Donnerstag, 31 März 2016

Rudi Koch sticht Ottmar Hitzfeld als Joker aus

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, Tags Bundesliga Heimspiel Saison 2015-2016 Special SV Darmstadt 98 VfB Stuttgart, Aufrufe: 2408

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Rudi Koch sticht Ottmar Hitzfeld als Joker aus

Special zum Heimspiel gegen den VfB Stuttgart

Lediglich rund 180 Autobahnkilometer trennt die südhessische Residenzstadt von der württembergischen Metropole. Dennoch konnte sich der rote VfB-Brustring anders als sein blauer Lokalrivale vom Degerloch (die Stukis sind der Rekordgegner des SV98) nur fünfmal seit Kriegsende aufraffen, Reisekosten für die relativ kurze Strecke zu entrichten und in der Heinerheimat um Punkte zu kämpfen. Vor dem enorm wichtigen Duell Nummer Sechs am kommenden Samstag blicken wir auf die bisherige Handvoll der - typisch schwäbisch halt - sparsamen Stippvisiten zurück.

Am 11. März anno 1951 stieg die Premiere zwischen dem Sportverein von 1898 und dem Verein für Bewegungsspiele auf Darmstädter Grund und Boden. Allerdings nicht am noch von Pitcher- und Batter-Yankees annektierten Bölle, sondern im Ausweichquartier Hochschulstadion. Zum besseren Verständnis der damaligen Fußballhierarchie muss noch erklärt werden, dass die Lilien ein dreiviertel Jahr zuvor erstmals in eine höchste Klasse aufgestiegen waren (Oberliga Süd) und der VfB praktisch parallel dazu seine erste von fünf deutschen Meisterschaften einheimste. Im Berliner Finale hatte sich die Mannschaft um den seit 1948 ohne linken Unterarm (wurde ihm nach einem Autocrash amputiert) Regie führenden Kapitän Robert Schlienz 2:1 durchgeboxt.

Und gegen wen? Ja genau: Gegen den 98er-Nonplusultra-Erzfeind aus Oxxenbach!! Der Legende nach steigerte die Kunde der Kickers-Niederlage den ohnehin ausgelassenen Stimmungspegel auf der gleichzeitigen Darmstädter Aufstiegsfeier noch einmal ins Unermessliche. So trat zum bereits erwähnten 1951er Märztermin also nicht der OFC, sondern der VfB als amtierender Champion im Hochschulstadion an. Nach dem 1:1 im Hinspiel rangen die Lilien auch beim Rückkampf vor 11000 Zuschauern dem Favoriten ein Unentschieden ab. 3:3 hieß es am Ende und keiner ahnte, dass dieses eher ungewöhnliche Resultat sowohl beim ersten als auch 31 Jahre später beim bis dato letzten Heimspiel gegen den Brustring auf dem Spielberichtsbogen eingraviert wurde.

Die 3:3-Debütausgabe war jedoch eher als Punktverlust einzustufen. Nach der erwarteten und frühen Gästeführung drehten Walter Becker, der schon im Hinspiel einnetzende und 2013 im Alter von 87 Jahren verstorbene Ludwig Herwig sowie Georg Reeg den Score bis zur 22. Minute in ein sensationelles 3:1. Scheinbar litt aber auch die damalige blau-weiße Auswahl an einer ähnlichen Schlussphasenseuche wie die heutige Bundesligatruppe. Nach dem Anschlussverfahren klingelte es unmittelbar vor dem Abpfiff ein drittes Mal im Kasten von Keeper Jakob Müller und schwups war der Sieg perdu, was wenige Wochen später im Abstieg mündete. Hoffentlich kein schlechtes Omen für die laufende Saison…

Aufgrund der bis 1975 permanenten Stuttgarter Erstklassigkeit dauerte es geschlagene 24 Jahre, ehe sich die Wege wieder kreuzten. Es bedurfte schon des ersten und einzigen Stuttgarter Absturzes aus der Bundesliga, um erneut auf einem Level den Ball zu jonglieren. Diesmal also ein Stockwerk tiefer in der Südabteilung von Liga Zwei. Am vierzehnten Spieltag 75/76 gab es die Uraufführung am Bölle. Andere Stätte, gleiches Malheur: Erneut trieb das vermaledeite Schlussphasengespenst sein Unwesen auf Kosten des Sportvereins.

