Mittwoch, 19 Februar 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 2

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Bundesligaaustieg Saison 1977_1978 SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2981

Teil 2: Über den Horeb auf den Olymp

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 2

Zur Erklärung, wie man bezüglich des SV98 den biblischen Berg Horeb mit der mythologischen Heimat von Zeus im weiteren Sinne assoziiert, gehen wir beim Epilog näher ein. Der Prolog dieser Story schließt sich zunächst einmal chronologisch an Teil Eins an.

Nach dem Regionalligatriumph und der Aufstiegsrunden - „Vizemeisterschaft“ 1973 war den Lilien während der Spielzeit 73/74 trotz erstmaliger Einbindung der Langzeitkorsettstangen Manfred Drexler und Dieter Rudolf ein Repetitionsglück des Vorsaisonerfolges nicht hold. Zwar regulierte die Mannschaft von Udo Klug als amtierender Champion eine mehr oder weniger enttäuschende Vorrunde durch eine ausgezeichnete zweite Halbserie, aber auf den Zielgeraden ging die Luft aus. Am Ende fehlten als Tabellenvierter zwei Punkte zur erneuten und letzten Bundesligarelegation alter Prägung. Die primäre Vorgabe (Qualifikation für die 1974 installierte Zweite Liga Süd) sackte der Sportverein dank den guten Abschlusspositionierungen der zurückliegenden drei Jahre allerdings mühelos ein.

Mit einigen Neuverpflichtungen (u.a. Willibald Weiß, der als Ur-Bayer vom Bundesligisten RW Essen ans Böllenfalltor wechselte) betrat der Sportverein das Fußballunterhausneuland und knüpfte erstmals zarte Punktspielbande mit den Repräsentanten des Südwestbezirkes (Rheinland-Pfalz & Saarland): Borussia Neunkirchen, Mainz 05, Röchling Völklingen, FK Pirmasens, FC Homburg, Wormatia Worms und 1. FC Saarbrücken. Im Ludwigspark des FCS, wo vierzehn Jahre später das sportliche Schicksal seine hässlichste Fratze offenbarte, ging die blau-weiße Zweitligapremiere den (Darm)Bach hinunter (0:1). Überhaupt verlief die Debütrunde eher durchwachsen (Rang Zehn, also jenseits von „Gut und Böse“).

In der Saison 75/76 steigerte sich der SV98 und kraxelte auf die siebte Stufe des Klassements. Kurz vor der Ouvertüre der Spielzeit 76/77 gelang es dem Verantwortungsgremium, die ein halbes Jahr zuvor durch den Transfer von Rainer Künkel zum Europapokalsieger Bayern München entstandene Vakanz des Torjägerjobs durch die Arbeitstellenbesetzung von Peter Cestonaro zu kitten. Der im mittelhessischen Haiger geborene Stürmer hatte sich zwei Jahre zuvor vergebens bei den Duisburger Zebras um den Bundesligadurchbruch bemüht (ein Kurzeinsatz) und kehrte dann zu seinem Jugendverein SSV Langenaubach in die unterklassigen Niederungen zurück. Sein zweiter Anlauf auf der Profibühne sollte ihn zu einem der profitabelsten Knipser der 98er-Geschichte befördern.

Just in der Phase, als Cestonaro die anfänglichen Integrationsprobleme behob, demissionierte Udo Klug seine erste Trainerära am Böllenfalltor und übernahm in einer Nacht- und Nebelaktion ein „paar“ Kilometer nördlich am Main den identisch ausgeschriebenen Posten bei einem rot-weißen Erzrivalen, der nach dem Bundesligaabstieg in Liga Zwei nicht recht Fuß fasste und nur die dritte Geige hinter dem davoneilenden Duo VfB Stuttgart/1860 München spielte (November 1976). Anderthalb Jahre später dürfte Klug diesen Schritt bereut haben, denn im Mai 1978 wendete er sich mit frustriertem Grauen von dem als graue Zweitligamaus dahinvegetierenden Gebilde am südlichen Mainufer ab, während an seiner vorhergehenden und im blau-weißen Licht strahlenden alten Wirkungsstätte eine ganze Region im Halligalli – Rhythmus tanzte.

