nur den Ausfall von Jockel Weber und Willi Wagner, sondern auch das frühe verletzungsbedingte Ausscheiden von Manni Drexler kompensieren und vertraute Karl-Heinz Schleiter den Jokerjob an. Derweil haderte der Club wie schon 1971 mehr mit einem Unparteischen aus Mannem alias Mannheim als mit sich selbst. Unmittelbar vor der Halbzeit zückte Jürgen Messmer beim Stand von 1:0 pro SV98 (Torschütze Bernhard Metz) die rote Karte für Rudi Sturz nach einem branchenüblichen Foul an Hansi Lindemann. Dennoch mussten die Lilien während der regulären Schlussphase in personeller Überzahl den Ausgleich von Hans Walitza schlucken. Lange vor den Dramen im französischen Ludwigspark und auf einer ostwestfälischen Alm stand ergo eine Verlängerung auf der Agenda. Die währte gerade einmal 120 Sekunden, als das goldene Händchen von Klug Früchte trug und Schleiter mit einer herrlichen Bogenlampe Marke Tor des Monats den Ball zum 2:1 einschweißte. Wiederum Metz besiegelte in der 98. Minute (wann auch sonst?) durch sein 3:1 den Sprung ins Achtelfinale, wo dann sechs Wochen später auf dem schneebedeckten Ground des FC Homburg Endstation war (0:3), während den frustrierten FCN-Protagonisten nach der Heimfahrt die Rostbratwürste auf dem Christkindlmarkt im Hals stecken blieben.

Platz Drei / 27.10.2014 / 3:0
Der 1. FC Nürnberg muss sich bei seinem kommenden Pflichtspieleinsatz sehr warm anziehen. Schließlich ist es ein Montagabend und an diesem relativ ungewöhnlichen Kicktermin sind die Lilien praktisch unschlagbar. Siehe Bielefeld, Karlsruhe oder der bis dato letzte Vergleich SVD vs. FCN am Bölle vor fast exakt drei Jahren, den auch die jüngeren Anhänger noch auf dem Schirm haben und dabei erahnen konnten, welche Abfuhrregister der Sportverein schon immer gerne gegen die Franken gezogen hat. Als Sensationsaufsteiger mischte das Team von Dirk Schuster die Zweite Liga auf und der Club war mal wieder frisch aus der Bundesliga abgestürzt. Die damalige Reinkarnation des lange verschollenen Evergreens wurde (im Gegensatz zu heute) noch frei empfänglich in der Glotze übertragen, weshalb Günther Jauch eine drastische Einschaltquotendezimierung seiner WWM-Sendung konstatieren musste. Die echten „Millionäre“, die ein Ticket ergattern konnten, saßen oder standen sowieso in der restlos ausverkauften Hütte am Bölle und bestaunten drei blitzsaubere Tore vom Platzhirsch. „DSE“ (erster Treffer nach einer Durststrecke von fünf torlosen Partien), Leon Balogun und Tobi Kempe legten einen wegweisenden Grundstein für den sich ca. ein halbes Jahr später anschließenden Wunderdurchmarsch ins deutsche Fußballoberhaus und schickten den überforderten Altmeister mit drei Peitschenhieben zur erzürnt wartenden Nymphe Noris zurück, die deswegen ihre vergebens auf körperbetonte Trostpflaster hoffenden Schützlinge durch eine Umwandlung in den Frigiditätsmodus erbarmungslos abwatschte.

