Montag, 24 November 2014

Rationalität, Weitsicht und Zuversicht – Zukunftsstrategien beim SV 98

Geschrieben von: Prof. Dr. Thomas Spengler, Kategorie: SV98 Aktuell, Zukunftsstrategien beim SV 98 , Die Serien, Tags SV Darmstadt 98 |||rationalitaet-weitsicht-und-zuversicht-zukunftsstrategien-beim-sv-98, Aufrufe: 2820

Teil I

Rationalität, Weitsicht und Zuversicht – Zukunftsstrategien beim SV 98

_Entscheidungen und Handlungen sollten – das fordern nicht nur Ökonomen – nutzenorientiert getroffen und durchgeführt werden. Sie sollen also möglichst „gut“, „angemessen“, „passend“ oder – wie die Ökonomen auch sagen – rational sein. Damit sind wir bei einem schwierigen Begriff angelangt, dem schillernden Begriff der Rationalität. Dieser geht auf die lateinischen Wörter rationalitas (Denkvermögen) und ratio (Vernunft) zurück. Rationales Verhalten ist somit durchdachtes und vernünftiges Verhalten. Ihm wird häufig emotionales Verhalten gegenübergestellt. Das ist aber so nicht ganz richtig bzw. eine verkürzte Sichtweise. Der Begriff „Emotion“ geht auf das lateinische Wort e(x)movere (= herausbewegen, emporwühlen) und auf das französische émouvoir (= bewegen, erregen) zurück. Emotionen sind als Gemütsbewegungen in der Regel von relativ kurzer Dauer und recht intensiv. Solange Menschen (und nicht Maschinen) Entscheidungen treffen, sind diese auch immer in gewisser Weise emotional geprägt. Emotionen begleiten somit rationale Entscheidungen, so dass die Deutung als gegensätzliche Begriffe den Kern nicht trifft. Das Gegenteil von „rational“ ist „irrational“ und das ist mit Bezug zur Emotion dann gegeben, wenn die Vernunft und das Durchdenken in den Hintergrund geraten und nicht mehr handlungsleitend sind, während die Gemütsbewegung die Oberhand gewinnt.

Fußball ist eine Sportart und auch ein Geschäft. Sport lebt immer von der Emotion, das Fußballgeschäft aber auch. Letzteres sogar mehr als alle anderen kommerziell betriebenen Sportarten (zumindest in Deutschland). Wenn man in einer Sportart in oberen Leistungsregionen heutzutage erfolgreich sein will, so muss man diese –  ob man will oder nicht  – als Business akzeptieren und dazu wiederum gewisse wirtschaftliche Gesetze beherzigen. Dazu gehört  – wiederum ob man will oder nicht  – die Verfolgung betriebswirtschaftlicher Existenz- und Effizienzziele und zu deren Erreichen die Wahl rationaler (sic!) Strategien. Die genannten Existenzziele sind auf das Überleben der in Rede stehenden Organisation (in unserem Falle des SV 98) gerichtet. Um dies zu gewährleisten, muss man effizient wirtschaften, sonst geht man über kurz oder lang unter. Wie das mit dem Untergang gehen kann, dafür kennen wir traurige Beispiele zur Genüge. Wie aufreibend ein Existenzkampf  – vor allem wenn man erst einmal den Anschluss verpasst hat – sein kann haben wir die letzten 21 Jahre am eigenen Leib erlebt. Er hat uns als Verein fast das Leben gekostet, auch weil (wohl in guter Absicht) ein verzweifeltes Management irrationale Entscheidungen getroffen hat. Man wollte partout den Anschluss nicht verpassen und hat ihn mit dubiosen wirtschaftlichen Handlungen immer mehr gefährdet. Diese Hochrisikostrategie mündete in hohen Verbindlichkeiten gegenüber den Finanzbehörden und Sozialversicherungsträgern und in einem Insolvenzantragsverfahren, das glücklicherweise unter enormem Kraftaufwand durch Rücknahme erfolgreich bestanden werden konnte.

Schaut man einmal in die Vereinsannalen, so sieht man, dass die zuletzt skizzierte Zeit die absolute Ausnahme in der Vereinshistorie darstellt. Der SV 98 spielte 16-(!)mal in der höchsten deutschen Spielklasse. In schöner Regelmäßigkeit hat er sich die Entscheidung zur Nutzung der sportlich erreichten Chance wohl überlegt. Einige Male hat man aus wirtschaftlichen Gründen den Aufstieg abgelehnt. Diese Entscheidungen waren durchdacht und – das unterstellen wir – vernünftig, ergo rational. So auch im aktuellen Jahr. Die Entscheidungsträger im Präsidium haben sich unter anderem gefragt, ob der SV 98 Zweite Liga noch kann, ob die Infrastruktur ausreicht oder zumindest so hergestellt werden kann, um ausreichend und regelmäßig am Zweitligaspielbetrieb teilnehmen zu können. Die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle und im Backoffice können ein Lied davon singen, was es bedeutet, wenn sich erst- und zweitklassiger Profifußball meilenweit von den Segmenten entfernt hat , in denen der SV 98 21 Jahre lang darbte. Die aktuelle Entscheidung war trotz aller Aufstiegsfreude (emotionale Komponente) rational und zudem weitsichtig. Hätte man die sich (zum Teil) überraschend gebotene Aufstiegschance verstreichen lassen, wäre der SV 98 wieder über Jahre abgehängt worden. Wäre Letzteres schlimm gewesen? Ja, wäre es, zumindest, wenn der Verein überleben soll (Existenzziel) und wenn er sportlich erfolgreich sein will (Effizienzziel). Zu einer solchen Entscheidung gehört – die Wiederholung sei hier gestattet – durchdachtes und vernünftiges Abwägen der Entscheidungsfolgen.

Ökonomen verstehen heute unter Risiko nicht nur die Gefahr eines Verlustes, sondern sie verwenden ein sog. zweiseitiges Risikomaß, nach welchem auch die Gewinnchance zu betrachten ist. Es geht also letztlich bei der Abwägung der Entscheidungsfolgen um eine Riskoabschätzung. Dazu gehört, sollte die anschließende Entscheidung rational getroffen werde, die Betrachtung entsprechender Szenarien: Auch das für den besten Fall (Best Case Szenario), aber auch das für den schlechtesten (Worst Case Szenario). Bei der Entwicklung des letztgenannten ist Skepsis unabdingbar. Skepsis aber nicht Pessimismus.

Wir fassen zusammen: Zur Formulierung einer guten Strategie (hier des SV 98) gehören Rationalität, Weitsicht und Zuversicht. Diese Überlegungen greifen wir in Kürze auf und vertiefen diese in Teil II mit Überlegungen zum Stadionumbau. In Teil III thematisieren wir die Ausgliederung der Profiabteilung.

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Über den Autor

Prof. Dr. Thomas Spengler

Prof. Dr. Thomas Spengler

Unser Gastautor ist:

* Gebürtiger Darmstädter

* Mitglied beim SV Darmstadt 98

* Inhaber des Lehrstuhls für "Unternehmensführung und Organisation" an der "Otto von Guericke" Universität, Magdeburg

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