Montag, 29 September 2014

SV98 vs. F95 - Die Vergangenheit

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, SV98 Historisch, Tags Fortuna Düsseldorf SV Darmstadt 98, Aufrufe: 1872

Rafa Sanchez verlädt Jörg Schmadtke im Hin- und Rückspiel

SV98 vs. F95 - Die Vergangenheit

_Prolog:
SV Darmstadt 98 gegen Fortuna Düsseldorf: Der Zweitligakracher nächsten Sonntag am Bölle klingt nicht nur nach, sondern ist auch ein gewaltiger Traditionsbrocken auf der deutschen Fußballlandkarte. Grund genug, auf die zehn früheren Vergleiche zwischen Südhessen und Rheinländer zurückzublicken.

_Match 1 (16.09.1978):  SV Darmstadt 98 – Fortuna Düsseldorf 1:6
Die Uraufführung des Kulttreffs begutachteten rund 18000 Fans am Bölle. Es war das dritte Bundesligaheimspiel nach dem unvergessenen Sensationsaufstieg 1978 (zuvor 0:0 gegen quakende Spree-Frösche sowie 2:2 gegen teuflische Ahnen von Fritz Walter) und die Fortuna trug sich gleich bei der Premiere als Mannschaft, welche dem SV98 die erste Fußballoberhausniederlage im eigenen Wohnzimmer an der Nieder-Ramstädter-Straße zufügte, in die Darmstädter Geschichtsbücher ein. Dass die heimische Debütpleite  Abfuhrdimensionen annahm, kam noch erschwerend hinzu. Dabei hatte Lothar Buchmann, der damalige „König der Lilien“, nach den fünf sieglosen Einstiegspartien vor dem Anstoß noch vollmundig getönt: „Ich habe schon vor der Saison gesagt: Die Runde beginnt für mich erst mit der Partie gegen Düsseldorf“ und spielte mit diesem Statement auf die zuvor verletzten bzw. angeschlagenen Stammsäulen Manni Drexler, Willi Wagner, Uwe Hahn, Hansi Lindemann und Peter Cestonaro an. Doch der Zuversichtsschuss ging bitter nach hinten los. Willi Weiß und Ede Westenberger bekamen die Sturmzange Klaus Allofs (der heutige VW-Manager stand noch am Anfang seiner Kickkarriere und absolvierte wenige Wochen später beim 4:3 in Prag gegen die CSSR sein erstes DFB-Länderspiel) und Wolfgang Seel nie in den Griff. Reinhold Fanz (wurde später einmal von Fidel Castro als Coach für das kubanische Nationalteam verpflichtet) und der Däne Fleming Lund legten ein 2:0 vor. Jockel Weber gelang zwar kurz vor der Pause ein Anschlussverfahren, aber Seel und ein Allofs-Doppelpack (plus einem Weiß-Eigentor) besiegelten in der zweiten Hälfte die Klatsche  (damals höchster Auswärtserfolg der F95-Bundesligahistorie).  

_Match 2 (17. März 1979): Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98  4:0
Auch zur Zweitausgabe der Bundesligasaison 78/79 respektive dem 98er-Erstauftritt im Rheinstadion gab es für die Lilien nichts zu erben. 12000 Zuschauer verloren sich im weiten Rund, darunter rund 800 Blau-Weiße der heutigen Ü50-Fraktion, die sich natürlich nicht nehmen ließen, als seinerzeitige Jungspunde ihre Altbierfeuertaufe in der Düsseldorfer Altstadt zu nehmen. Unterstützt von einigen schwäbischen VfB – Weggefährten jener Tage waren die diversen Scharmützel auf der „Kö“ Kindergeburtstage im Vergleich zu der sportlichen Klassenunterschiedsdokumentierung „nebenan“ auf der grünen Wiese. Klaus Allofs schlug erneut doppelt zu und ist deshalb mit insgesamt vier Buden als erfolgreichster Einnetzer der internen Konfrontationen SV98 contra Fortuna in den Annalen verewigt. Den Rest erledigte Gerd Zimmermann in zweifacher Ausfertigung. Nach dem 0:4 war der Klassenerhalt zwar noch rechnerisch möglich, allerdings unwahrscheinlich. So sah es auch die blau-weiße Brigade, die an der längsten Theke der Welt den Kummer literweise hinunterspülte und die Konsequenzen eines stundenlangen „Uerige“ – Aufenthalts mit einem Toiletten-Abo beim brennenden „Day After“ bezahlen musste.

