Sonntag, 30 November 2014

Rationalität, Weitsicht und Zuversicht – Zukunftsstrategien beim SV 98

Geschrieben von: Prof. Dr. Thomas Spengler, Kategorie: SV98 Aktuell, Zukunftsstrategien beim SV 98 , Die Serien, Tags Bölle Umbau Merck-Stadion am Böllenfalltor Neubau Stadion SV Darmstadt 98 Umbau |||rationalitaet-weitsicht-und-zuversicht-zukunftsstrategien-beim-sv-98, Aufrufe: 2838

Teil II: STADION(UM)BAU

Rationalität, Weitsicht und Zuversicht – Zukunftsstrategien beim SV 98

_Der erste Teil unserer kleinen Serie mündet in der Feststellung, dass sich eine gute Strategie immer durch Rationalität, Weitsicht und Zuversicht auszeichnet. Im vorliegenden zweiten Teil wollen wir uns fragen, was dies für das anstehende Darmstädter Stadionprojekt bedeutet. Die Stadt Darmstadt hat in der Vergangenheit im Bewusstsein, dass der SV 98 eines ihrer (wenn nicht das) sportlichen Aushängeschilder darstellt, den Verein in kritischen Situationen noch nie alleine – ergo noch nie im Stich – gelassen.

Die wirtschaftlichen Folgen des ersten Weltkrieges sind uns allen weitgehend bekannt. Deutschland litt in wirtschaftlicher Hinsicht nicht nur unter hohen Reparationsschulden. Dies machte sich selbstverständlich auch in erheblichem Umfang in Darmstadt bemerkbar Konsolidierung und Aufbauleistungen waren gefordert, und zwar bis an die Schmerzgrenze. Und an diese ging die Stadt z.B. Anfang der 1920er Jahre, als u.a. Mittel aus der „produktiven Erwerbslosenfürsorge“ (Stichwort aus aktueller Zeit: Landesausgleichsstock) für den Bau eines Stadions am Böllenfalltor zur Verfügung stellte, ohne die der Verein sportlich in der Bedeutungslosigkeit versunken oder gar ganz liquidiert worden wäre. Auf rd. 240.000 Reichsmark belief sich die Investitionssumme. Nicht nur diese war beeindruckend, sondern auch die dann entstehende Sportanlage mit ihren weitreichenden und vielfältigen Möglichkeiten. Dass die städtische Unterstützung nicht nur auf Wohlwollen seitens der z.T. darbenden Bevölkerung stieß, liegt auf der Hand. Gleichwohl hatten Stadt und Verein hinreichende Weit- und Zuversicht walten lassen und trotz aller widrigen Umstände in die Zukunft investiert. Eine Investition die sich bekanntermaßen sehr auszahlen sollte.

Ähnlich war es nach dem zweiten Weltkrieg. Der SV 98 stieg (erneut) in die höchste deutsche Spielklasse auf und das alte Stadion erwies sich (nach dreißig Jahren) als nicht mehr zeitgemäß. Darüber hinaus war es teilweise von den US-Behörden beschlagnahmt. In einer Gemengelage aus (nicht nur wirtschaftlich) stark leidender Bevölkerung, Besatzungsrecht, einem sportlich aufstrebendem Sportverein und einer wieder aufzubauenden Stadt entschied man sich, ein neues Stadion am Böllenfalltor, mit einem Fassungsvermögen für 22.000 Zuschauer zu bauen. Am 29.06.1952 wurde dieses vor 15.000 (sic!) Zuschauern eingeweiht. Die Investitionssume belief sich auf rund 315.000 D-Mark. Auch hier sollten sich Weit- und Zuversicht auszahlen, war das neue Stadion doch Basis für sportliche Konsolidierung und die späteren Aufstiege. Auch diese wären nicht möglich gewesen, wenn man sich den Widrigkeiten gebeugt und den Kopf in den Sand („bzw. Kriegsschutt“) gesteckt hätte.

