Mittwoch, 03 Dezember 2014

Ein Hauch Relegation

Geschrieben von: Joshi, Kategorie: SV98 Aktuell, Tags 2_Bundesliga Heimspiel Saison 2014 _ 2015 SpVgg_ Greuther Fürth SV Darmstadt 98, Aufrufe: 1376

Kunstverein Greuther Fürth zu Gast

Ein Hauch Relegation

_Im Frühsommer des Jahres einte beide Vereine, dass sie sich in Relegationsspielen gegen einen klassenhöheren Gegner versuchten durchzusetzen. Wie wir wissen und teilweise immer noch nicht ganz realisieren, hat unser Sportverein den Sprung geschafft und für die Relegation (heißt eigentlich „Verweisung“, „Ausschließung) Arminia Bielefelds gesorgt. Greuther Fürth hingegen musste sich in zwei engen Spielen dem Bundesliga-Dino HSV geschlagen geben. Ein einziger Treffer, erzielt von Hamburgs Stürmer Lasogga, besiegelte das Fürther Schicksal, das da lautet: Ein weiteres Jahr 2.Bundesliga.

Dabei war das Ziel der Franken durchaus den Wiederaufstieg in die höchste Klasse anzupeilen. Und was man letzte Saison verpasste, hatte man sich für diese Saison auf die Fahnen geschrieben. Der Deutsche Meister von 1914, 1926 und 1929 würde seiner selbstangedachten Rolle, den Nachbarn aus Nürnberg dauerhaft zu ärgern, nur all zu gerne nachkommen. Bis zum aktuellen Spieltag haben sie zwar die Genugtuung im Tableau vor dem Nachbarn zu rangieren und dabei diesen zu Saisonbeginn auch noch mit 5:1 deklassiert zu haben, hinken aber derzeit noch den gesteckten Zielen hinterher. Ans Böllenfalltor reisen sie als Neunter an, bei fünf Punkten Rückstand auf die gastgebenden Heiner.

Aber, wer ist eigentlich dieser Verein mit dem sperrigen Namen, bei dem der ehemalige US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger Ehrenmitglied ist?

Wie bereits erwähnt, konnte die damalige SpVgg. Fürth vor dem zweiten Weltkrieg 3 Meisterschaften einheimsen und gehörte zu den Spitzenteams dieser Ära. Nach WK2 sah es dagegen etwas trister aus. Zwar spielten sie bis 1963 in der erstklassigen Oberliga Süd. Aber den Franken wurde bei Einführung der Bundesliga kein Startrecht in der neuen Eliteliga eingeräumt. So fand man sich in der neuen Zweitklassigkeit wieder, die man 20 Jahre halten konnte, bis man völlig überschuldet den Profifußball verließ. Diese Geldsorgen begleiteten die Fürther sogar noch 1994, als sie sich für die neu eingeführte Regionalliga qualifizierten. In diesem neuen Umfeld sahen die Franken sich einem neuen Konkurrenten gegenüber, der erst 1974 das Licht der Vereinswelt erblickte, dem TSV Vestenbergsgreuth.

Dieser Verein kannte keine Geldsorgen und schickte sich an, zur neuen Großmacht zu werden. Der örtliche Tee- und Kräuterhändler Martin Bauer investierte für damalige Verhältnisse Unsummen in den Dorfverein,. Die Älteren unter uns werden sich noch mit Grauen an die sportlichen Vergleiche unseres Sportvereins mit den „Teebeuteln“ erinnern. Vorsitzender von Vestenbergsgreuth war übrigens Helmut Hack. Ein Name, dessen Name uns noch begleiten wird.

Es gab also Mitte der Neunziger neben dem „Glubb“ zwei weitere Kräfte im Fränkischen, die nach Höherem strebten. Die SpVgg. Fürth, mit Tradition, aber überschuldet und den TSV Vestenbergsgreuth, mit guten Finanzen ausgestatte, aber ohne Tradition und wenig Expansionsmöglichkeiten.

Es kam, wie es kommen musste. 1995 hatte Hack die Idee, einen Vorgang zu initiieren, den man heute in der Wirtschaft als „feindliche Übernahme“ bezeichnen würde. Damals formulierte man stumpf: „Zur dauerhaften Sicherung hochklassigen Fußballs in der Region Fürth“ wolle man „die Kräfte beider Vereine bündeln.“ Heraus kam das Konstrukt SpVgg. Greuther Fürth. Vorsitzender ist übrigens bis heute ein gewisser Helmut Hack. Beliebt war diese Konstruktion bei gegnerischen Fans damals nicht. Viele ahnten wohl, dass mit dem Beispiel, das da geschaffen wurde, den RBs dieser Welt Tür und Tor geöffnet wurde. Und es wundert aus heutiger Sicht, dass der Protest gegen das Kunstprodukt sich in überschaubaren Grenzen hielt.