_Match 3 (12. September 1981): Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98  2:2
Nach dem zweiten (diesmal von Werner Olk produzierten) Bundesligaaufstieg 1981 schlenderte der 98er-Konvoi aufgrund von vier Zählern aus den ersten fünf Begegnungen (alte Zweipunkteregel) durchaus selbstbewusst an den Rhein. Auf der Fortuna-Bank saß mit Jörg Berger ein alter Bekannter, der nach seiner DDR-Flucht die ersten Übungsleitermeriten auf westdeutschem Terrain als unmittelbarer Vorgänger von Olk am Bölle verdiente. Erneut war die Kulisse im großen 74er WM-Stadion überschaubar (10000), darunter etliche Pungschter, die trotz heimatlicher Halligalli-Kerb einen kurzfristigen Ausflug ins Marathonkirchweihtreiben einschleusten. Dafür wurden sie in der 19. Minute belohnt, als Guido Stetter, der gerade seinen Nickname als „Darmstetter“ eroberte, einen von Schlussmann Horst Dreher zu kurz abgewehrten Schuss Oliver Posniaks über die Linie drückte. Der Sportverein bildete klar die bessere Einheit und verpasste mehrfach die Entscheidung. Dagegen machte die Fortuna ihrer römischen Glücksgöttin-Herkunft alle Ehre. Berger zog mit Günter Thiele und Joachim Hutka (der Pole darf sich rühmen, seinen einzigen Bundesligatreffer gegen den SV98 erzielt zu haben) zwei passende Joker (66.) und zehn Minuten später hatten die Einwechselakteure das Blatt gedreht. Aber auch Werner Olk zauberte noch ein Ass aus dem Ärmel und schickte Rudi Collet auf das Geläuf. 180 Sekunden vor dem Kehraus zwirbelte Collet einen Freistoß von der linken Seite in seiner unnachahmlich raffinierten Manier ins kurze Eck (ebenfalls seine einzige Bundesligabude) und rettete den Lilien ein mehr als gerechtfertigstes 2:2.

_Match 4 (27. Februar 1982): SV Darmstadt 98 – Fortuna Düsseldorf  2:2
Eine halbe Stunde nach dem abschließenden Pfeifensignal von Schiedsrichter Roß aus Ingolstadt herrschte in den Katakomben der Bölle-Tribüne eine deprimierende Stimmung. Der Sportverein verpasste auch beim vierten (und bis heute letzten) Bundesligameeting mit der Fortuna einen Sieg und musste sich wie schon im Hinspiel der Saison 81/82 mit einem 2:2 begnügen. Neun Tage nach dem Flutlichtpremierenschock gegen Leverkusen (1:3) fragten sich nicht nur die offizielle Gremien: „War´s das schon mit dem Ligaverbleib?“. Ein paar Wochen später erhielten die pessimistischen Unkenrufe eine Bestätigungsantwort. Der SV98 gewann nur noch einmal auf dem Oberhausparkett und wurde nach dem Abstieg nie mehr erstklassig protokolliert (vielleicht ändert sich dieser Status ja 2015, doch das ist eine andere Wunschtraumstory). Anno ´82 ließ Keeper Frank Berlepp einen Kopfball vom isländischen Geysir-Häuptling Atli Edvaldsson passieren, ehe Bodo „Ballermann“ Mattern per Foulelfmeter und Kopf zum Wendemanöver blies. Ein abgefälschter Allofs-Schuss (diesmal der Thomas, sein Bruder Klaus war vor der Runde zum Düsseldorfer Erzrivalen ins Geißbockheim gewechselt) sorgte dann für den finalen Score respektive den Anfang vom Darmstädter Bundesliga-Schlussstrich.   

_Match 5 (25. August 1987): Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98  0:1
Fünf Jahre lang gingen sich F95 und SV98 aus dem Weg. Erst als die Fortuna nach sechzehn ununterbrochenen Bundesligaspielzeiten 1987 in den sauren Abstiegsapfel beißen musste, kreuzte das Tandem zur innerbetrieblichen Zweitligaouvertüre wieder die Klingen. In einem Wochenspiel (Dienstagabends) konstatierten die Lilien nach den vier vergeblichen Oberhausversuchen endlich den ersten Sieg. Rafael Sanchez knipste im Rheinstadion zu Beginn der zweiten Hälfte aus zehn Metern zum „Golden Goal“ ein. Jörg Schmadtke, heute ein „paar Kilometer“ weiter am Rhein entlang für die sportlichen Geschicke des „Eff-Zeh“ verantwortlich, hatte keine Abwehrmöglichkeit. Sein Gegenüber Rainer Berg erwischte einen Sahnetag und hielt die beiden Zähler fest, nichtsahnend, dass ihm elf Monate später in einem französischen Saar-Departement ein paar dicke Parierzacken aus der Krone brachen.     

