Donnerstag, 30 November 2017

98er Jahn-Geschichten

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: SV98 Aktuell, SV98 Historisch, Tags 2_Bundesliga Heimspiel Jahn Regensburg Saison 2017-2018 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 1260

Rücktrittstakkato, Che´s Elfer und Schabackers Uraufführung

98er Jahn-Geschichten

Obwohl sich der SV Darmstadt 98 und Jahn Regensburg am Sonntag erstmals seit 1977 zu einem Zweitligameeting treffen, ist das Buch über die internen Vergleiche ein Dauerbrenner auf der kickenden Bestsellerliste Süddeutschlands. Beginnend mit der Premiere 1951 kreuzten Heiner und Oberpfälzer über vierzig Mal die Klingen.

Dabei mussten die Lilien einige Ergebnisblessuren einstecken. Die jüngste und immer noch schmerzende Wunde quittierte der Sportverein während der aktuellen Saison, als beim blau-weißen Continental Arena – Debüt der DFB-Pokal – Croupier den 98ern ein bitteres „Rien ne va plus“ entgegen hauchte. Artur Sobiechs Führung weckte zwar die Hoffnung auf einen fetten Gewinn in Form von weiteren lukrativen Cuprunden, doch die Kugel rollte dann nur noch in die verkehrte Richtung. Nach drei Gegentreffern wurde der ewige Traum vom Finale in der Heimat einer alten Berliner Dame mal wieder im Keim erstickt.  

Zwei andere deftige Pleiten gegen die Erben des Turnvaters hatten noch weitaus drastischere Konsequenzen zur Folge. Im alten Jahnstadion, wo heuer die Abrissbirne zwecks Wohnungsneubauten Stammgast ist, ging der SV98 am 5. November 2005  mit sage und schreibe 2:7 unter. Als wesentlicher Faktorgrund für das Regionalligadebakel diente ein früher Feldverweis, nachdem Zivo Juskic, heutzutage Trainer und sportlicher Leiter vom Verbandsligisten TS Ober-Roden, die Notbremse zog. Als Begleitmusik  zum erlösenden Abpfiff trällerten die mit gepilgerten Fans frustriert und ironisch „Nie mehr Zweite Liga“ in den oberpfälzischen Vorabendhimmel.

Die Klatsche mündete in einer Darmstädter Seifenoper, die dem TV-Vorbild „Dallas“ prinzipiell ebenbürtig war. Anders wie im fernen Texas hießen die Hauptdarsteller der südhessischen Residenzstadt nicht J. R. Ewing und Cliff Barnes, sondern Bruno Labbadia und Walter Grimm. Nach einer höchst unglücklich formulierten Presseerklärung des Präsidiums kündigte Labbadia seinen Übungsleiterrücktritt zum Saisonende an und wenige Tage später warf „Präse“ Grimm mit sofortiger Wirkung das Handtuch. Der SV98 hatte sich ohne größere Not Schaden zugefügt, an dem er noch lange knabbern musste.

Bereits knapp zweieinhalb Jahre zuvor spielte der Jahn, dessen „Nachname“ im Fußballmutterland als Raincastle geführt wird, inklusive einer extremen Negativtragweite Schicksal für die Lilien. Am 8. Juni 2003 respektive dem Regionalligakehrausspieltag trat der bereits im Vorfeld als Zweitligaaufsteiger gekürte Klub aus der Oberpfalz im Heinertempel an. 10137 Zuschauer bildeten einen würdigen Rahmen und drückten alle blau-weiße Daumen, dass dem Team von Spielertrainer Zivo Juskic und dem wenige Wochen zuvor installierten Berater Eckhard Krautzun ein für den Klassenerhalt unbedingt benötigter Sieg glückt.

Doch der Versetzungsglaube wandelte sich rasant in Tristesse um. Die Gäste zeigten nicht einmal den Hauch eines Erbarmungsanflugs und führten zur Halbzeit 2:0. Im zweiten Durchgang zückten die Lilien ihre letzte Zuversichtskarte und kämpften unermüdlich gegen die Degradierung, Boris Kolb und Sascha Maier küssten lediglich den Pfosten und ein Kopfball von Daniel Damm klärte ein Regensburger auf der Linie. Selbst die Maiersche Anschlussbude (82.) änderte nichts mehr am Worst Case - Szenario, das in der Nachspielzeit per Konter endgültig besiegelt wurde (Endstand 1:3) und den kuriosen Fünfjahre – Abstiegsrhythmus (1993. 1998, 2003) fortsetzte.  

Damit begraben wir die fruchtlosen Regensburger Erfahrungswerte aber mal ganz rapide  und widmen uns den erfreulichen Konfrontationsaspekten, die auch der aktuellen SV98-Mannschaft Mutspritzen für das bevorstehende Heimmatch injizieren soll, um den Siegloslauf ad acta zu legen und mit einem „Dreier“ die Resultatskrise zu stornieren. Fangen wir mit dem bis zum nächsten Sonntag letzten Sieg über den Jahn an, der im Februar 2014 auf der Bölle-Bühne übertragen wurde. Nur ca. 5600 Fans (eine größere Präsenz verhinderte Fritz Walter, weil er zu weit die Firmamentschleusen öffnete und seine Tränen über Südhessen niederprasseln ließ) verfolgten eine weitere Kapitelniederschrift für die Realisierung eines Märchens.