Auch in der Mitte der 1970er Jahre stand der Verein am Scheidweg. Wirtschaftlich in Bedrängnis geraten stellte sich die Frage, ob man einen mehr oder minder geordneten Rückzug antreten oder weiter in die Zukunft investieren solle. Man entschied sich zu Letzterem. Am 8.11.1975 wurde die neue Sitztribüne eingeweiht, die für Ihre Zeit (nicht zuletzt aufgrund der modernen Funktionsräume) als vorbildlich galt. Damals investierten das Land 1,2, die Stadt 1,7 und der Verein ca. 0,3 Mio. D-Mark. Eine Investition, die einen wesentlichen Mosaikstein für die weitere sportliche Entwicklung des Vereins (u.a. Bundesligaaufstieg) darstellen sollte.

Auch beim Bundesligaaufstieg half die Stadt: Der DFB verlangte, das Fassungsvermögen auf 30.000 Zuschauer zu erhöhen. Hätte die Stadt nicht 470.000 D-Mark zur Aufstockung der Stehterrasse auf der Gegengeraden um 36 Stufen bereitgestellt, hätte es keinen Erstligafußball in Darmstadt gegeben. Auch in späteren Zeiten half die Stadt in nicht unerheblichem Umfang, nicht zuletzt beim Kauf des Stadions und der Übernahme weiter Teile der Betriebskosten.

Und aktuell? Am 19.Mai 2014 ist der Sportverein nach 21jähriger Abstinenz endlich wieder in die 2. Bundesliga heimgekehrt. Ein Aufstieg der viel umjubelt war. Welches (freudige) Ereignis, welcher Verein, welche Darmstädter Institution bringt (neben dem Heinerfest) über Nacht Tausende Darmstädter zum friedlichen Feiern auf die Strasse? Dass schaffen nur „König Fußball“ und der SV 98. Aber dieser Aufstieg wäre Makulatur gewesen, wenn die Stadt (wiederum mit Hilfe des Landes) nicht rasche Abhilfe bei technisch-organisatorischen Lizenznöten geleistet hätte. Und der Aufstieg wäre auch Makulatur, wenn zukünftig nicht weitreichender in einen Stadion(um)bau investiert würde. Das aktuelle Stadion ist – so sehr man auch an ihm hängen mag – nicht mehr zweitligatauglich.

Was können wir aus diesem Blick in die ältere und jüngere Geschichte ersehen? Höherklassiger Fußball ist immer auf nicht unerhebliche Investitionsvolumina angewiesen. Wenn man diese nicht stemmt – sei es, weil man sie nicht stemmen kann oder weil man sie nicht stemmen will – scheidet man aus höherklassigen Wettbewerben aus. Darauf mag man antworten: „Dann spielen wir halt Dritte und nicht Zweite Liga“, jedoch ist diese Auffassung irrational, kurz- und eben nicht weitsichtig. Die Dritte Liga ist – so oder so ähnlich äußern sich viele Fachleute wie z.B. der vormalige Präsident des SV 98, Hans Kessler – eine „Todesliga“. Sie meinen mit dieser Metapher (zurecht), dass man längerfristig in dieser Liga nicht überleben kann. Man muss sie verlassen, entweder nach oben oder nach unten. Aber auch die vierten Ligen sind wirtschaftlich kaum darstellbar, Auch hier muss man möglichst schnell raus, will man nicht auf lange Sicht in der Bedeutungslosigkeit versinken oder gar liquidiert werden. Nebenbei bemerkt: Der SV 98 ist ein Sportverein und Sportvereine streben nach sportlichem Erfolg. Ergo ist es für den Verein rational, wenn er nach größtmöglichem Erfolg strebt und dabei seine weitere Existenz nicht auf’s Spiel setzt.

Wir stellen in dieser kleinen Artikelreihe Überlegungen zu Zukunftsstrategien des SV Darmstadt und damit eines Vereins an, der dem Profisegment des deutschen Fußballs angehört. Dieses Segment ist kommerziell organisiert, die korrespondierenden Vereine sind (auch) unternehmerisch tätig. Strategisches Management (von Unternehmen) setzt auf Proaktivität. Proaktives Denken, Planen und Handeln bedeutet, frühzeitig (sic!) Bedrohungen zu identifizieren und abzuwenden sowie rechtzeitig (sic!) Chancen zu erkennen und zu nutzen. Im Kontext der Chancen geht es vor allem um Einnahmengenerierung, im Kontext der Bedrohungen u.a. darum, Ertragspotenziale nicht der Konkurrenz zu überlassen. Darauf kommen wir unten zurück.

