Mittwoch, 15 November 2017

Lattenpech ohne Folgen im Abstiegsendspiel gegen Sandhausen

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, Tags 2_Bundesliga Heimspiel Saison 2017-2018 SV Darmstadt 98 SV Sandhausen, Aufrufe: 651

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Lattenpech ohne Folgen im Abstiegsendspiel gegen Sandhausen

Trotz der relativ geringen Entfernungsdistanz von rund 65 Kilometern zwischen der südhessischen Wissenschaftsstadt und der nordbadischen Gemeinde benötigt man nicht einmal alle Finger einer Hand, um die bisherigen Gastspiele des SV Sandhausen am Bölle aufzulisten. Am Freitagabend bequemt sich der kurzpfälzische Verein für einen kickenden Abstecher erst zum vierten Mal zum altehrwürdigen Tempel an der Nieder-Ramstädter Straße.

Das höchst überschaubare Duellvolumen hat zwei Gründe: Erstens natürlich wegen der Demarkationslinie, die Hessen von Baden-Württemberg trennt, und zweitens aufgrund des Umstandes, dass der SVS mit Ausnahme der Saison 95/96 (dazu später mehr) bis 2007 treu seiner Heimatverbundenheit im Ländle frönte und lieber als Oberligadauerbrenner über die idyllischen Äcker in Crailsheim, Emmendingen oder Bonlanden tingelte, anstatt sich höherklassig respektive überregional zu profilieren.

So durfte der gegen den Ball tretende Hardtwald –Repräsentant, dem ungeachtet seiner inzwischen fundamentierten Zweitliga-Reife immer noch das Biedermann-Image anhaftet (kein Wunder bei den kümmerlichen Zuschauerzahlen sowohl im heimischen Stadion als auch auswärts), zweimal seit der Katapultierung ins sportliche Aufschwungsraster in Darmstadt residieren und bekam jeweils einen auf die schwarz-weiße Mütze.

Der letzte Vergleich dürfte noch in bester Erinnerung sein. Es war der 3. August 2014 und für den SV98 eine ganz besondere Partie: Erstes Pflichtmatch seit dem Wunder von Bielefeld und Zweitligacomeback nach einer 21-jährigen Odyssee über die dritt- und viertklassigen Fußballfelder. Klar, dass dem SV Sandhausen zur großen Lilienrenaissance lediglich die Rolle des Spalier stehenden Statisten gestattet wurde.

Die hochverdiente Entscheidung fiel vor 13400 Fans bereits zehn Minuten vor der Pause. Nach einem Kopfball vom heutzutage einen Audi kutschierenden Romain Bregerie verwechselte der auf der Linie rettende Abwehrspieler Timo Achenbach die Sportart und klärte per Hand. Dominik Stroh-Engel verwandelte den fälligen Elfer zum Tor des Tages. Ob ihm, seinen Kumpels oder irgendeinem Phantast auf den Rängen beim Abpfiff schon das Wort Durchmarsch im Hinterstübchen herumspukte? Wer weiß…

Zweieinhalb Jahre zuvor (21. Januar 2012) hatten die Lilien den SVS auf der Drittligabühne erheblich deutlicher abgefertigt. Das klare Resultat von 4:1 im ersten Einsatz nach der Winterpause wurde als faustdicke Überraschung abgestempelt. Schließlich empfing das Team von Kosta Runjaic, der heuer Pogo(n) tanzend seinen Trainergürtel im pommerischen Stettin zur Schau trägt, als Abstiegskandidat den aufstiegsorientierten Badenserkontrahent.

Unter widrigsten Witterungsverhältnissen (Fritz Walter sah von oben zu) erlebten 4500 nasse Kiebitze am Bölle nach einer torlosen ersten Hälfte freudestrahlend, wie Kevin Wölk, Andreas Gaebler, Oliver Heil und der längst zum Meenzer Fastnachter umfunktionierte Danny Latza im finalen Abschnitt den Tabellenzweiten aus den Angeln hoben. Am Ende der Saison meldeten dann beide Parteien Vollzug für ihr jeweiliges Ziel: Der heimische Sportverein feierte den Klassenerhalt und dem nordbadischen „Namensvetter“ glückte als gekürter Drittligachampion erstmals der Einzug in Liga Zwei, wo er bis heute ununterbrochen seine Kreise zieht.

Für eine Inspizierung der dritten bzw. ältesten Paarung am Bölle zwischen den hinsichtlich Tradition und Fankultur so unterschiedlichen Antagonisten muss eine kleine Zeitreise in die finale Dekade des 20. Jahrhunderts einkalkuliert werden. Man schrieb 1996 und den 19. Mai. 19. Mai? Da passierte doch etwas ganz Großes, oder? Ja sicher. Allerdings „etwas“ später. Dieses markante Datum wurde erst 2014 für alle Ewigkeit auf allen Darmstädter Monumenten eingemeißelt, nachdem ein alter Brasilianer in der ostwestfälischen Verlängerungsnachspielzeit nicht wusste, wohin mit dem Ball und ihn halt mit der linken Klebe im Almnetz versenkte…