_Match 6 (19. März 1988): SV Darmstadt 98 – Fortuna Düsseldorf  1:0
Spiel mir noch einmal das Lied vom 1:0-Erfolg über F95: Angespornt durch dieses Motto trällerte Rafa Sanchez beim Rückspiel auch ohne die Begleitmusik von Ennio Morricone seine angenehme Déjà–vu – Arie. In einer richtungweisenden Auseinandersetzung der Spitzenreiterverfolgermeute (fast identische Tabellenkonstellation wie vor dem kommenden Sonntag) erkor der Deutsch-Spanier die Fortuna endgültig zu seinem Lieblingsopponenten und markierte gegen den erneut bedröppelt dreinschauenden Jörg Schmadtke wiederum das Tor des Tages. Friede, Freude, Eierkuchen also beim SV98. Mit Ausnahme von einigen älteren Zaungästen, die schmerzhafte Reminiszenzen an das „Schlägerspiel“ auf die heimische Couch transportierten, weil rheinische Vandalen das Bölle in ein Schlachtfeld umwandelten und mit langen Stöcken nebst Regenschirmen willkürlich auch auf Frauen und Kinder eindroschen. Die apathisch-defensive grüne Armee der Freund und Helfer – Jünger stellte sich durch ihre Tatenlosigkeit genauso erbärmlich ins Abseits. Im Namen von Justitia bestrafte ja der germanisch-iberische Torero Sanchez die Düsseldorfer. Beim  Rundenende standen dann beide Parteien im Regen: Die Fortuna wurde lediglich Fünfter und über das blau-weiße Abenteuer im Land der Welsche hüllen wir hier den Mantel des Schweigens. Relegationsmäßig ist heutzutage in DA und Umgebung „nur“ noch das Wunder von der Alm im Gedächtnis verankert.  

_Match 7 (10. September 1988): Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98  1:2
In der Saison 88/89 wiederholte der SV98 das Kunststück, die Fortuna zweimal binnen einer Runde zu bezwingen. Eine weitere Aufwertung dieses Aspekts gebührt der Tatsache, dass Düsseldorf  am Ende souveräner Meister wurde und in die Bundesliga zurück marschierte. Beim Hinspiel im Rheinstadion demonstrierten die Lilien ein Effizienzglanzstück allerbester Güte: Zwei Chancen gleich zwei Tore. Uwe Kuhl und Sekunden nach seiner Einwechslung Dieter Trunk schufen die Basis für den neuerlichen Auswärtstriumph. Das 1:2 der Hausherren durch Michael Schütz fiel dann zu spät, um noch einmal den Zitteraal aus seinem Versteck zu locken. F95-Coach Aleksandar Ristic „was not amused“ über die Vollstreckerqualitäten seiner Sturmgarde – verständlich beim Anschauungsunterricht eines Eckenverhältnisses von 13:0 und dem darauf resultierenden klaren Übergewicht an Einschussmöglichkeiten. An seiner alten Wirkungsstätte gab Michael Blättel ein vielversprechendes Debüt als umsichtiger Libero im blau-weißen Dress und bescherte seinem Chef Werner Olk (zweite Amtszeit am Bölle) einen wichtigen Befreiungsschlag nach einem schwierigen Wiedereinstand.

_Match 8 (1. April 1989): SV Darmstadt 98 – Fortuna Düsseldorf  2:1
Zum zweiten Sendetermin 88/89 an der Nieder-Ramstädter-Straße schlenderte Werner Olk längst nicht mehr die Seitenlinie auf und ab. Für ihn schwang – nach einer Interimsphase unter Rainer Scholz – Weltenbummler Eckhard Krautzun in beeindruckender Art und Weise das Trainerzepter. Das 2:1 am Bölle war der fünfte von sechs einleitenden Comebacksiegen des weitgereisten Globetrotters, der ja im Frühjahr 1989 zum zweiten Mal sein Fußballdomizil in die südhessische Residenzstadt verlegte, während sich die Fortuna im falschen Film wähnte oder an einen schlechten Aprilscherz glaubte. In einem echten Spitzenspiel kauften die leidenschaftlichen Heiner den technisch besseren Rheinländern kämpferisch den Schneid ab. Freddy Heß schädelte nach einem Eichenauer-Freistoß im Flug zum 1:0 ein und Bernhard Trares verwertete einen Flankenlauf von Dieter Gutzler zur Vorentscheidung. Wie ein halbes Jahr zuvor bedeutete das 1:2 (diesmal Sven Demandt) nur noch Ergebniskosmetik. 11000 Fans verabschiedeten ihre Schützlinge mit tosendem Applaus unter die wärmende Dusche.    