 

Peter Cestonaro

 

Zunächst stand der achte Oktober 1975 aber wegen einem freudigen Anlass im Fokus, denn die durch Initiative von Vorstandsboss Schorsch Schäfer und Ehrenpräsident Jakob Mengler um- bzw. ausgebaute Tribüne wurde eingeweiht – praktisch so, wie wir sie immer noch schätzen. Was heute für Möchtegern – VIPs anrüchig daherkommt, für die Traditionalisten aber dem „Altehrwürdigen“ seinen Charme verleiht, galt damals (man höre und staune) als hochmodern. Voll des Lobs war insbesondere der Mann mit der Mütze. Bundestrainer Helmut Schön beehrte drei Jahre vor seiner Cordoba - Schmach genau so das Bölle wie Bundestagspräsident Hans Wagner, Sozialminister Horst Schmidt und Bürgermeister Horst Seffrin.

Der hohe Besuch, das neue Wohnzimmeroutfit und 15000 erwartungsfrohe Fans beflügelten zunächst den SV98. Manni Drexler und Goalgetter Rainer Künkel legten für den Platzhirsch ein rasches 2:0 vor, ehe der spätere Turbanträger Dieter Hoeneß in seinem ersten Profijahr noch vor der Pause verkürzte. Das Guthaben hielt bis zur 83. Minute. Danach brach das blau-weiße Bollwerk zusammen. Urgestein Hermann Ohlicher und Werner Gass mit seiner einzigen Vollstreckung im VfB-Dress wendeten das Blatt zum schwäbischen 3:2-Auswärtserfolg.

Beim Rückspiel in Bad Cannstatt drehte der Sportverein mit exakt dem gleichen Ergebnis den Spieß um und so hieß es in der Folgesaison 76/77 auf ein neues für beide Partein in der Zweiten Liga. Obwohl der VfB in dieser Runde das Geschehen im Unterhaus dominierte, fehlt ihm in der Saisonchronik ein Sieg gegen den SV98. Das 1:1 in der Hinserie am Neckar krönten die Lilien am 4. Februar 1977 mit dem einzigen Heimtriumph (dieser Fakt wird sich ja hoffentlich am Sonnabend ändern).

Zunächst deutete vieles auf einen weiteren schwäbischen Punkteklau hin. Dieter Hoeneß, der ja schon im Vorjahr am Bölle einnetzte, war bereits nach fünf Minuten zur Stelle. Das 0:2 lag mehrfach in der Luft. Doch die psychologisch wichtige Egalisierung durch Jockel Weber mit dem Pausenpfiff weckte die Darmstädter Lebensgeister. Im zweiten Abschnitt sahen 12000 Zeitzeugen ein verändertes Leistungsgefälle, das Lothar Buchmann während der Halbzeit mit einer motivierenden Kabinenpredigt maßgeblich beeinflusste. Der neue Vorturner war seit drei Monaten für den in einer unverständlichen Nacht- und Nebelaktion zum OFC abgedüsten Udo Klug im Amt und schmiedete in jener Epoche den Grundstein für den nahenden Höhenflug.

Gegen den VfB funktionierte schon einmal sein glückliches Händchen. Buchmann schickte in Hälfte Zwei Rudi Koch für den von einem Platzverweis bedrohten Dietmar Schabacker ins Rennen und der Joker zahlte das Vertrauen in seiner unnachahmlichen Art und Weise zurück. Nach einem Prachtzuspiel des nur einen Sommer am Bölle tanzenden Siegfried Köstler behauptete Koch auf engstem Raum den Ball und schweißte ihn zum 2:1 über die Linie. Da half VfB-Coach Jürgen Sundermann (oder Wundermann, wie er wenige Wochen später bezüglich des geglückten Aufstieg in den schwäbischen Gazetten tituliert wurde) auch eine Einwechslung Sekunden nach der entscheidenden Bude nichts mehr. Im verbleibenden Zeitfenster stolzierte ein gewisser Ottmar Hitzfeld wirkungslos über die Bölle-Matte, weil sich Ede Westenberger rührend um ihn kümmerte. Vielleicht konnte Ottmar aufgrund der liebevollen Beschattung des 98er-Vorstoppermythos ja zumindest ein paar Erfahrungswerte für seine spätere Übungsleiterkarriere sammeln…

Ungeachtet des Dämpfers an der Nieder-Ramstädter Straße meldete sich der VfB wenige Wochen später wie Phönix aus der Asche wieder in der Bundesliga an. Die Eindrücke von der schwäbischen Aufstiegsorgie hinterließen auch in Südhessen Spuren, denn weitere zwölf Monate darauf fabrizierten die südhessischen Feierabendfußballer das gleiche Kunststück: Meister der 2. Liga Süd. Auch wenn relativ früh abzusehen war, dass das blau-weiße Debütintermezzo auf der seit 1963 höchsten Fußballschiene nur ein Jahr beinhaltete (u.a. wegen einer 0:3-Hinspielniederlage im Neckarstadion) und der prompte Abstieg vor dem Saisonshowdown bereits besiegelt war, wünschten sich 18000 Wegbegleiter des letzten Spieltags (09.06.1979) einen versöhnlichen Abschluss vom Abenteuer Bundesliga.

