Dienstag, 22 April 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 9

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Relegation Saison 1987-1988 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2783

Teil 9: Bonjour Tristesse, doch das Leben geht weiter

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 9

_Es ist soweit. Wir müssen durchs Fegefeuer. Echte Lilien sind ja bekanntlich hart im Nehmen. Aber bei vielen sind die erlittenen Narben bis heute nicht verheilt. Zehnmal stieg der SV Darmstadt 98 seit dem Alliierteneinmarsch 1945 in die nächst tiefere Fußballklasse ab. Doch das waren alles marginale Bagatellen in der Relation zum 09. Juni 1988.

Schon die Serienbezeichnung „Highlights“ ist für diese Story eigentlich ein Hohn. Trotz aller Klöße im Hals entschied sich die schreibende Zunft, das Horrorfinale des Ereignisspektrum 87/88 mit abzuarbeiten, wohlwissentlich, hierfür nicht den südhessischen Pulitzerpreis zu gewinnen. Bezüglich des Titels entschieden wir uns ganz banal für ein Werk der 2004 verstorbenen Schriftstellerin Francoise Sagan. Die Floskel „Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt“ stand ebenfalls zur Debatte, klang aber zu martialisch und das melancholische „Bonjour Tristesse“ setzte sich passend zur „französischen“ Departementörtlichkeit des abschließenden Dramas durch. Für eine Seelenquallinderung wurde der Europameisterschaftsvorabend ´88 auf ein Minimum der Chronistenpflicht beschränkt. Fotos vom Parc de Louis standen gänzlich auf dem Index. Dennoch bitten Arzt und Apotheker die Hypertoniegeschädigten, sich vor der Lesung ihre Betablocker einzuwerfen.

thumb schlappner neue spielerDer Mann mit dem Pepita-Hut war also 1987 nach sieben Jahren im Wald um den Chio-Hof ans Bölle zurückgekehrt und sollte es nach dem knapp verpassten 98er-Bundesligaaufstieg richten (siehe Teil Acht). Auch bei den kickenden Neuzugängen gab es ein Comeback zu bewundern. Bodo Mattern ballerte wieder für den Sportverein. Während der Präsentation stahlen den heimspazierten „verlorenen Söhnen“ aber nicht die weiteren Verpflichtungen Dieter Trunk, Freddy Heß und Uwe Schreml die Show, sondern der Sechste im frischen Bunde. Guangming Gu, letzter maskuliner Nachfahre der bis 1644 im Reich der Mitte herrschenden Ming-Dynastie, saß als erster Chinese des deutschen Profifußballs mit dem Kontrabass auf der Nieder-Ramstädter Straße und erzählte sich was.

gu stukisDie 98er waren damit nach Bum Kun Cha 1978 erneut bundesweiter Vorreiter (nein, nicht der Helmut) auf dem asiatischen Markt. Im Gegensatz zum berühmten One Night - Stand des Koreaners legte Gu allerdings ein Treuegelübde ab (sechs Jahre bis 1993). Das Offensivquintett „Gu-Ku-Gu“ (Gu, Kuhl & Gutzler), Trunk und Mattern sollte vor allem den Verlust von Bruno Labbadia kompensieren, der beim amtierenden Pokalsieger HSV (an dieser Stelle noch einmal nicht ganz so nette Grüße an Manfred Kastl) seine kunterbunte Wandervogelbundesligakarriere startete, während Schlappner Wilhelm Huxhorn auf die harte Ersatzbank verwies und Rainer Berg zur neuen Nummer Eins deklarierte. Vielleicht der entscheidende Fehlgriff hinsichtlich des späteren Nightmare an der saarländischen Elm Street.

Ausgerechnet auf dieser verhängnisvollen Stätte begann die Saison. Natürlich konnte im August ´87 kein Blau-Weißer ahnen, dass zum vermaledeiten Schaudershowdown der Weg noch einmal in die französische Besatzungszone führen sollte. Beim ersten Auftritt bescherten Bodo Matterns Abstauber und Guangming Gus geschickter Heber noch einen Wunscheinstieg (2:0). In den Folgewochen war der kürzeste Nachname der 98-Historie endgültig in aller Darmstädter Munde. Gu servierte gegen Bayreuth einen Doppelpack und traf  auch vor 15000 Derbyzuschauern am Bölle gegen Oxxenbach (1:1), was die ZDF-Sportreportage für eine ausführliche Dokumentation über den chinesischen „Wunderstürmer“ inspirierte.  