_Match 9 (26. August 1992): Fortuna Düsseldorf – SV Darmstadt 98  4:1
Mit dem Siegquartett binnen 24 Monaten war es im Gerangel um ein Erfolgserlebnis gegen die Fortuna vorbei mit der Lilienherrlichkeit. Allerdings stand die Partie auch nur noch zweimal während der Spielzeit 92/93 auf dem Totoblock. Beide Partien gingen an Rot-Weiß – ein Umstand, der beim Nachkarten weder F95 trösten noch den SV98 besonders ärgern konnte, denn beide Vereine stiegen beim Ausklang unisono in ihre jeweiligen Amateuroberligen ab. Insbesondere für die Fortuna hatte der Sturz einen faden Beigeschmack, denn der Fahrstuhl sackte wegen dem Durchmarschraster von der Bundesliga hinunter in die nordrheinische Anonymität sehr tief ab (erstmals nach dem Krieg drittklassig). An ein solches Worst Case – Szenario dachte die Elf vom Flinger Broich beim Hinspiel 92/93 natürlich noch nicht. Zweimal Andrzei Buncol, Stefan Strerath und Wolfgang Homberg kanzelten die Lilien bei einem Gegentreffer von Stefan Trautmann respektlos 4:1 ab und hofften im August noch auf den Wiederaufstieg ins Oberhaus, ehe der Albtraum in Form des Abstiegsgespenstes peu á peu Gestalt annahm.

_Match 10 (3. April 1993): SV Darmstadt 98 – Fortuna Düsseldorf  0:1
Die bis zum kommenden Sonntag letzte Gegenüberstellung ist als „traurige Goldene Ananas des Zweitligakellers“ protokolliert. Im Rahmen der Mammutsaison 92/93 (24 Vereine fighteten nach Installierung der DDR-Vereine und Wiedervereinigung von Nord- und Südstaffel gegen sieben Abstiegsplätze) empfing der Ranglistenvorletzte SV98 den Träger der roten Laterne. Lediglich 2500 Unentwegte entrichteten für den Krisengipfel noch ihren Obolus. Ein gewisser Lars Brögger (der Däne dürfte selbst dem enthusiastischsten Fußballexperten kaum ein Begriff sein) wurde die Ehre zuteil, durch seine entscheidende Bude das Kapitel zwischen Darmstadt und Düsseldorf für die anschließenden 21 ½  Jahre zu schließen. Wenige Wochen darauf wanderten SVD und F95 Hand in Hand in die tiefer gelegene Kicketage und tummelten sich fortan auf den regionalen Provinzschauplätzen.

_Epilog:
Selbst Mohammed, der vom Fußballspiel angeblich nichts verstehende Prophet, würde für die anstehende Renaissance des Kultklassikers prognostizieren, dass sich nicht so wie anno 1993 mickrige 2500 Zuschauer im Darmstädter Kicktempel verirren. Das Bölle dürfte aus allen Nähten platzen und erstmals in dieser Saison restlos ausverkauft sein. Schließlich sind Lilien und Fortunen nach ihren Odysseen von Waldgirmes bis Klein-Karben (SVD) bzw. Freialdenhoven bis Ratingen (F95) längst wieder auf der angestammten Rampenlichtbühne zu Hause, wo sie nach traditionellem Erbpachtrecht unabänderlich auch hingehören und messen sich auf Augenhöhe in der Zweitliga-Beletage: Zweiter gegen Siebter respektive stärkstes Heimteam gegen zweitbeste Auswärtsmannschaft verspricht Hochspannung samt Dramatik. Und wenn sich Mohammed aus der schönen Farbenpracht wirklich das Blau-Weiß ausgedacht hat, Christian Mathenia seine weiße Heimweste nicht beschmutzt und Tobias Kempe sein Standardrepertoire abruft und Marcel Heller seine Flankenläufe rentabel hinwirbelt und DSE wieder die Hütte trifft und natürlich die Sonne scheint – dann ist der nächste Coup des Sensationsneulings perfekt.

In diesem Sinne BWG

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James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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