Doch erstmal zurück zum November 1976: Präsident „Schorsch“ Schäfer reagierte schnell auf den überraschenden Klugschen Schwanengesang (später feierte der unbestritten den Grundstein für die Bundesligaepoche legende Übungsleiter ja noch einmal ein beachtliches Comeback am Bölle) und lockte Lothar Buchmann, der 1975 dem VfR Bürstadt die Deutsche Amateurmeisterschaft bescherte, trotz eines laufenden Vertrags beim Südwestamateurligisten Wormatia Worms an die Nieder-Ramstädter-Straße. Buchmann wandelte das Vorrundentief in ein Rückrundenhoch und hievte den SV98 noch auf die sechste Sprosse im finalen Ranking.

Wir haben keine Gegner mehrDem Appetithäppchen folgte die legendäre Saison 77/78. Ohne größere namhafte Neuzugänge (hier ist Uwe Hahn vom VfR Kirn zu erwähnen, damals allerdings noch ein völlig unbeschriebenes Blatt) nistete sich der SV98 ungeachtet zweier auswärtiger Startpleiten in Bayreuth und Fürth kontinuierlich in der Spitzengruppe ein. Peter Cestonaro und Manfred Drexler trafen plötzlich wie am Schnürchen und hinten hatte das Defensivbollwerk um Dieter Rudolf, Walter Bechtold und Ede Westenberger bis auf drei große Negativausnahmen (4:6 am Nürnberger Valznerweiher, je 0:4 gegen die kurpfälzischen Chio-Chips und beim FSV Frankfurt) alles unter Kontrolle.

Das kleine Debakel auf dem Bornheimer Hang (erlitten eine Woche nach einem glorreichen 4:1 über den OFC) löste innerhalb der über die Jahre zusammengewachsenen Mannschaft eine unglaublich positive Kettenreaktion aus. Mit dem müden 2:0 über das abgeschlagene Schlusslicht FK Pirmasens begann die nachhaltigste Siegesserie aller Zeiten. Sage und schreibe ein Dutzend gewonnene Begegnungen fuhren die 98er am Stück ein. Alle zwei Wochen überholte die Truppe von Lothar Buchmann, der in diesen Tagen zum „König der Lilien“ gekrönt wurde, einen Kontrahenten nach dem anderen und hüpften von Rang Sechs auf den Platz an der Sonne. Ein torloses Remis auf dem Waldhof verhinderte den 13. Dreier en block und sorgte noch einmal kurzfristig für die „Degradierung“ hinter dem einzig ernsthaft verbliebenen Widersacher um das Zweitligazepter aus Nürnberg, der eine Woche später zum vorentscheidenden und elektrisierenden Showdown im restlos ausverkauften Bölle-Tempel gastierte. Wieder einmal schaute ganz Fußball-Deutschland auf den längst zum Evergreen avancierten Kracher gegen den Club. Entfesselte Lilien um die Torschützen Peter Cestonaro und Jockel Weber zerlegten die Franken 2:0, eroberten die Pole Position zurück und gaben sie nicht mehr aus den Händen.

Im Karlsruher Wildpark setzte es zwar kurz darauf die einzige Rückrundenniederlage (0:2), aber nach einem 2:0 gegen Würzburg 04, dem 1:1 in Oxxenbach (über 10000 entrückte Blau-Weiße bestiegen den Berg im Stadtteil Bieber – einige davon sogar mit einem durch die Vereinskneipe segelnden rot-weiß angestrichenen Sarg Marke Virus –, nahmen die heimische Gegengerade komplett ein und verbannten die eigentlichen Hausherren auf die sonst für die Auswärtsbegleitschaft vorgesehene Stahlrohrtribüne) und das 2:1 gegen FSV Frankfurt machten dann den Weg in das bundesweite Rampenlicht so gut wie frei. Freitagabends wurde dann im Nürnberger Frankenstadion der vorletzte Spieltag eröffnet. Als die Kunde von der 1:3-Heimschlappe des Clubs gegen Waldhof in die südhessischen Kneipen und Wohnzimmer drang, war klar, dass der SV98 samstags nur noch einen kleinen lächerlichen Sieg zum großen Paukenschlag benötigte. Als gastgebenden Antagonisten sah der Spielplan den schon seit Wochen verbindlichen Absteiger FK Pirmasens vor.