Neben der bereits angesprochenen Weitsicht und Zuversicht bedarf es auch hinreichender Vorsicht, die dem guten wie seriösen Kaufmann ohnehin obliegt. Sich die Welt schön zu rechnen und damit sich selbst und Dritte zu täuschen, ist nicht rational. Irrational ist es auch im Geschäftsleben sich als Hasardeur zu gebaren ohne die obwaltenden Risiken im Griff zu haben. Rational hingegen ist es, bei strategischen Projekten, eine hinreichend sorgfältige Risikoprüfung (Stichwort: Due Dilligence) vorzunehmen. Bei investitionsintensiven Stadion(um)bauvorhaben bedeutet dies, seriös die künftigen Ein- und Auszahlungsreihen (Cashflows) zu kalkulieren. Auf Eigentümer-, Investoren- und Betreiberseite ist dabei zu prüfen, (a) welche Anschaffungs- und laufenden Unterhaltungsauszahlungen anfallen und (b) welche Einzahlungen generiert werden können.

Ad (a): Es wird ein Budget für den Stadion(um)bau, das – so wird immer wieder kolportiert – bei knapp 28 Mio. Euro liegen soll. In diesem Kontext ist seriös zu eruieren, welche Leistungen man für diesen Betrag erhält und es sind beispielsweise folgende Fragen zu klären:

  • Welche Beträge sind für welche Architekten-, Generalunternehmer- etc. Leistungen zu investieren?
  • Wie sind welche Anreizstrukturen gestaltet?
  • Unter welchen Bedingungen wird welche Partei (z.B. Architekturbüro) angereizt, nach dem Modell industrieller Serienfertigung („nach Schema F“) zu bauen oder ein auf individuelle Bedürfnisse des Nutzers zugeschnittenes Stadion zu planen?
  • Was kosten vom Standardmodell abweichende Sonderwünsche?
  • Worauf muss man verzichten, wenn man Elemente des alten Stadions im neuen integriert oder kann man dadurch vielleicht sogar Geld sparen?
  • Wie gestalten sich entsprechende „Verrechnungspreise“ und Substitutionsraten bzw. –elastizitäten?
  • Was kostet ein Sitzplatz in Stehplatzeinheiten?
  • Was kostet ein Funktionsraum (welcher Art) in Steh- oder Sitzplatzeinheiten?
  • Wie ist das Stadion ökobilanziell zu bewerten?
  • Kann man mit moderner LED-Technik Anschaffungs- und Betriebskosten beim Flutlicht sparen?


Ad (b): Selbstverständlich ist auch die Einzahlungsseite gründlich zu analysieren. Dabei sind u.a. folgende Punkte zu klären:

  • Welche Miete ist marktgängig?
  • Welche Miete kann man dem Hauptmieter in welcher Liga zumuten?
  • Welche Funktionsräume kann man an wen, für welche Zwecke vermieten?
  • Können Konzertveranstaltungen im Stadion stattfinden und wenn ja, welche, wie viele, wann etc.?
  • Wie oft können welche Sportveranstaltungen angeboten werden?


Diese beiden Listen sind detailliert zu ergänzen und abzufragen. Dabei widerspricht es den oben genannten Grundsätzen der Rationalität, Weit-, Zuver- und Vorsicht, wenn man sich selbst oder Dritten etwas vormacht. Im Darmstädter Stadion – das sagen alle Fachleute – wird es z.B. aus verschiedenen Gründen keine nennenswerten Einnahmen aus Konzertveranstaltungen geben (können). Auch aus U- und Frauenländerspielen sind keine gravierenden Einzahlungen zu generieren. Des weiteren hat die Zweite Liga 17 (und nicht 19) Saisonheimspieltage. Heimspieleinnahmen aus dem DFB-Pokal sind einem Zweitligisten nicht garantiert etc.