Nach einem Zuckerpass seines Offensivpartners Dominik Stroh-Engel netzte „Toni“ Sailer kompromisslos in der ersten Hälfte ein. Zum perfekten Termin so nach einer Stunde Spielzeit stellte dann das Darmstädter Sturmtandem seine Qualität wiederum unter Beweis. Sailer revanchierte sich für die Vorleistung zum 1:0, indem er für DSE auflegte, und der spätere Drittligatorschützenkönig donnerte den Ball auf unnachahmliche Weise volley ins linke untere Eck. Der Jahn konnte nur noch eine kosmetische Korrektur vornehmen. Das 1:2 fiel aus seiner Sicht allerdings zu spät, um den blau-weißen Sieg noch zu kippen. Dadurch festigte der SV98 den Aufstiegsrelegationsrang und verteidigte ihn bis in den Mai. Dann jetteten die blau-weißen Karawanen den Katja Ebstein – Gassenhauer „Wunder gibt es immer wieder“ grölend gen Ostwestfalen, um dort zu versuchen, eine 1:3-Hinspielhypothek zu tilgen. Übrigens soll auch ein immer das letzte Wort beanspruchender Brasilianer an Bord gewesen sein…

Zehneinhalb Jahre vor diesem platzierten Wegweiserschild feierte der Sportverein im Oktober 2004 seinen bis heute letzten Sieg in Regensburg. An einem kühlen Freitagabend rückten dabei vor allem die beiden damals ihre Trainerkarrieren einleitenden Ex-Nationalspieler Bruno Labbadia (SV98) und Mario Basler (Jahn) in den Gazettenfokus – mit dem besseren Ausgang für den Weiterstädter Bub, der später durchaus erfolgreich mehrere Bundesligisten coachte, während das pfälzische „Enfant Terrible“ auf die kickende „Provinz“ beschränkt blieb (heute Interimsübungsleiter am Brentanobad beim absturzbedrohten Hessenligisten RW Frankfurt).

In der 65. Minute deutete Schiedsrichter Hermann Albrecht nach einem Foul an Nico Beigang auf den Punkt und der argentinische Gaucho Matias Esteban Cenci alias „Che“ vollstreckte den Strafstoß souverän zum Tor des Tages. Vater des Sieges war Bastian Becker, der mit einem starken Paradenrepertoire den dünnen Erfolg sicherte. Die dreiminütige Nachspielzeit konnte der blau-weiße Keeper allerdings nur schemenhaft unter ärztlicher Behandlung begutachten, da er nach einer Abwehraktion hart auf den Rücken prallte und die daraus resultierenden Ischiasbeschwerden ihn zu einem vorzeitigen Feierabend zwangen. Doch auch Ersatz-Goalie Patrick Gräber ließ während der Zugabe nichts mehr anbrennen und schaukelte das 1:0 ohne Schrammen über die Runden.

Für die nächste Positivrubrik unserer Story reist der von Doc Emmett Brown erbaute DeLorean weitere 27 Jahre zurück in die Vergangenheit. Am 7. April 1977 fertigten die Lilien im bis Sonntag letzten Zweitligaaufeinanderprall einen überforderten und kurz darauf hinunter in die Bayernligagewässer abtauchenden Jahn glatt mit 4:0 ab. Als besonderes Highlight entpuppte sich das Pflichttordebüt des Dietmar Schabacker im blau-weißen Trikot nach einer  achtzehnmonatigen Vorbereitungsphase für ein solches Wonnegefühl.

Sechzig Sekunden vor Einnahme der Pausenerfrischungsgetränke befreite sich der Defensivspieler von dem Makel, das Runde nicht ins Eckige einschweißen zu können und ebnete gleichzeitig die Spur zum üppigen Heimdreier. Auch ohne die verletzten Personaleckpfeiler Willi Wagner, Jockel Weber, Siegfried Köstler sowie dem bereits nach zehn Minuten angeschlagen das Bölle-Grün verlassenden Bernhard Metz beantworte der SV98 alle Nachfragen, wer der Herr im eigenen Haus ist, in überzeugender Manier. Herbert Dörenberg, Rudi Koch und Peter Cestonaro schraubten den Score in eine den Kräfteverhältnissen entsprechende Dimension hoch. Nach seiner Knipserentjungferung soll laut Legendenüberlieferung Schabacker eine Fuhre Jägermeister und Kümmerling spendiert haben. Das übermittelte ihm wohl den entscheidenden Kick, künftig an der Nieder-Ramstädter Straße nicht weit vom Bölle entfernt einen Kiosk zu betreiben…

Beschließen wir den südhessisch-oberpfälzischen Rückblendereigen mit einer 3:2 gewonnenen Regionalligapartie aus dem Jahre 1969, als unter anderen noch VfL Neckarau (Stadtteilklub aus Mannem), FC Villingen (ohne Schwenningen) oder Opelzoo Rüsselsheim als weitere Kontrahenten fungierten. Gerade einmal 2498 interessierte Zeitzeugen verirrten sich ans Bölle und konstatierten, wie der Referee das erste und letzte Tor dieser Begegnung dem Jahn-Konto gutschrieb. Dazwischen war jedoch der SV98 am Drücker.

Ein Doppelpack von Klaus Ondera, der sich während seiner höherklassigen Laufbahn für neun verschiedene Vereine den Allerwertesten aufriss (nur bei den Lilien hielt er es länger als ein Jahr aus), sowie eine Einlochung von Dieter Kraft wendeten nach der 0:1-Pausenrücklage das Blatt und sorgten dafür, dass der 98er-Trainer beim Besuch der Frühjahrsmesse kein „Hau den Lucas“ – Exempel befürchten musste und die Lilien im Endklassement vor den Kasseler Löwen als beste hessische Regionalligaauswahl reglementiert wurden.   

BWG            
 

   

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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