Was sollte beim schlechtesten Tabellenletzten des deutschen Profifußballs (sogar Tasmania Berlin hortete in seiner Bundesligahorrorsaison 65/66 zwei Punkte mehr) da noch schiefgehen? Die 98er-Fans zechten nach dem FCN-Patzer voller Vorfreude die Nacht durch und tourten enthusiastisch angesäuselt per Bus, Bahn oder PKW in die Südwestpfalz, um dem Traditionsverein FKP bei seinem bis heute letzten Zweitligaheimspiel latent noch einmal die Kasse zu füllen und evident eine große Aufstiegssause zu starten. Insgesamt bevölkerten 2400 Südhessen das leider 2003 abgerissene Stadion an der Zweibrücker Straße, während nur noch rund 1000 Einheimische den Abschied ihres im Pfälzer Wald heute noch ehrfurchtsvoll „Die Klub“ genannten Vereins begutachten wollten.

Bevor wir fortfahren, hier noch die Erläuterung zum einleitenden Titel. Horeb ist nicht nur ein biblischer Berg, sondern auch der historische Kernstadtteil von Pirmasens und deshalb im Fußballjargon auch eine Notation für die Kickerheimat des FKP. Am Horeb wollten die Lilien also die ultimativ letzte Klippe Richtung Bundesligaolymp umschiffen. Zur Halbzeit drückte eine unerwartete Gegenwehr des krassen Außenseiters etwas die Stimmung. Manfred Drexlers Führung konterten die desillusionierten Platzhirsche mit dem Ausgleich. Aber nach dem Seitenwechsel explodierte dann die blau-weiße Fußballgarde und initiierte auf den Rängen Maracana – Verhältnisse. Willibald Weiß, Hansi Lindemann, Rainer Korlatzki, Walter Bechtold per Strafstoß und Gerhard Kleppinger rückten die Kräfteverhältnisse zurecht und ballerten das definitive Beförderungsergebnis von 6:1 heraus.

Hier noch einmal die Mannschaft (für viele die beste der Vereinsgeschichte), die in Pirmasens die ohnehin nur noch theoretischen Aufstiegszweifel zerstreute: 
Dieter Rudolf, Walter Bechtold, Ede Westenberger, Willi Wagner, Gerhard Kleppinger, Otto Frey, Willibald Weiß, Uwe Hahn, Manfred Drexler, Hansi Lindemann, Jockel Weber (Rainer Korlatzki und Bernhard Metz wurden eingewechselt, „Bomber“ Peter Cestonaro fehlte wegen einer Knöchelverletzung).

Zum Schlussgong von Referee Horst Kalenborn hätte eigentlich gepasst, wenn der Song1978 II „Jetzt kommt die Flut“ über die Lautsprecher geträllert wäre. In bester Mark Spitz - Manier überschwemmten die längst im Innenraum lauernden blau-weißen Kohorten Tsunami-mäßig den Rasen an der Zweibrücker Straße. Diese brillante Performance hinterließ auch beim ZDF-Intendanten einen bleibenden Eindruck, denn tags darauf diente die 98-er Invasion der Sport-Reportage als Gänsehaut-Intro. In der gleichen Sendung proklamierte ein gerne „Harry the Dog“ vom FC Millwall nacheifernder Edelfan händereibend in das Mikrofon, dass sich Spieler wie Cestonaro und Drexler in der Nationalmannschaft breitmachen werden. Leider ignorierte der „schöne“ Mann mit der Mütze aus Wiesbaden wenige Wochen später diesen wohlgemeinten Appell und erlebte dafür im Land der Gauchos die „Schmach von Cordoba“.

Zurück auf den Horeb, wo in der Kabine die Sektkorken knallten. Aber auch in das Spielerheiligtum drangen die Fans mit dem Schlachtruf „Wir woll´n den Meister seh´n“ unbarmherzig vor und trugen ihre Heros zum Mannschaftsbus. Auf der Heimfahrt freuten sich dann alle Raststättenbesitzer über einen Rekordumsatz. Die meisterliche Gemeinschaft trudelte schließlich nach weiteren Zwischenstopps in den Bürstädter bzw. Bibliser Wohnungen von Lothar Buchmann und seinem „Assi“ Klaus Schlappner verspätet am Böllenfalltor ein, wo der begeisterte Anhang seine Helden in der Lilienschänke und im darüberliegenden Stadionrestaurant noch einmal hochleben ließ. All dies bekundete die Realisierung eines lange nicht für möglich gehaltenen Traums: Der SV Darmstadt 98 begab sich ab der Saison 78/79 auf Bundesligafahrt. To be continued…   

 

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James Cagney

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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