Anno 1996 war ein solcher Hall of Fame – Aktionismus noch undenkbar. Der SV98 befand sich zur Vermeidung einer Degradierung in die Hessenligaanonymität mal wieder im nackten Existenzkampf. Neben den Amateurvertretern der bajuwarischen „Mia san mir“ – Fraktion und vom Mainadler fungierte der SV Sandhausen als dritter Nebenbuhler für eine Weiterbeschäftigung in der damals drittklassigen Regionalliga Süd. Zwei aus Vier lautete also die Parole. Am viertletzten Spieltag prallten die beiden „SV“ zum Premierenmeeting an der Nieder-Ramstädter Straße direkt aufeinander. Für diesen Fight wurde – falls die Legende korrekt überliefert ist – im Jahr Eins nach Einführung der Dreipunkteregel extra der Begriff Sechspunktespiel erfunden.

Sechs Zähler konnte nach dem Kehraus keiner der beiden Widersacher auf sein Konto überweisen. Nicht einmal drei, denn der Wegweiserkracher endete vor nur 1969 zahlenden Zeitzeugen mit einem tristen 0:0, das Gästeübungsleiter Hans-Jürgen Boysen von seiner Sparte aus gesehen als glücklich, aber nicht unverdient einordnete. Das klare Plus an Torchancen lag auf Seiten der Lilien. Enttäuscht monierte Trainer Max Reichenberger, „dass die Latte für uns zwei Zentimeter zu niedrig war“ und spielte damit auf die Metalltreffer von Rolf Lang und Xaver Zembrod an.

Letztgenannter zimmerte die Pille in der 40. Minute kapital gegen die Unterkante, was für Michael Klein schmerzhafte Konsequenzen hatte. Der abprallende Ball klatschte dem offensiven Spielgestalter ans Kinn. Dabei rutschte ihm die Zunge in den Hals und führte eine kurzfristige Bewusstlosigkeit herbei. Zum Glück war das ärztliche Personal sofort vor Ort und positionierte das für den Austausch von Körperflüssigkeit wichtige Muskelorgan in sein angestammtes Areal zurück. Dennoch riet der Onkel Doktor dem dynamischen Mittelfeldmotor zur Auswechslung, was vorbeugend natürlich die richtige Entscheidung war.

Ohne Klein stotterte der 98er-Motor im zweiten Durchgang. Erst Joker Okan Sönmez entfachte wieder frische Impulse. Das überfällige Golden Goal konnte aber auch das blau-weiße Eigengewächs, das später für die Griesemer Viktoria am Hegelsberg (Landesliga), in der Brunnenstadt Bad Vilbel (Hessenliga) und beim TSV Langstadt (Gruppenliga) die Schuhe schnürte, nicht erzwingen.

Durch die Nullnummer rutschte der SV98 unter den ominösen Strich und die Schlinge zog sich zu. Aber noch standen ja drei Partien zur Verfügung, um das Abstiegsgespenst vom Bölle wegzulocken. Eine Woche später packten die Reichenberger-Schützlinge am Riederwald den Befreiungsschlaghammer aus. Diesmal gelang die dringend benötigte Big Point – Einfuhr gegen einen der hartnäckigsten Rivalen. Dank einem 3:1 (Tore Jochen Dewitz und zweimal Carsten Lakies) stürzten die Lilien nicht nur die kleine Eintracht, sondern den gesamten SGE-Aktivenfußball endgültig in den von Scherbenhaufen übersäten Abgrund (zwei Wochen zuvor waren die Frankfurter Bundesligaprofis nach einer 0:3-Heimpleite gegen den blau-weißen 98er-„Artgenossen“ aus Gelsenkirchen-Schalke erstmals aus der Bundesliga abgestiegen).

Neben dieser zum Schmunzeln verleitenden Randnotiz durfte sich der SVD auf seiner Rettungsmission über Schützenhilfe vom weltberühmten TSF Ditzingen freuen. Der „Kultklub“, mit dem die Lilien in den 1990ern selbst öfters aneinander rasselten, eroberte im Baden-Württemberg-Derby das Hardtwaldstadion des SV Sandhausen mit dem schier unglaublichen Score von 7:4 und ebnete dadurch die südhessische Spur zum Happyend.

Ein 1:1 gegen die Bayern-Bubis und die erste (2:1) von zwei legendären Hitzeschlachten, die jeweils am letzten Spieltag 1996 & 1997 in der fuggernden Rosenau zu Augsburg den Ligaverbleib sicherten, katapultierten die Lilien auf den Versetzungsolymp, während die Ballartisten aus dem Rhein-Neckar-Kreis ihr bis 2007 einmaliges Intermezzo außerhalb der Landesgrenze frustriert ad acta legten und wieder die Provinzrouten Richtung Esslingen, Bammenthal oder Oftersheim studierten.

Alle drei bisherigen SVS-Ausflüge ans Bölle beinhalteten ergo durchaus positive Perspektiven für den Sportverein von 1898. So soll es auch am Freitag nach der vierten Ausgabe bleiben, wenn die Lilien das Kriegsbeil der zurückliegenden Sieglosigkeit begraben und einen neuen Erfolgsvertrag für einen lukrativen Tabellenauftrieb schließen.

BWG

 

 

 

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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