Dienstag, 11 März 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 5

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags 1_Bundesliga Saison 1982 _ 1983 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2930

Teil 5: Göttlicher Beistand für das Wunschergebnis

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 5

Menschen zünden von jeher aus den verschiedensten Gründen Kerzen an. Für die schönen  (z.B. um eine romantisch veranlagte Femme fatale in das Herumwälzgemach zu locken) und die weniger angenehmen Stunden des Lebens oder aus religiöser Überzeugung. Dass man diesen Brauch dazu nutzt, um vom obersten Himmels-Chef das passende Resultat für ein „stinknormales“ Fußballspiel einzubitten und dieses dann auch noch punktgenau so eintrifft, ließ aber den Glauben an eine höhere Macht in einem veränderten Licht erscheinen.

Die zweite Edition des blau-weißen Bestsellers „Der 98er Sportverein auf Bundesligafahrt“ begann im Sommer 1981 zunächst einmal mit einem personellen Dämpfer. Horst „Hotte“ Neumann, mit 27 Treffern Torschützenkönig der 2. Liga Süd und deshalb maßgeblich am Aufstieg beteiligt, wollte anstatt im Schaufenster des deutschen Fußballoberhauses Empfehlungsschreiben abzuschicken lieber an der zweitklassigen Leine geführt werden und unterzeichnete ein lukratives Angebotsformular von Hannover 96. Für ihn durften sich die frisch verpflichteten „Greenhorns“ Helmut Vorreiter (aus Polen), Guido Stetter (VfR Bürstadt), Helmut Zahn (Freiburger FC) und Bodo Mattern (eine Schiedsgerichtverhandlung zwischen SV98 und Wormatia Worms legte die Ablösesumme des Stürmers auf 227000 DM fest) auf ihre Feuertaufe in der höchstmöglichen Bel Etage freuen.

Gleich zum Start entführte die Mannschaft von Werner Olk einen hochverdienten Punkt von einer ostwestfälischen Bergweide. Dieter Rudolf, der wegen eines in der Woche zuvor erlittenen Hitzschlags einige Tage das Bett hüten musste, präsentierte sich zwischen den Pfosten ausgeschlafen, während der Knipser vom Dienst alias Peter Ces-to-naro auf Vorarbeit von Helmut Zahn das 1:1 sicherte und der Bielefelder Alm blühende Lilien bescherte. Gleich im ersten Heimspiel war der amtierende Deutsche Meister von der Säbener Straße zu Gast und brachte das altehrwürdige Böllenfalltorstadion zum Kochen. Nach großem Fight beugten sich die 98er vor 30000 Zuschauern (ausverkauft) Breitnigge & Co 1:2. Viel mehr fuchste da schon das anschließende und vermeidbare 2:3 beim bis heute einzigen Auftritt unter dem Bayer-Kreuz in Leverkusen.

Dann rollte der VfL Bochum mit einer blütenweißen Weste (drei Siege) nach Darmstadt und wurde unsanft auf den Boden der Tatsachen befördert. Uwe Hahn und das „gelungene Probetraining“ Bodo Matterns vom Elfmeterpunkt beglückten den Sportverein mit dem ersten Bundesligadreier. Im Aufsteigerduell gegen die Bremer Stadtmusikanten sprang beim zweiten Heimmatch in Serie „nur“ ein 1:1 heraus. Samstags darauf ging es über die Düsseldorfer Altstadt ins Rheinstadion, wo Guido Stetter, der ihn jenen Tagen den Ehrentitel „Darmstetter“
erhielt, die frühe Führung erzielte. Nach einem negativen Doppelschlag in der Schlussphase schienen die Altbierfelle davonzuschwimmen, bis Joker Rudi Collet 120 Sekunden nach seiner Einwechslung und 240 Sekunden vor dem Schlussgong durch einen herrlich in den Giebel gezwirbelten Freistoß die zweite Auswärtsrendite fixierte.

Doch damit war die Herrlichkeit zunächst einmal vorbei. Eine desillusionierende 2:6-Heimklatsche gegen den KSC (bis zur 47. Minute lagen die Lilien noch 1:0 vorne!) leitete eine Durststrecke von vier sieglosen Partien und dreizehn Gegentreffern ein. Ausgerechnet gegen den vom ehemaligen 98-Übungsleiterhero Udo Klug gecoachten Club gelang die Wende. Die Nürnberger erinnerten sich anscheinend daran, dass es für sie in den 1970er Jahren am Böllenfalltor konstant nur Backpfeifen zu erben gab und entpuppten sich wie früher als freundlicher Punktelieferant. Das 2:1 über die Valznerweiher – Elf stufte die Lilien-Gemeinde als erhofften Motivationsschub für die aufgebaute und vermeintlich unüberwindbare Barriere in Cologne-Müngersdorf ein.