Platz Zwei / 08.04.1978 / 2:0
Den sportlich wertvollsten Bonus gegen den Club heimste der Sportverein vor über 39 Jahren ein. Es war eine atemberaubende Konstellation, die am 32. Spieltag die seinerzeit beiden besten Zweitligamannschaften der Südabteilung aufeinanderprallen ließ. Die Lilien empfingen mit einer weniger ausgetragenen Begegnung und einem Punkt Rückstand den fränkischen Tabellenführer. 26000 Zuschauer drängten sich in den überkochenden Hexenkessel. Nie zuvor und danach konnte der blau-weiße Tempel eine solch pompöse Zweitligakulisse aufweisen. Glanzlichter der sogenannten Feierabendprofis waren insbesondere zwei Haudegen: Walter Bechtold strahlte als ruhender Abwehr-Pol eine solche Souveränität aus, dass jeglicher FCN-Offensivgeist im Keim erstickte. Und der in Nürnberg ausgebildete und in der Vorwoche leider von uns gegangene Manni Drexler wusste gegen seinen Ex-Verein, wie man in Big Point – Krachern zu Werke geht. Peter Ces-to-naro und Jockel Weber köpften die „Buchmänner“ zum 2:0 bzw. zur Besteigung des Ligagipfels, den sie im weiteren Saisonverlauf nicht mehr preisgaben. Wenige Wochen später perfektionierten völlig euphorisierte 98er den ersten Bundesligaeinmarsch. Immerhin zogen die Cluberer kurz darauf in der Relegation nach und schmetterten dank einem 1:0 im Frankenstadion und dem entscheidenden 2:2 bei Horst Hrubesch & Co. an der Hafenstraße den alten Gassenhauer „Wen woll´n wir fressen? – Rot-Weiß Essen!“…

Platz Eins / 13.05.1973 / 7:0
Unvergessen, unauslöschlich, ewiglich, sagenhaft: Das sind nur vier von rund 1898 Adjektiven, die annähernd das bestmögliche Lilienspiel des zwanzigsten Jahrhunderts umgarnen. Den Rahmen für das effektivste fränkische Frackverhauen (und das fünf Jahre nach der letzten deutschen Meisterschaft) bildete der finale Regionalligaspieltag 72/73. Der Sportverein war schon für die Bundesligaaufstiegsrunde qualifiziert. Es ging „nur“ noch darum, ob man als Erster oder Zweiter die Runde beendet. Nach dem kulinarischen Verzehr im Hotel Mama zu Ehren des Muttertags flanierten die Väter respektive Herren der Schöpfung mit vollgestopftem Wampen und aufgeblähter Leber ans Bölle, um eines der magischsten Nonplusultras der blau-weißen Historie einzusaugen. Sicherlich war das Alm-Relegationsmirakel bezüglich der sportlichen Zukunft wichtiger und aufgrund des brasilianischen Last Minute - Einschlags auch emotionaler, aber nie hatte der Sportverein eine technisch so grazile und mondäne Performance abgeliefert wie einst im Mai. Dass jener Nachmittag eine solch überproportionierte Dimension annahm, konnte natürlich niemand prognostizieren. Umso entrückter bestaunten 21000 Heiner das von Hansi Lindemann, Rudi Koch, Herbert Dörenberg (2), Jockel Weber und Walter Bechtold (hinzu gesellte sich ein Eigentor) produzierte Scheibenschießen. Die Lilien schlugen den waidwunden Club nicht einfach. Nein, sie tranchierten ihn nach allen Facetten der blau-weißen Kunst. Durch dieses wunderbare Remake von „Sieben auf einen Streich“ wurde das tapfere südhessische Schneiderlein im abschließenden Klassement mit dem schmucken Accessoire der Regionalligameisterurkunde belohnt. Elf Monate später ließ der Sportverein übrigens Gnade vor Recht walten und kanzelte im April 1974 den belämmerten FCN „nur“ mit einem „mickrigen“ 4:0 ab.

Na dann drücken wir mal die Daumen, dass der 1. FC Nürnberg am Montag seinem selbst kreierten Slogan „De Glubb is a Depp“ am Bölle Nachdruck verleiht und die Punkte „wie gewohnt“ auf das 98er-Konto fließen. Vielleicht watschen die Lilien den FCN ja wieder mal ab, so dass die geschilderten „Top Five“ sogar neu hierarchisiert werden „müssen“…

In diesem Sinne
BWG

 

 

 

Liken & Teilen

Social Bookmarks

Previous/Next Link

Über den Autor

James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

Hinterlasse einen Kommentar

Du kommentierst als Gast