sv98-essen randaleDie erste Niederlage (0:1 bei Fortuna Köln) juckte die Schlappner-Elf nicht die Bohne. Ein von reichlich Krawallen begleitetes 2:1 gegen RW Essen, dem unter der Woche an der längsten Theke der Welt gefeierten 1:0 in Düsseldorf (unhaltbarer Zehnmeterschuss von Rafa Sanchez) und das 3:1 gegen Remscheid transportierten die Lilien mal wieder auf den höchsten Gipfel der Zweitligabeletage. Nach der Premiere im Emsland (1:1 beim SV Meppen), dem 5:0 gegen die damals nur noch als Punktelieferant dienenden Bielefelder Arminen, einer Nulldiät auf der Wattenscheider Lohrheide und dem 1:1 gegen Freiburg krönte ein 2:0 im Spitzenspiel über die Stukis den imposanten Zwischenspurt. Erst auf der unvergessenen Reeperbahn-Auswärtstournee (alleine die Zughinfahrt wäre ein separates Kapitel wert, da lachten sogar die Hühner) wurde der Heinerexpress gestoppt (2:3 in letzter Sekunde nach einem gestrickten 2:0-Halbzeitvorlagenmuster). Der Schock saß so tief, dass der SV98 im nächsten Spiel die erste und einzige Saisonheimpleite schluckte (0:2 gegen BW Berlin) und dann ging auch noch bei den Amateuroberliga-Lackschuhen vom Uhlenkrug schon in der zweiten Hauptrunde der DFB-Pokal – Lack ab (0:1).

Nach der Winterpause sprinteten die Stuttgarter Kickers auf und davon. Der SV 98 kämpfte mit St. Pauli und Wattenscheid um Rang Zwei (Direktaufstieg) und Platz Drei (Relegation). Hauptmanko war die unter Schlappis Vorgänger Eckhard Krautzun noch so ausgeprägte und jetzt fehlende Offensivpower – trotz einem Überangebot an Stürmern. Dafür überzeugte das Defensivbollwerk (auf Kosten der Attraktivität). Vor dem letzten Spieltag gestaltete sich die Tabellenlage so: Der neue Champion vom Degerloch konnte schon die Korken knallen lassen, während St. Pauli (2.), Wattenscheid (3.) und die Lilien (4.) durch je einen Punkt getrennt hofften und bangten. Die Totenköpfe vom Kiez ergatterten dank einem 1:0 bei den Spatzen den zweiten Beförderungsschein. Ergo fokussierte sich die Suche nach dem Relegationsteilnehmer auf das Fernduell Wattenscheid (in Saarbrücken) vs. SV98 (in Osnabrück). 500 Fans begleiteten ihre Lieblinge in den hohen Norden. Neben dem eigenen Match interessierte vor allem die Radioübertragung aus dem ehemaligen Sanatorium von Charles de Gaulle. Ein Arheilger Ureinwohner (ja, der Weissager vom Kölner Dom aus Teil Fünf) entpuppte sich als wichtigster Protagonist in der Gästekurve, weil sein Transistorgerät die Hörfunkreportage aus dem Bundesland der Welsche empfing.

Der Ludwigspark spielte also erstmals Schicksal in dieser Saison. Tja, hätte die blau-weiße Seele ahnen können, welches Trauma der 1:1-Ausgleich des FCS-Kickers Norbert Schlegel zum 1:1-Endstand in der 69. Minute gegen Wi-Wo-Wattenscheid anderthalb Wochen später am gleichen Fleck bewirkte, hätte man in der Nachbetrachtung wahrscheinlich gerne auf den grenzenlosen Jubel an der Bremer Brücke verzichtet. Zu diesem Zeitpunkt führte der Sportverein 2:0 (Gutzler, Kuhl) und schleppte das mal wieder einen Platzsturm auslösende 2:1 bibbernd über die niedersächsische Zeit. Damit war die Saisonverlängerung dank einem um zwei Treffer besseren Torverhältnis gesichert. Als Gegner entschlüsselte die Bundesliga ausgerechnet Schlappis langjährige Monnemer, die mangels Erstliga-Tauglichkeit am Alsenweg „iwwer de Brick“ bei den Ludwigshafener Tramps von der Pfalz aufliefen.

Erster Akt, Tatort Böllenfalltor, Donnerstag, 02. Juni 1988: Der Privatsender Sat1 sucht sich für seine Fußballübertragungspremiere das altehrwürdige Stadion an der Nieder-Ramstädter Straße aus. 28000 Fans im überfüllten Rund erstarren zur Salzsäure, als die Gäste aus der Quadratenstadt ein 2:0 vorlegen. Dieter Gutzlers Anschluss (63.) initialisiert dann das von TV-Experte Udo Lattek propagierte „Wunder vom Bölle“. Oliver Posniak und Guangming Gu drehen vollends das Blatt respektive die Heiner am Rad.

