Dienstag, 08 April 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 8

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3464

Teil 8: „Ziehender“ Keeper, untreuer Trainer und geplatzter Berlintraum

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 8

Das achte Anekdotenpotpourri unserer Serie beruft sich auf die blau-weißen Zweitligajahre 1984 bis 1987, als der SV Darmstadt 98 noch einmal an einem tabellarischen Metamorphosenprozess teilnahm, das Zitteraal-Image abstreifte und wieder Höhenluft schnupperte. Den vorläufigen Gipfel dieses Verfahrens bildete der weiteste All Time –Vorstoß im DFB-Pokal. Erst an der vorletzten Haltestelle verweigerte ein fränkischer Hanseat die Durchfahrt ins Berliner Olympiastadion. Golden Globe – nominierte Mimen jenes Zeitfensters waren u.a. Udo Klug, Eckhard Krautzun, Wilhelm Huxhorn und Bruno Labbadia.

Das Schwanenlied über die letzten 78er-Samurai sangen wir wehmütig am Ende von Teil Sieben. Frank Berlepp sollte ab der Saison 84/85 Dieter Rudolf als Numero Uno ersetzen und für Ede Westenberger wurde ein Mann vom viktorianischen Griesheimer Zwiebelmarkt engagiert, damit den gegnerischen Stürmern das Lachen vergeht. Neben Lachmann standen auch Thomas Roßberger (saß vielleicht etwas zu hoch auf der ersten Hälfte seines Familiennamens und ist im Almanach mit lediglich einem blau-weißen Zweitligamatch notiert), Bernd Krajczy, Stefan Glaser und ein gewisser Karl-Heinz Emig (ja, der  Shakespeare-Tragödiendarsteller vom Parc de Louis) auf der brandneuen Lohnliste. Außerdem kraxelte Bruno Labbadia von der Jugend bzw. den „Amatören“ nach oben. Seine Eltern wanderten einst aus Bella Italia Richtung Schneppenhausen aus. Beim dortigen FSV und bis 1983 beim SV Weiterstadt lernte der spätere „sportliches Bäumchen wechsle Dich“ – Spezialist  das Fußballeinmaleins, ehe es ihm sauer aufstieß, dass sich die Gründung des „Loop5“ noch ein Vierteljahrhundert hinausziehen sollte und er seine Einkäufe daraufhin im Luisencenter oder im Kaufhof tätigte.

labbadiaIm dritten Spiel für das Zweitligauniversum aktiviert perforierte Labbadia gleich ein (2:4 bei den Stukis). Und auch während der fünften Ausgabe ließ sich Bruno nicht lange bitten und rettete ein 1:1 gegen die Saarwelsche. In der gleichen Partie feierte eine weitere zuvor im Landesligateam „geparkte“ 98-Ikone Profipremiere. Wilhelm Huxhorn siedelte 1982 vom grünen Pungschter Germanensteg nach DA um und avancierte, nachdem Lothar Kleim den schwachen Rundenstart vor allem Berlepp ankreidete, praktisch über Nacht zum Stammkeeper. Diese Maßnahme garantierte dem Trainer aber keinen Joberhalt. Weil das Abstiegsgespenst schon eine Dauerkarte für´s Bölle abonnierte, wurde Kleim eine Beurlaubung verordnet. Nur drei Stunden nach dieser Offenlegung deklarierte Präsidiumsmitglied Hans Scheiterer das Coming Home von Udo Klug. 24 Stunden später ging die „Messias“-Ouvertüre mit einem 2:1 über RW Oberhausen einher (Doppelpack von Uwe Kuhl gegen „Fußball-Otto“ Wolfgang Kleff). Allerdings stockten fortan Ernüchterungsergebnisse einen reibungslosen  Aufschwung.