Die Vorfreude nahm alsbald Tristesseformen an, weil der VfB den während der Vorschlussrunde vom Kölner Geißbock abgesendeten Knockout im Titelzweikampf mit dem HSV unbedingt wegretuschieren wollte. Die Lilien kassierten sieben Stück auf einen Streich. Das ungleiche Kräftemessen glich der Gegenüberstellung eines biederen Handwerklehrlings contra einem perfekten Lehrmeister und vermieste Manni Drexler (trug das blau-weiße Trikot künftig auf Schalke) und Kurt Eigl (bekam von der Bayer AG ein paar Vertragspillen verschrieben) den rührigen Abschied. Teenie-Idol Hansi Müller, damals öfters in der „Bravo“ als im „Kicker“ publiziert, eröffnete den derben Reigen, den drei Doppelschläge von Schorsch Volkert, Hermann Ohlicher und natürlich Dieter Hoeneß, der das Bölle anscheinend als seine Austob-Oase erkoren hatte, komplettierten. Immerhin entpuppte sich Bernhard Metz noch als Kosmetiker und unterzeichnete das 1:7.

Zwei Jahre benötigte der Sportverein, um diesen Schock zu verdauen. 1981 schrieben die Lilien dann den Mittelteil ihrer Bundesligaaufstiegstrilogie. Nachdem man beim Hinspiel in der baden-württembergischen Landeshauptstadt leer ausging (0:1), kam es wieder kurz vor ultimo zum fünften und bis Samstag letzten Säbelrasseln mit dem VfB. Diesmal standen die Lilien noch nicht mit zwei, aber doch mit anderthalb Beinen im Degradierungsgrab. Am 22. Mai 1982, seines Zeichens der vorletzte Bundesligaspieltag, musste ein Sieg her, um die kleine Klassenerhaltshoffnung am Leben zu erhalten.

Zweimal gingen die Heiner in Front (Guido „Darm“Stetter und Knipserikone Peter Cestonaro, der á la Walter Bechtold einen Freistoß direkt versenkte) und zweimal glichen die Schwaben aus. Als Ohlicher das 2:3 nachjustierte, war die Bundesligamesse eigentlich gelesen. Aber ein Ballermann vertagte den Niedergang um eine Woche. Auf dem letzten Drücker schob Bodo Mattern zum 3:3 ein und wiederholte das Resultatszenario von 1951. Letztendlich war die erneute Zwangsversetzung in die zweite Etage dennoch nur aufgeschoben und nicht aufgehoben. Sieben Tage später erwies sich des Trainers Kraf(f)akt als misslungen, weil der Sportverein in Gladbach unterging und so einen brisanten Relegationskracher ausgerechnet gegen den Lieblingsopponenten vom Berg Bieber verpasste.

Über drei Dekaden dachte der rational denkende Liliensympathisant (auch diese Spezies soll existieren), dass das fünfte Bölle-Meeting mit dem Verein für Bewegungsspiele für alle Ewigkeit als letztes Bundesligaheimspiel der ruhmreichen Vereinshistorie protokolliert bleibt. Zum Glück haben uns Renaissancehäuptling Dirk Schuster und seine Schützlinge eines Besseren belehrt. Am Samstagnachmittag mischt sich also ein sechstes Mal der rote Brustring unter das blau-weiße Fahnenmeer an der Nieder-Ramstädter Straße. Für eine siebte Version wäre der überfällige zweite Saisondreier in den eigenen vier Wänden selbstredend mehr als förderlich. Diesmal kämpfen beide Seiten um den Ligaverbleib (die sowieso bekannte Konstellation wird in gesonderten Berichten explizit geschildert). Irgendwann müssen ja die Schwaben ihrem Vorurteil auch am Bölle endlicht gerecht werden sprich mit eigenen Toren geizen. Und wenn dann noch Captain Sulu und Sandro Wagner in die erlauchten Fußstapfen von Jockel Weber und Rudi Koch, also den Vätern des einzigen Heimsiegs gegen den VfB, treten, kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen…

In diesem Sinne
BWG

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James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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