Nicht nur auf der Eigentümer-, Investoren- und Betreiberseite sind fundierte Berechnungen anzustellen, sondern selbstverständlich auch seitens des SV 98. Dieser muss seriöse Due Dilligence-Prüfungen vornehmen. Hierbei stellt sich die Kernfrage „Wo liegt eigentlich das Vereinsrisiko?“ Die Beantwortung dieser Frage ist vor allem von der korrespondierenden Vertragsgestaltung abhängig. Wenn der Verein beispielsweise in der 2. Liga eine Jahresmiete von 600.000 Euro zu zahlen hat, dann macht das bei einem (vorsichtig und konservativ gerechneten) Jahresetat von 12 Mio. Euro 5% aus – ein vertretbarer Mietzins. Für den Fall eines Abstieges sind dann davon nach unten abweichende Mieten zu vereinbaren. Im Zuge dessen ist auch zu klären, wie hoch das Insolvenzrisiko der Betreibergesellschaft ist und inwiefern der Verein davon betroffen ist. Zentral bei all diesen Themen ist die Frage, welche Miete wofür zu zahlen ist. Zahlt man für jeden einzelnen Funktionsraum und für jeden einzelnen Zuschauerplatz oder zahlt man – wie üblich – eine Art Kostenmiete, die von solchen Details unabhängig ist? Der Investor stellt ca. 28 Mio. Euro zur Verfügung, ein Betrag der sich möglichst (rasch) amortisieren soll. Dabei ist es grundsätzlich gleich, ob das Stadion ein Fassungsvermögen von 15, 18 oder 25 TSD Zuschauern Platz bietet – Hauptsache ist, das Investment ist refinanzierbar.

Für die Einnahmenseite (nicht für die Ausgabenseite!) des Vereins ist das Fassungsvermögen jedoch entscheidend: Geht man von einem Durchschnittseintrittspreis von 16 Euro aus, dann können 7.000 zusätzliche Plätze zu ein Einnahmenanstieg von 112.000 Euro führen. Bei (vorsichtig geschätzt) fünf ausverkauften Spielen pro Jahr, wäre damit die Jahresmiete quasi bezahlt.

Um es abschließend kurz zu machen: Bei rationaler Vertragsgestaltung erwachsen dem Verein aus dem Stadion(um)bau keine nennenswerten Risiken. Das entsprechende Markt- und Betriebsrisiko hat – wie so oft – weitgehend die Eigentümerin zu tragen. Wichtig ist hingegen die Einnahmengestaltung. Hier ist (freilich neben weiteren Faktoren) das Fassungsvermögen ein ganz entscheidender Faktor. Der SV 98 ist (auch) unternehmerisch tätig, und zwar in einem komplexen und dynamischen Business. Der vorsichtige, weitsichtige und rationale Kaufmann muss alle möglichen Szenarien betrachten. Bei der Strategiewahl darf er jedoch nicht (zu) pessimistisch sein. Wer Risiko komplett vermeiden will, der darf kein Unternehmen betreiben. Der Unternehmer ist (nicht erst seit Joseph Schumpeter) Innovator und Risikoträger. Zudem gilt, dass rationale Strategien robust und flexibel sein müssen. Dies bedeutet, dass sie bei einer vorab unvorhergesehenen Änderung im strategischen Umfeld nicht gleich „zusammenbrechen“ dürfen und dass sie Potenziale zur flexiblen Reaktion auf Umfeldänderungen bereitzuhalten haben. Für den Stadionbau wiederum bedeutet dies, dass hinreichende Möglichkeiten zur Kapazitätserweiterung von Anfang an bedacht werden müssen. Eingefleischte 98-Anhänger bemängeln seit Jahren, dass viele Darmstädter zur Konkurrenz nach Frankfurt, Mainz und Hoffenheim gehen. Dieses Potenzial gilt es für den rationalen „Unternehmer“ SVD (zurück) zu erobern. Dies gelingt jedoch nur, wenn man nicht nur Nachfrage weckt, sondern diese auch bedient.

Zum Ausblick: Im dritten und letzten Teil unserer kleinen Artikelserie werden wir in Bälde die Ausgliederung der Profiabteilung beleuchten.

 

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Über den Autor

Prof. Dr. Thomas Spengler

Prof. Dr. Thomas Spengler

Unser Gastautor ist:

* Gebürtiger Darmstädter

* Mitglied beim SV Darmstadt 98

* Inhaber des Lehrstuhls für "Unternehmensführung und Organisation" an der "Otto von Guericke" Universität, Magdeburg

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