Zumindest intern bestimmte wieder Besonnenheit den Alltagstrott. Als Winterzuwachs Egbert Zimmermann mit Verspätung ins Verstärkungsraster fiel, tütete der SV98 den Ligaverbleib vorzeitig ein – obwohl man wieder einmal im Kölner Südstadion leer ausging (2:4). Immerhin durfte sich Huxhorn über eine außergewöhnliche Widmung im Guinness-Buch der Rekorde freuen. Des Goalies Abschlag schwebte über hundert Meter in die gegnerischen Maschen. An der Strafraumkante „dotzte“ der Ball noch einmal auf und Gastgeberschlussmann Hemmerlein schaute belämmert in die Röhre, obwohl keine TV-Kamera den Kaiser Wilhelm – Propagandaflug einfing (die Privaten steckten am 27. April 1985 noch in den Kinderschuhen und die Öffentlich-Rechtlichen strahlten live via Eurovision lieber die Geburtstagsfete anlässlich des 24. Wiegenfestes vom Verleger-Webmaster dieser Homepage aus), während das ehrfurchtsvolles Supporter-Stakkato „Zieeeh, Willem, zieeeeh“ in den Folgejahren Huxhorn stetig für eine Imitation animierte. Vielleicht half dieses „verheimlichte Tor des Jahres“ ja auch dabei, dass dem erstinstanzlichen Lizenzverweigerungshattrick vorgebeugt wurde (auf Anhieb grünes Licht).  

macelaDas Perspektivthermometer wies ergo wieder relativ normale Temperaturwerte aus. Udo Klug verordnete seinem Kader vor der Runde 85/86 ein Bad im Jungbrunnen. Aufgrund dieses Liftings entschwand u.a. Ludek Macela nach drei Jahren Bölle ins niederösterreichische Amaliendorf. Auch für Frank Berlepp war Schicht im blau-weißen Schacht. Für ihn eiste Klug aus Unterhatschi (nicht zu verwechseln mit Winnetous „gläserner“ Halbblut-Gefährtin) Rainer Berg los. Wohlweislich vergaß der neue Torwächter in seinem Einstellungsgespräch, das Anforderungsprofil „Elfmetertöter“ zu erwähnen. Insider merken anhand dieses Statements, dass Teil Neun erneut seine düsteren  Schatten voraus wirft…

Als weitere Zugänge konstatierte der Chronistenheiner Stefan Lottermann (führte zuvor angesichts seiner Kickstationen OF, Ffm. und N ein Lotterleben), der fliegende Holländer Willy Scheepers (die Bondsrepubliek Duitsland war bereits seine vierte Laufbahnnation) und das geleaste Adleramateurtrio Bernhard Trares, Stefan Wöber und Thomas Klepper. Dank letztgenanntem wurde gewährleistet, dass nach dem Weggalopp vom Ross(berger) wieder ein Hengst auf der blau-weißen Koppel weidete. Die Lilien blühten beim Saisonauftakt regelrecht auf: 4:1 gegen Bundesligaabsteiger Arminia Bielefeld und 3:0 bei Fortuna Köln (sechs der sieben Tore erzielten Egbert Zimmermann und Bruno Labbadia). Diese Katapulteröffnung wuchtete die Klugsche Truppe auf den Zweitliga - Mount Everest. Ausgerechnet Peter Cestonaro verhinderte dann wieder einmal den Böllenwachstum gen Himmel (1:2 gegen die Kasselaner) und im württembergischen Wangen bekam man nicht gerade die selbigen getätschelt (peinlicher DFB-Pokal – K.O. beim Landesligisten).   

Doch der SV98 fing sich und kehrte nach vierzehn Runden auf den Zweitligathron zurück. Drei Niederlagen in Solingen sowie bei den späteren Bundesligaaufsteigern FC Homburg (ob der drei Tage vor der Saarlandpleite im mittelhessischen Ehringhausen das Licht der Welt erblickende Dominik Stroh-Engel über das negative Resultat informiert wurde, ist nicht bekannt) und Blau-Weiß Berlin (Bodo Mattern traf einmal für den Emporkömmling von der Spree) stutzten die Lilien auf gehobenes Mittelmaß. Am Saisonende nistete sich der SVD mit einem Punktekonto von 41:35 auf Position Zehn ein – und das war nach den beiden vorausgegangenen versetzungsgefährdeten Jahren als großer Schritt aus der Talsohle zu bilanzieren. Außerdem konnten die Schulden um weitere zwei Millionen DM getilgt werden.

Vorne mitspielen lautete das Credo für die Spielzeit 86/87. In puncto Personal-Karussell legte die Vorstandscrew um El Presidente Hans-Joachim Schmitt das Hauptaugenmerk auf die Abteilung Attacke. Michael Künast, Thomas Herbst und Dieter Gutzler sollten Bruno Labbadia und Uwe Kuhl beim Torabschlussvollzug assistieren. Nach einem misslungenen Punkteklau im Ulmer Spatzennest (0:2) zähmten die Lilien gleich mal den Kasseler Löwen (glücklicherweise hatte Cestonaro vor der Saison endlich sein nordhessisches Domizil gekündigt und kickte jetzt für den Oberligisten Eintracht Haiger). Ende August ´86 fokussierte sich die Darmstädter Fußballfaszination aber zunächst einmal nicht auf die Einkünfte, sondern dem Durchbrennen von Udo Klug. Wie schon 1976 vorexerziert, trat Udo Klug mit beißen Füßen in die Traditionstonne und gliederte sich einem unbedeutenden Provinzklub an (damals Oxxenbach, jetzt Homburg).