Samstag, 31. Oktober 1981: Fritz Walter feierte an diesem Tage nicht die „Begrüßungsformel der österreichischen Hauptstadt“ (Halloween), sondern seinen 61. Geburtstag. Weit vor dem Sippschafts-Kaffeeklatsch strahlte der Fußball-Nationalheld beim Blick aus dem Fenster angesichts der nassen Petrus-Aktivitäten auf seinen Garten in Enkenbach-Alsenborn über beide pfälzische Backen. Wehmütig sprudelte es mit tiefster Inbrunst Richtung Gattin Italia aus ihm heraus: „Guckemol, Schätzje, es nieselt und reschnet. Des war mei Wedder. So wie Vierunfuffzisch im Berner Wankdorf, als ich den Boss, den Otmar und den Maxl Morlock zum Wunner geje die Matschare (ungarisch Magyaren) getriwwe hab. Vielleicht passiert ja heit wieder so e ähnliches Ding. Daruf drinke mer ä Glas Wei. Alla hopp“.

Prophet von KölnEtliche Kilometer weiter nordwestlich fiel gleichzeitig die Vorhut der Heinerbrigaden am Kölner Hauptbahnhof ein und kam ebenfalls in den Genuss eines Orakels – wenn auch von ganz anderer Art und Weise. Ein nicht gerade als tiefreligiös bekannter 98-Edelfan „entdeckte“ beim Verlassen der Husch-Husch-Zentralstation den sich vor ihm aufbäumenden Dom und kam auf die glorreiche Idee, um göttlichen Beistand zu flehen. Gesagt, getan: Ehrfurchtsvoll betrat der e(h)rliche Herr aus einem nördlichen Darmstädter Stadtteil (weil er hier inkognito bleiben möchte, bezeichnen wir ihn unter seinem Pseudonym „Harold Rossler“) die rund 160 Meter hohe Kathedrale, erwarb sich andächtig eine Kerze, zündete sie an und stellte sie vor dem Altar auf mit der Bitte, dass der mittägliche Wettstreit  zwischen dem Bundesligatabellenführer 1. FC Köln und Abstiegskandidat SV Darmstadt 98 mit einem schiedlich-friedlichen 1:1 enden solle. Zum besseren Verständnis des heute noch treu an den Bölle-Bierständen umherwandernden Gurus muss man erwähnen, dass schon immer zwei Fußballherzen in seiner Brust schlugen: Ein rot-weißes für den „Effzeh“ und ein blau-weißes für den „Es-Vau-De“ (plus einem kleinen Stent für die Minigolfabteilung der SG Arheilgen). Nur bei Joseph Höffner hielt sich das Amüsement über diese Aktion in Grenzen. Dem zufällig anwesenden Erzbischof von Köln fielen vor Schreck sämtliche Groschen und Heiermänner aus dem Klingelbeutel.

Nach den Adlatus-Vorleistungen des „alten Fritz“ und vom „jungen Harold“ musste also nur noch die Mannschaft des SV98 mitziehen. Gerade einmal 14000 rheinländische Zuschauer verloren sich neben ca. 800 Heinern in der Betonschüssel des Müngersdorfer Stadions und hatten lediglich im Sinn, dass ihr stolzer Bundesligabranchenleader und als Heimmacht auflaufender Geißbock (vierzehn Tage zuvor überrannten die Tünnes und Schäl - Nachfahren sage und schreibe 4:0 die Münchener Bayern) am „Halloween - Nachmittag“ den angeblichen südhessischen Stümpern das Grauen lehren würde. Schließlich war der FC damals eine der ganz großen deutschen Fußballadressen (praktisch gleichgestellt mit Bayern und dem HSV) und die Zweite Liga so weit entfernt wie der Kilimandscharo vom Wallrafplatz. Ohne Mittelfeldfeldmotor Oliver Posniak (Bänderdehnung) und Standardmaestro Rudi Collet (Ischiasbeschwerden) vertraute der 98-Trainer folgenden blau-weißen Recken den Überraschungsauftrag gegen die hoch favorisierten Kölner Jecken (u.a. mit dem Paradesturmquartett Tony Woodcock/Klaus Fischer/Pierre Littbarski/Klaus Allofs) an:

Dieter Rudolf, Willi Wagner, Uwe Beginski, Ede Westenberger, Helmut Zahn, Willi Bernecker, Guido (Darm)Stetter, Bodo Mattern, Helmut Vorreiter und Peter Cestonaro (Olks „Kölsche Eleven“ kickte übrigens ohne Auswechselgnade bis zum Abpfiff durch).  