Zweiter Akt, Tatort Südweststadion, Sonntag 05. Juni 1988: Die blau-weiße Karawane pilgert in die Anilin- und Sodahochburg. Dort stimmt allerdings die Chemie bei einem Polizeihund nicht. „Kommissar Rex“ knabbert etwas zu heftig am Ohr eines Topp(er)-Kumpels, weil sein grünes Herrchen ihm das Frühstück seiner täglichen „Chappi“ – Ration verweigert hatte (sorry an die Old School – Jungs für diese Wortspielerei).  Auch bei zwei anderen sind die Nerven zum Zerreißen gespannt. Ein späterer Staatsanwalt und der Autor fliehen Herzkaspergefährdet in eine dunkle Spelunke. Erst in der Schlussphase  trauen sie sich in den Mob. Kaum zurück an der Front fällt das 2:0 für den Waldhof und der Stadionsprecher brüllt ins Mikro: „Das war der Klassenerhalt“. Aber Pustekuchen, er hat die Rechnung ohne den Wirt Uwe Kuhl gemacht. Im Gegenzug bzw. 120 Sekunden vor dem Abpfiff erzielt der Stürmer das 1:2 und sorgt für ein drittes und alles entscheidendes Spiel (die Auswärtstorrichtlinie wurde für die Relegation erst nach dem Millenium eingeführt).

Dritter Akt, Tatort Parc de Louis, Donnerstag, 09. Juni 1988.: Auch nach der Verlängerung ist der 18. Bundesligist noch vakant (0:0). Insgesamt 300 Minuten hatten sich SVD & SVW nun beharkt, ohne eine Triumphator zu ermitteln. Ein simples Elfmeterschießen muss über Himmel oder Hölle entscheiden. Im Schnelldurchlauf das Unvermeidliche: Uwe Zimmermann (weder verwandt noch verschwägert mit Jan) pariert die Eröffnung von Oliver Posniak. Peter Lux bringt den Waldhof nach vorne, ehe Uwe Kuhl die Hoffnung reanimiert. Manfred Bockenfeld zielt links neben das Tor und Uwe Schreml fabriziert den ersten Vorsprung. Kalle Bührer gleicht zum 2:2 aus, das Guangming Gu mit der erneuten Führung kontert. Nachdem Martin Trieb den Ball über die Latte knallt, ist das Bundesligator sperrangelweit offen. Ausgerechnet der etatmäßige „Punktvollstrecker vom Dienst“ Kalle Emig muss nur noch verwandeln, weilt aber gedanklich wohl schon bei seinem neuen Arbeitgeber 1. FC Kaiserslautern und erfindet kläglich die Rückpassregel. Auf den Rängen brechen Welten zusammen. Berg lässt dann auch noch Cvetkovics Abnahme passieren. Rainer Scholz und Ulf Quaisser stellen den Score auf 4:4. Als verflixter 13. Schütze (da soll noch einmal jemand behaupten, dass diese Zahl Glück verspricht...) läuft Willibald Bernecker an. Sein Uli Hoeneß – Gedächtniselfer landet irgendwo zwischen den Schützengräben von Verdun und der Maginot-Linie. Sekunden darauf haben die Lilien einen Klotz am Bein und der Spuk ist kurz vor der mitternächtlichen Geisterstunde zu Ende.

Aus und vorbei. Leere Gesichter, wohin das tränende Auge schaute. Jeder Heiner suchte im Nebel des Grauens orientierungslos das Weite. Die Bahnrückreise glich einer Beerdigung. Als Pfarrer fungierte der Lokführer, eigentlich das einzige reale Lebewesen an Bord. Der blau-weiße Massenrest fühlte sich wie Patrick Swayze in „Ghost“ als unsichtbare Gespenster. Diese negativen Emotionen kann man vielleicht nur mit dem Feeling von Napoleon Bonaparte beim Anblick von Feldmarschall Blücher 1815 in der Nähe von Waterloo vergleichen. Zwei US-Geburtstagskinder des 9. Juni änderten aufgrund ihrer Statements über diese Tragödie sogar ihre Künstlernachnamen. Michael J. (damals 27. Wiegenfeste) konstatierte drei Jahre nach dem Erstausflug mit dem DeLorean: I´m Fix and Foxi“ und Johnny (25) fügte an: I believe, I´m Depp“.

Am Tag danach, also am 10. Juni 1988, begann in Düsseldorf die Europameisterschaft. Autor „James Cagney“ hatte sich im Vorverkauf fünf Tickets erworben (drei deutsche Gruppenpartien plus Halbfinale und Endspiel). Doch der Frust saß zu tief, um der schönsten Nebensache der Welt so schnell wieder zu frönen. Apathisch verschenkte er das begehrte Kartenquartett an einen klammen Arbeitskollegen, der sich dadurch auf dem Schwarzmarkt einen schmucken Reibach von 2500 DM verdiente. Egal, es war ihm vergönnt. Wunden lecken war in jenen Tagen wichtiger als das Oranje-Gebolze von Marco van Bastard und Ruud Guillotine. Doch schon bald löste das Lilienemblem die Tulpen glücklicherweise wieder als Fußballsymbol ab. Auch der Boykott Cagneys hielt nur bis zum 23. Juli 1988 an. Dann genoss er am ersten Spieltag der neuen Saison zusammen mit allen anderen vom blau-weißen Virus infizierten „Unverbesserlichen“ (Ausnahme Joseph Offenbach) die schmackhafteste Zweitligabratwurst und gezapftes Fiege-Bier auf der Wattenscheider Lohrheide, als ob sechs Wochen vorher nichts gewesen wäre…

Karte SB

 

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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