Mittwoch, 19 März 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 6

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags 2_Bundesliga Saison 1983 _ 1984 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2984

Teil 6: Blau-Weiße Jungfernfahrten gen Westen und Norden

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 6

Die Zweitligasaison 82/83 nimmt vom sportlichen Aspekt gewiss keinen hohen Stellenwert in der Chronik des SV Darmstadt von 1898 ein. Schließlich verpassten die Lilien den anvisierten sofortigen Bundesligawiederaufstieg. Stattdessen musste der Sportverein schweren Herzens wahrnehmen, wie zwei Radikalopponenten, deren Parteigänger in der Regel Rostlauben mit den Nummernschilder MA und OF kutschieren, ihrerseits in die oberste Fußballetage einmarschierten. Außerdem prägten wirtschaftliche Schieflagen eine Spielzeit, die dennoch viele unauslöschliche Ereignisse zu bieten hatte: Z.B. einen doppelten Prager Frühling, Premierentrips en masse und eine emotionale Bye, bye – Spritztour für eine Fanlegende.

Doch bevor wir uns dem Up and Down dieser turbulenten Runde zuwenden, gilt es noch das Bundesligabuch 81/82 zu schließen. Teil Fünf unserer Serie endete mit dem 1:1 in Köln und der Stabilisierung auf einem Nichtabstiegsplatz. Diese Momentaufnahme besaß allerdings nur ein kurzfristiges Haltbarkeitsdatum. Als hätte der identische Drehbuchautor seine Finger im Spiel, knickten die Lilien wie schon während der Erstausgabe 78/79 nach der Winterpause ein. Nur noch drei Siege (gegen Bielefeld und zweimal gegen die mit absteigenden Duisburger Zebras) gab es im restlichen Saisonverlauf zu bestaunen. Bemerkenswerten Duftmarken (4:4 in Bremen sowie das 2:2 gegen den späteren Meister HSV) mangelte es an einer Bestätigung. Auch der Trainerwechsel (Manfred Krafft für Werner Olk) und personelle Nachbesserungen (Roland Gerber, Wolfgang Trapp) verpufften praktisch wirkungslos.

Trotzdem bestand zum Kehraus die klitzekleine Chance, den Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen sprich auf den Relegationsrang zu hopsen. Für eine solche Wiederbelebungsmaßnahme benötigten die Lilien einen Sieg in Gladbach und eine gleichzeitige Leverkusener Niederlage in Bielefeld (in den K.-O.-Partien hätte als kleine Pikanterie am Rande übrigens der OFC gewartet). Doch der Allmächtige wollte kurz vor der WM unbedingt jegliche Scharmützel-Gefahr vermeiden. Die Pillenschlucker gewannen 2:0 auf der Alm und der SV98 stürzte ohne Absicherung mit einer 1:6-Klatsche vom Bökelberg herab. So wurde die 2006 abgerissene Borussenheimstätte als letzter 98er-Bundesligaaufenthaltsort im Almanach protokolliert. Für immer? Lassen wir diese hypothetische Frage Bob Dylan beantworten: „The Answer, my Friend, is blowin´ in the Wind“.

Mit einem Koffer voller finanzieller Sorgen (u.a. wegen der vom DFB eingeforderten neu erbauten Flutlichtanlage) kehrten die Lilien auf das Zweitligapodium zurück. Präsident Georg „Schorsch“ Schäfer schlug nach einer achtjährigen erfolgreichen Schirmherrschaft sein Böllenfalltor-Wigwam ab (Nachfolger wurde der bisherige Schatzmeister Werner Lampert). Bis auf Roland Gerber (dessen Verdrängung Willi Wagners vom Liberoposten ordneten die blau-weißen Experten als fundamentales Abstiegsmotiv ein), Helmut Zahn (zum KSC), Glenn Jordens (schipperte heim ans Kap der guten Hoffnung), Detlev Bruckhoff (wanderte ins Burgenland an den Neusiedler See aus) und Willi Weiß (der Bayer hielt der südhessischen Region sowie den Vereinsfarben die Treue und coachte fortan den RSV Germania 03 Pfungstadt) blieb das Gros der höherklassig gestählten Mannschaft zusammen. Hinzu gesellten sich Runald Ossen (von der Trierer Porta Nigra), Peter Salisch (tauschte die blühenden Bäume des Wiener Praters gegen einen Strauß Lilien aus) und Ludek Macela.