Als es in der ominösen dreizehnten Minute im Heiligtum von Dieter Rudolf schepperte, schienen die heimischen Supporter mit ihrem Mundartstatement „Et hätt noch emmer joot jejange“ Recht zu behalten. Willi Wagners Handspiel im Strafraum ahndete Schiedsrichter Hontheim mit einem Strafstoß, den Rainer Bonhof unhaltbar verwandelte. Doch danach schloss der Darmstädter Torwart die Schotten, verwandelte sich zum Zerberus und meisterte ein halbes Dutzend guter Chancen. Sechzig Sekunden vor der Pause wertete der Trierer Referee eine zärtliche Annäherung Westenbergers als unerlaubten Körperkontakt und entschied auf Elfmeter Nummer Zwei pro FC. Diesmal hatte der 74er-Weltmeister allerdings die Rechnung ohne den Rudolfschen Wirt gemacht. Reaktionsschnell entschärfte die elf Jahre den Lilienkasten hütende Goalie-Legende das Bonhof-Geschoss.

Bodo Mattern beim ElfmeterAngespornt durch die Paradenkollektion ihres Keepers ergänzten fortan Tante Traute, Onkel Mumm und Mutter Courage das 98er Parolibestreben. Offensiver und mutiger kaufte der Sportverein den  Domstädtern jeglichen Schneid ab. Ein 4711-Egalisierungsduft lag nun riechbar in der Kölner Luft. Dann brach Minute 64 an und Helmut Zahn wurde beim Eindringen in den gegnerischen Strafraum vom sich nach hinten verirrenden Litti weggecheckt. Sofort blies Hontheim zum Signal für den dritten Elfer in der Stadt der Elferräte. Aber wer sollte die Verantwortung übernehmen? Auf der Torlinie kauerte schließlich kein geringerer als Harald „Toni“ Schumacher und der hatte in den fünf bisherigen Kölner Saisonheimspielen noch kein einziges Mal den Ball aus dem Netz holen müssen! Die einmalige Gelegenheit, seinen Bekanntheitsgrad zu multiplizieren, oblag Bodo Mattern in seinem ersten Profijahr. Seelenruhig und abgezockt verlud er den Nationaltorwächter, der deswegen acht Monate vor der WM in Spanien erstmals „Battiston-Gelüste“ verspürte, während Udo Lindenberg durch den Blattschuss Matterns endlich das reale Pendant zu seiner 1976 uraufgeführten Single „Bodo Ballermann“ fand und aus dem Rambo-Zambo-Kickerverein der SV98 wurde.

Nach der schmerzlichen Schumacher–Erkenntnis, dass er durch einen Darmstädter Dolchstoß im eigenen Wohnzimmer doch verwundbar ist und die 54er–Hörfunkinterpretation von Herbert Zimmermann („Toni, Du bist ein Fußballgott“) sich auf den Volksstamm der Tureks beschränkte, verteidigten elf wackere Heiner-Kicker voller Leidenschaft das Knallbonbon-Ergebnis. Werner Olk überzeugte am Spielfeldrand als Pantomimenvirtuose: Gestikulierend, zitternd, flüsternd, anfeuernd und schließlich jubilierend, während Kölns Starensemble von einem Pfeifkonzert betäubt schleunigst das Weite suchte und deren längst kleinlautes Publikum verzweifelt um ein Ratio-Fazit bemüht war: „Vun nix kütt nix“.

Wenige Meter neben den kölsche Analysten schallte in bierseligen Intervallen ein anderer und für Südhessen besser verständlicher Jargon durch die Katakomben. „Ich heb´s eich doch glei gesacht, dass des Spel Ons zu Ons ausgeht. Moi uffgestellt Kerz hat Wunner bewirkt“ raunzte der Weissager und Bittsteller aus Orhelje jedem, der in seinem Dunstkreis prangerte, in die Lauschlappen. Lag es wirklich an seinem Candlelight? Oder an den Fangkünsten von Dieter Rudolf? Oder an der Nervenstärke von Bodo Mattern? Wahrscheinlich trug jeder blau-weiße Protagonist sein Segment zum großen Deal bei. So oder so: Wie schon im ersten Bundesligajahr diente ein 1:1 in einer uneinnehmbar geltenden Festung eines Fußballgiganten für die Hochblüte der Lilien im Oberhaus. Und auch Fritz Walter erhielt in den Spätstunden seines Geburtstages die Antwort darauf, welche sportliche Überraschung fällig sei. Unmittelbar nach der im Rahmen der ARD-Sportschau ausgestrahlten TV-Aufzeichnung Köln vs. Darmstadt hörte der Regen auf, über Enkenbach-Alsenborn hernieder zu prasseln…

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James Cagney

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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