Heutzutage gilt Fürth als etabliertes Mitglied des Profifußballs und bei aller Skepsis dem Konstrukt gegenüber, Helmut Hack muss attestiert werden, den „Verein“ stets mit Geschick geleitet zu haben. Greuther Fürth war einer der ersten Profivereine, die erkannten, dass die Anforderungen des modernen Fußballs gewisse Strukturen erfordern. Auch im Bereich Marketing zeigte man sich stets kreativ, auch wenn die verschiedenen Namenspatrone der Spielstätte eher zum Schmunzeln taug(t)en. Aus Sicht des „Vereins“ wird da viel richtig gemacht. Aus Sicht des Fußballfans ist es mehr als grenzwertig, wie sich Fürth versucht neben der Institution 1.FC Nürnberg zu behaupten.

Lange Gegnervorstellung... Aber in Zeiten der berechtigten Kritik an dem „Red Bull Prinzip“ darf nicht unerwähnt bleiben, dass andere bereits seit Jahren ähnliche Prinzipien verfolgen.

Aus sportlicher Sicht gilt zunächst festzuhalten, dass die derzeit heimstärkste Mannschaft der Liga den Dreizehnten der Auswärtstabelle empfängt. Einem Auswärtsdreier stehen jeweils drei Unentschieden und Niederlagen entgegen. Das bei 7:11 Toren.

Eine Bilanz, die dem Eigenanspruch der Franken nicht gerecht werden kann und der beim Blick auf den Kader verwundert. Trainer Frank Kramer steht ein Kader zur Verfügung, der mit einem Marktwert von ca. 19,5 Millionen bewertet wird und in dem sich folglich Namen einiger erfahrener Spieler wiederfinden. Namen wie etwa, Torhüter Hesl, Verteidiger Guilherme, Rechtsverteidiger Stephan Schröck, oder die Midfielder Marco Stiepermann und Goran Sukalo sind ebenso namhaft  wie der vor der Saison aus Bielefeld gekommene Kacper Przybylko und sein Sturmpartner Ilir Azemi.

Warum es beim Verein mit dem sperrigen Namen nicht rund läuft, deutete der Kicker in seinem Spielbericht zum Unentschieden gegen Heidenheim an: „Allerdings leistete sich das Kramer-Team einige Fehler im Passspiel, spielerisch blieb vieles Stückwerk. Chancen ergaben sich eher zufällig,(...)“. Deutet das etwa auf einen Kader hin, der nicht als Mannschaft funktioniert? Zumindest scheinen sie das nicht auf längere Strecke zu tun. Denn die Ergebnisse der laufenden Saison lassen keinen klaren Trend erkennen, dem glorreichen Sieg gegen den Glubb steht eine 2:5 Heimniederlage gegen den FSV Frankfurt entgegen und einem 0:1 Sieg bei Union Berlin eine 0:3 Heimklatsche gegen den KSC. Die SpVgg. scheint in der Tat auf der Suche nach Konstanz.

Bei dieser Suche wird Trainer Kramer allerdings auf namhafte Kicker verzichten müssen. Azemi fehlt nach seinem Horror-Autounfall im August noch auf unbestimmte Zeit. Linksaußen Orkan Cinar ist suspendiert, Holter leidet noch an den Folgen einer Sprunggelenksverletzung und Verteidiger Kartalis ist noch bis 9.12. gesperrt.  

Lilien-Erfolgscoach Dirk Schuster hat es da vergleichsweise leichter. Definitiv fehlen wird einzig Jerome Gondorf, nach seiner gelb-roten Karte, die er gegen den KSC kassierte. Flügelflitzer Marcel Heller hingegen steht nach abgesessener Sperre wieder zur Verfügung. Die Lilien können also fast in Bestbesetzung den Ruf der Festung Böllefestung weiter ausbauen. Nach zuletzt zwei torlosen Unentschieden stünde den Lilien ein Sieg mal wieder gut zu Gesicht. Und drei weitere Punkte auf der Habenseite wären ein großer Schritt in Richtung der angepeilten 40 Punktemarke, wären aber auch weitere Nahrung für die in und um Darmstadt herrschende Euphorie.