MacelaLudek wer? erkundigten sich damals fast alle Heiner. Nun, den tschechoslowakischen Goldmedaillenkapitän der Moskauer Boykottspiele 1980 eisten die Vorstandsvertreter Manfred Sulzmann und Heinz Schneller als ersten CSSR-Spieler, der mit Verbandsgenehmigung in die Bundesrepublik ausreisen und bei einem westdeutschen Profiklub anheuern durfte, von Dukla Prag los. Bis zur endgültigen Freigabe strichen aber noch einige Tage ins Land. Dieses Politikum rief sogar das Auswärtige Amt in Bonn auf den Plan. Die Unterstützung von Hans-Dietrich Genscher beim Macela-Transfer vom Warschauer Pakt zur anderen Seite des eisernen Vorhangs gipfelte in der Nato-Doppelbeschlussbredouille, auf deren Höhepunkt wenige Wochen später Helmut Schmidt samt Gefolge (inklusive des Genschman mit dem gelben Pulli) die Regierungsgeschäfte nach einem konstruktiven Misstrauensvotum an eine pfälzische Einheitsbirne abtreten musste.

Das wirklich reizvolle Neuland dieser Saison bestand aber aus den vielen Kontrahenten, gegen die der SV98 erstmals das sportliche Messer wetzte. Seit 1981 duellierten sich die zweitklassigen süddeutschen Vereine ja auch eingleisig mit den Exponenten aus NRW und Niedersachen (Schleswig-Holstein und West-Berlin glänzten 82/83 dagegen durch Abwesenheit). Wie die Enterprise NCC-1701-A von Captain James Tiberius Kirk drang das Darmstädter Raumschiff also ab August 1982 in Fußballgalaxien vor, die nie zuvor ein Heiner gesehen hatte (mit Ausnahme der Old School–Jungs, die sich während der Aufstiegsrunde 1973 schon an die Bremer Brücke nach Osnabrück und zur Essener Hafenstraße beamten). Echte Debütexkursionen gab es ins Kölner Südstadion, an die Wattenscheider Lohrheide, ins herrlich antike Hermann-Löns-Stadion nach Solingen, in die Krefelder Grotenburg, nach Hannover, auf den Aachener Tivoli alter Prägung und zu zwei Aufsteigern, deren Namen TuS Schloss-Neuhaus (der heutige SC Paderborn 07) und BV Lüttringhausen (später FC Remscheid) den deutschen Chefsatiriker Dieter Hildebrandt dazu veranlassten, drei Jahre nach Absetzung seiner Kabarettsendung „Notizen aus der Provinz“ ein Sequel zu produzieren.   

Für die blau-weiße Zweitligareanimation servierte der Spielplankoch gleich einen aus leckeren Printen bestehenden Gaumenschmaus in der einstigen Residenz von Karl dem Großen. Das Team von Trainer Manfred Krafft erkämpfte sich mit einem überragenden Libero Ludek Macela ein torloses Unentschieden bei den Tivoli-Kartoffelkäfern. Doch schon das erste Heimspiel (1:2 gegen die Stukis) offenbarte, dass viele Dornen auf der künftigen Lilienfährte wucherten. Noch deutlicher wurde diese Einschätzung am Freitag darauf in Köln. Letztes Jahr noch ein „heroisches“ 1:1 beim großen „Effzeh“ und jetzt ein desolates 0:3 bei der kleinen Fortuna. Und wieder hatte in der Domstadt wohl ein übergeordneter Kleriker seine Finger im Spiel. Diesmal rieb sich der Schöpfer ob des 98er-Gurkenkicks die Augen und knipste zehn Minuten vor ultimo das Flutlicht aus. Leider platzte die Seifenblase, dass das Match abgebrochen und wiederholt werden könnte, weil Tausendsassa Jean Löring sich an seine Elektrikerausbildung erinnerte, die Ärmel hochkrempelte und schließlich trotz Mangels an geeignetem Werkzeug mit Hilfe von Münzen und Schlüsseln den Schaden behob.

Frustriert über die Nacht- und Nebelaktion pfiff ein bekannter 98-Fan mit persischen Wurzeln auf die Busheimfahrt und bestieg unbemerkt von der Schaffnerfraktion den Nachtzug gen Ruhrgebiet (wegen liquiden Problemen pferchte er sich ticketlos unter der Sitzbank ein), um am nächsten Tag im Schlacke-Imperium die nächste Pleite zu verfolgen (2:4 gegen Gladbach). Wenigstens durfte der blau-weiße Schah die Nacht zwischen Süd- und Parkstadion in einer Gelsenkirchener Redlight-Nobelherberge inmitten dickmemblicher Pottkurtisanen für einen Miniobolus von 10 DM verbringen. Allerdings ohne reguläres Frühstück im Morgengrauen, denn die Order Ham & Eggs assoziierte die Mätressenmama nicht unbedingt mit der Herdplattenaktivierung.  

