Donnerstag, 15 Mai 2014

21 Jahre Exil sind genug

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, Tags Kommentar Relegation SV Darmstadt 98, Aufrufe: 990

Kommentar zur Relegation

21 Jahre Exil sind genug

_Eigentlich müssten wir den Arminen dankbar sein. Damit sind nur sekundär die sportliche Abstiegsdefinition des Dynamos und das damit verbundene Einreiseverbot der sächsischen Vandalen in die südhessische Residenzstadt gemeint, sondern primär das strategisch geniale  Historienwerk vom Vereinsnamenspender Arminius, dem alten Cherusker.

Man schrieb das Jahre 9 nach Christus. Ganz Germanien drohte, von den Römern besetzt zu werden. Just als deren Kaiser Augustus befahl, auf den vor gut drei Wochen noch von der Lilienarmada zum Dienstausflug benutzten Rheinstromschnellen überzuschiffen, versammelte ein gewisser Arminius (eingedeutscht Hermann) seine unbeugsamen Vasallen irgendwo im Teutoburger Wald, um den Invasoren aus der Po-Ebene Widerstand zu leisten. Der Rest ist teutonische Nostalgie: Nachdem die Römer sich schon fünfzig Jahre zuvor an einem gallischen Dorf die Zähne ausbissen, erlebten sie nun im späteren Ostwestfalen ihr blaues Wunder. Arminius warf die Varus-Legionen über Vater Rhein zurück und verhinderte die römische Expansion auf deutschen Landen. Ohne den Fürstenchef wären wir wohl heute alle AS oder Lazio-Fans, statt dem Hermannsdenkmal würde eine monumentale Statue von Julius Cäsar mit Lorbeerkranz am Himmelsgewölbe kratzen und die Heiner verbrächten ihre vierzehntäglichen Wallfahrten nicht am Böllenfalltor, sondern womöglich in einem Kolosseum. Und wer weiß, in welche Richtung der Imperator nach einem neunzigminütigen Fight dort seinen Daumen gedreht hätte?

Damit endet aber auch schon die Huldigung gegenüber unserem Relegationskontrahenten. 2005 Jahre nach dem Schwertgemetzel kämpfen die Arminen nicht mehr gegen lateinisch labernde Minestronekonsumenten, sondern in einer „Doppelschlacht“ (weit fern von Jena und Auerstedt) um den nackten Klassenerhalt in der Fußballzweitklassigkeit. Für dieses Ziel steht ihnen ein (hoffentlich unüberwindbares) Hindernis im Weg: Der Sportverein Darmstadt von 1898. Am Freitagabend an der Nieder-Ramstädter Straße und am Montag in Bielefeld wird das achtzehnte und letzte Zweitligaticket vergeben. Das frustrierte Lager parodiert dann auf der Alm kleinlaut die Boomtown Rats (I don´t like Mondays) und der euphorisierte Teil schmettert entrückt den Queen-Ohrwurm „We are the Champions“ ins ostwestfälische Firmament.

Für die Lilien könnte das entscheidende Rückspiel eine Generalprobe für die kommende Saison darstellen. Von Sport 1 übertragene Montagspartien (wie hört sich Hamburger SV, der ja eine Etage höher ebenfalls in der Relegationswarteschleife hängt, vs. SV Darmstadt 98 mit der „grazilen“ Laura Wontorra als Stimmenfangjägerin an??) gehören ja bekanntlich zum Zweitligaalltag. Dass sich der Mannschaft von Erfolgstrainer Dirk Schuster diese Möglichkeit überhaupt bietet, ist neben dem Paderborner Märchen die größte bundesweite Fußballsensation. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ abgemildert im Kickjargon zu „Vom Absteiger in die Regionalliga binnen zwölf Monaten empor ins Rampenlicht von Liga Zwei“ – so oder ähnlich darf man das blau-weiße Jahreskunstwerk im Falle des möglichen Triumphs titulieren. Das Ballungshighlightprogramm der jüngsten Klubepoche (vermiedene Insolvenz, Einmarsch in Liga Drei, sportlicher Abstieg dank des Lizenzentzugs auf einer Anhöhe am Main abgewendet, die Pokalkracher gegen Fohlen bzw. Knappen und jetzt als vorläufige Krönung der souveräne dritte Tabellenplatz einer als Abstiegskandidat gestarteten Elf) ist jedem Heiner aus dem Effeff geläufig.  

Tja, diese ungeahnte Höhenfluganeinanderkettung kommt dem eingefleischten Fan, der vor einer Dekade noch auf den Stoppeläckern von Braunfels oder Lohfelden seine Bratwurst verschlang, wie ein Traum vor, der nie enden soll. Und das Ende der positiven blau-weißen Fahnenstange muss ja noch lange nicht erreicht sein sprich das i-Tüpfelchen blinkt im realistischen Bereich. 50:50 schätzt die Expertencrew das Chancenverhältnis für einen weiteren Gipfelsturm ein. Hüben wie drüben dürfte eine breite Brust das jeweilige Trikot schwellen. Bielefeld hat diesen Status durch zwei (vorerst) rettende Auswärtssiege (in Bochum und Dresden) erarbeitet, während der SV98 sich über die komplette Saison durch rein gar nichts erschüttern ließ und seine Anhängerschaft begeisterte, die ihre Schützlinge auf dem Asphalt, auf Schienen, in der Luft oder auf dem Wasser als kreative Routenplaner in alle Winkel der Republik beseelt begleiteten.

Man kann mit Fug und Recht ungeachtet des Relegationsausganges behaupten: Ein lange schlafender Riese ist endgültig erwacht. Und sollte es nicht klappen, wird dem Sportverein auch nicht der Himmel auf den Kopf fallen, denn die Basis für eine profitable Zukunft ist geschaffen. Um die pessimistische Fraktion zu entspannen, räumen wir zum Kehraus noch mit einem „Vorurteil“ auf. Egal, ob in diversen Internetforen oder auf den Gassen von Pungscht, Ewerscht, Watzevertel, Heimstättensiedlung, Lappingshause, Kranichstein, Orhelje und DA-Downtown fiel immer wieder das Hinterkopf-Statement „Saarbrücken-Trauma“. Ja, wir wissen alle, welch düsteren Ausgang die bis dato einzige Relegationsteilnahme des Sportvereins anno 1988 fand.

Aber auch Bielefeld musste drei Jahre zuvor durch das praktisch identische Tal der Tränen. Die Arminia verlor 1985 im gleichen Wettbewerb 0:2 in Saarbrücken. Zwar gegen den französischen Hausherren und nicht gegen die kurpfälzischen Chios, aber egal – das finale Resultat war hier wir da niederschmetternd. Also sind auch diesbezüglich die Vorgaben pari aufgelistet und wir können relativ optimistisch dem Hitchcock-Showdown entgegen fiebern. „Auf der Alm, da gibt´s koa Sünd´“: Ergo dürfen sich die Lilien nach einer produktiven Bölle-Vorleistung am Freitag 72 Stunden darauf eine Zweitligaverbannung der Arminia erlauben, ohne den Beichtstuhl aufzusuchen – selbst wenn Arminius in Walhall dabei ein Zacken aus der Krone bricht. 21 Jahre Exil sind genug…

In diesem Sinne
BWG 

 

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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