Prognose? Wenn das Team vermag die bekannten Qualitäten abzurufen, steht dem siebten Sieg im neunten Heimspiel nichts im Wege. Die Party geht weiter...

Interessantes am Rande

Bei der Vorbereitung auf diesen Ausblick schickte mir [boelle.org] Kollege „James Cagney“ eine sensationelle Quelle mit alten, also wirklich alten Berichten zur gemeinsamen Geschichte der ursprünglichen SpVgg. Fürth und des Sportvereins von 1898. Dabei vielen folgende bemerkenswerte Fakten auf:

Gleich dreimal war SpVgg. (Greuter) Fürth Gast bei Geburtstagsfeierlichkeiten der Lilien und stellten sich stets als „Partypooper“ heraus.

* 12.08.1928: zum Dreißigsten, verloren die Heiner vor 3.000 Zuschauern glatt 1:6. Die Aufstellung des SV98: Bärenz - Becker, Laumann - Riebel, Rayk, Ruppel - Jacobi, Frey, Müllmerstadt, Wenner, Frick - Trainer: Emil Wehr
Die Chronisten vermerken: Die Jubiläumsspiele gestalteten sich zu einem Ereignis in Darmstadt. Das "Darmstädter Tagblatt" hatte einen wertvollen Pokal für denjenigen Verein gestiftet, der das beste Gesamtergebnis (Fußball und Handball) erzielen würde.
Fußball: SV Darmstadt 98 - SpVgg Fürth 1:6
Handball: SV Darmstadt 98 - SpVgg Fürth 15:5
Mit 16:11 konnten die Gastgeber den Jubiläumspokal sicherstellen.
Zwischen den Spielen wurde der Olympiadritte von Amsterdam im 800-Meter-Lauf, Hermann Engelhard, unter orkanartigen Beifall geehrt.
 
*  1.06.1958: Zum sechzigjährigen Jubiläum konnte der SV98 die Niederlage glimpflicher gestalten. Die Partie ging vor 4.000 Augenzeugem mit 1:3 verloren. Die Aufstellung des SV98: Hoffmann (Rau) - Habermehl, Trautmann - Kastner (Schultheiß), Fiedler, Schäfer - Thalheimer, Kaffenberger, Mühlbach, Lehmann (Fischer), Pfeiffer - Trainer: Ludwig Kolb. Den Ehrentreffer der Lilien erzielte in der 87.Minute Mühlbach.
Die Chronisten vermerken: Die SpVgg Fürth sprang bei diesem Jubiläumsspiel für den 1. FCN ein, der infolge eines Pokalspiels dieses Spiel nicht durchführen konnte. Leider wurde das Spiel etwas hart durchgeführt, so dass es beiderseits einige Verletzte gab, was wirklich nicht notwendig gewesen wäre. Denn meistens war es nur der Übereifer, eine Absicht lag nur selten vor. Teilweise gab es schöne Spielzüge, was von den 4.000 Zuschauern dankend anerkannt wurde. Teilweise war es aber auch Sommerfußball, weil die Spieler übermüdet waren, was besonders bei den jungen Spielern zu verstehen ist, denen das Samstagsspiel noch in den Knochen lag.

* 9.07.1998: Hundertjähriges des Sportvereins. Erstmalig waren die Böllekicker in der Viertklassigkeit. So wurde aus dem Geburtstagskick ein Vorbereitungsspiel. Die Zuschauerzahl ist nicht übermittelt, wohl aber ein deutliches Ergebnis. 0:5 fertigten die Franken den Jubilanten ab. Die Aufstellung des SV98: Kresic - Leifermann, Kowalewski, Schmidt, Tetileanu, Bunaciu, Becht, Lang, Bury, Schnell, Skeledzic - Trainer: Slavko Petrovic
Die Chronisten vermerken: Gegen die in der vergangenen Saison in die Oberliga abgestiegenen Lilien kam die SpVgg Greuther Fürth im dritten Vorbereitungsspiel zum dritten Sieg.

Keine Angst, in Pflichtspielen waren die Lilien durchaus in der Lage gegen Fürth zu gewinnen. Zwischen 1959 und 1997 bestritten die beiden Vereine 21 Pflichtspiele am Bölle, zuletzt 2007 in der Erstrunde des DFB-Pokals. Die Lilien haben hier die Nase vorne, zehn Siege stehen drei Unentschieden und acht Niederlagen gegenüber.

Kleiner Tipp: ladet die Führter nie mehr zu einem „Friendly“ in einem Jubiläumsjahr ein ;-)

 

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