Aber zurück zum sportlichen Werdegang der Lilien. Der neue Werbepartner Merck musterte die Dugena-Trikots aus und ersetzte sie durch den Sportslife-Dress. Prompt regte sich wieder sportliches Leben am Böllenfalltor. Dem ersten Sieg (4:2 gegen Kassel) folgten binnen vier Tagen zwei erfolgreiche Abstecher zu den zwei Jahre älteren 96ern (4:0 im DFB-Pokal vor 2973 Zuschauern im altehrwürdigen Eilenriede und ein 2:1 im Niedersachsenstadion). Für einen Kraf(f)t-Akt nach oben fehlte jedoch die Kontinuität. Auch die Spätherbstblitztransfers von Rolf Dohmen und Wolfgang Schüler (ehemalige KSC-Zöglinge des Übungsleiters) fanden keinen Ausgang aus dem Mittelmaßlift. Ausgerechnet beim 400. blau-weißem Punktspiel von Jubilar Ede Westenberger in einem ostwestfälischen Neuhausschloss uferte die Krise ins Bodenlose aus (1:3). Zu allem Überfluss watschten die Klubhäuptlinge Peter Cestonaro als Westerwälder Dickschädel ab und verdonnerten ihn nach 89 Erst- und Zweitligatoren für den SV98, künftig auf der Kasseler Wilhelmshöhe anstatt am Darmstädter Fünffingerturm Autogrammstunden zu geben. Mit Willi Wagner wurde ein zweiter Langzeitrecke suspendiert (ging als Spielertrainer zum VFB Gießen).  

Als Surrogat zogen die Lilien einen zweiten dicken tschechischen Fisch an Land. Zdenek Nehoda (88facher Internationaler) hörte auf den Rat seines Landmanns und Kumpels Macela, die „Ceši do toho!“ – Schlachtrufe noch lauter über dem Böllenfalltor klingen zu lassen. Der promovierte Jurist war Genosse der Europameisterelf, die 1976 in der Partisanennacht von Belgrad das DFB-Team im Elfmeterschießen bezwang (im Gegensatz zum demnächst den Jailhouse-Rock summenden „Al Capone der Moderne“ vom Tegernsee vollstreckte Nehoda seinen Strafstoß). Gleich seine zweite Darmstädter Applikation mündete auf der Degerlocher Waldau im ersten einlochenden Erfolgserlebnis (1:1), doch zwei Wochen später resultierte ein „Rachefeldzug“ im prinzipiellen Aufstiegsknockout. Beim ersten Spiel gegen seine alte Liebe provozierte Peter Cestonaro  zunächst den einzigen Ligaplatzverweis in Ede Westenbergers Karriere, um kurz darauf den als Substitution–Schatten fungierenden Willi Bernecker abzuschütteln und zum Golden Goal für die documenta – Repräsentanten einzuschieben.  

Im weiteren Rundenverlauf krebsten die Lilien durch die tabellarische Einöde und mussten außerdem den Finanznotstand-Nebenkriegsschauplatz bewältigen. 4,5 Millionen DM Verbindlichkeiten drückten auf den Schultern. Dem ein teures Monatssalär (rund 16000 DM) verschlingenden Manfred Krafft wurde ein Auflösungsvertrag ins Haus geschickt (Hans-Dieter Zahnleiter führte ab der Saison 83/84 die Regie auf dem Trainerschleudersitz). Zum Glück konnte man die in erster Instanz verweigerte Lizenz durch Spielerverkäufe und drastische Einsparungen im zweiten Anlauf erwerben.

JamesMit einem schrillen Halali endete die fußballerische Saison am 5. Juni 1983 dort, wo zehn Monate vorher alles begann: Im wilden Westen. Ohne Showdown-Ambitionen und nur mit Platzpatronen bewaffnet ließen sich die Lilien bei den die Aufstiegsrelegation feiernden Uerdingern 0:5 abwatschen und untersagten dem südhessischen Naturell entsprechend eine theoretische Schützenhilfe für die wieder einmal in die Röhre schauenden nordhessischen Löwen. Der Krefelder Anhang dürfte beim bis heute einzigen 98er-Ausflug in die Grotenburg nicht schlecht gestaunt haben, als die blau-weißen Jünger trotz der Bedeutungslosigkeit das komplette Match durch einen lautstarken Support auf sich aufmerksam machten. Anlass war gewiss nicht das „Apocalypse Now“ ihrer Günstlinge auf dem grünen Rasen, sondern der als Abschiedsgeschenk deklarierte letzte Faneinsatz für „G.I.“ – James. Der US-Boy war drei Jahre lang in Darmstadt stationiert, sah am Bölle erstmals, dass noch andere Sportarten wie Football und Cricket existierten und begleitete während seinem Platoon am Woog hellauf begeistert den Sportverein durch dick und dünn, ehe er in der Folgewoche für immer in die Neue Welt zurückkehrte, um über die Prärie melancholisch den Yankee Doodle Dandy zu trällern (oder vielleicht auch „Wir haben eine Mannschaft nur für uns allein gemacht…“).  

karte luettringhausen 

 

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James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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