Uwe Ebert griff zwei Spiele als Interimscoach ein, ehe der SV98 den 45-jährigen Eckhard Krautzun als neuen Pädagogen dekorierte. Uwe Kuhl sicherte durch seinen Ausgleich zum 1:1 gegen Arminia Bielefeld dem noch mehrere Episoden am Bölle schreibenden Weltenbummler einen halbwegs gelungenen Einstieg. Krautzun änderte das Matchplansystem in drei Sturmspitzen und sofort rappelte es im gegnerischen Karton ((4:2 gegen St. Pauli, 4:0 gegen RW Essen, 3:1 gegen Spitzenreiter Hannover 96, 4:2 gegen Saarbrücken, 4:0 in Salmrohr und ein sensationelles 7:1 im Toppschlager über den VfL Osnabrück). Zur Saisonhalbzeit krabbelten die Lilien auf Relegationsplatz Drei und überwinterten gar auf der direkten Aufstiegsstufe Zwei. Es duftete also wieder nach Bundesliga rund um den Langen Lui.

Im Frühjahr ´87 lenkte eine willkommene Delikatesse von der Hausmannskost ab. Nach 3:0 beim SC Charlottenburg, einem 2:1 im nordfriesischen Friedrichsstadt und dem 2:0 beim Ligakonkurrenten Fortuna Köln (Doppelpack von Bruno Labbadia in der Verlängerung) war der Sportverein zum ersten und bis heute letzten Male elitärer Teilhaber am DFB-Pokal-Viertelfinales. Noch im Kölner Süden verfolgten die Kölschüberschwemmten blau-weißen Fans in einer Kaschemme von Hans „Jean“ Löring gebannt das Auslosungsprozedere in der ARD-Sportschau. Als die Glücksfee zunächst das Emblem vom SV98 und Sekunden später das Logo vom Hamburger SV in den zarten Händen hielt, verkraftete auch Faktotum Löring den Prestigeverlust seiner Fortuna dank einer 98-prozenzigen Spelunkenumsatzsteigerung wesentlich besser.

hsv017. März 1987: 26000 Fußballgläubige lechzten im Stadion am Böllenfalltor auf das heiße Duell zwischen dem Zweitligazweiten und dem Bundesligazweiten. 89 Minuten hielt Wilhelm Huxhorn seinen Kasten sauber und unterstrich den couragierten Widerstand des gastgebenden  Außenseiters. Eine Viertelstunde vor dem Abpfiff stellte HSV-Trainer Ernst Happel (leider) seinen berühmten Riecher unter Beweis. Der Wiener Grantler schickte Manfred Kastl auf die Wiese. Kurz vor ultimo schlug der aus Nürnberg stammende Joker unbarmherzig zu und bezwang Huxhorn mit einem unhaltbaren Geschoss. „Der SV Darmstadt ist besiegt worden, verloren hat er nicht“ resümierten die Gazetten nach dem großen Fight.

Schade, denn im Halbfinale hätte ein Heimspiel gegen Gladbach und im Berliner Endspiel ein „Underdogkracher“ gegen die Stukis auf der Agenda gestanden. Aber Konjunktive sind im Fußballgeschäft selbstredend lediglich ein nettes Accessoire. So angelte sich der HSV den Pott und die Lilienessenz konzentrierte sich auf das Beförderungsanliegen ins Oberhaus. Auf den Zielgeraden schlotterten jedoch die Beine. Der KSC und St. Pauli setzten zum Überholmanöver an und degradierten die Blau-Weißen auf die Goldene Ananas – Sprosse Vier. Zu allem Überfluss wurde Krautzun trotz im April abgewickelter Vertragsverlängerung mit der fadenscheinigen Argumentation „fehlende Ausstrahlung“ kurz vor dem Saisonshowdown gefeuert. Uwe Ebert sprang noch einmal kurzfristig in die Bresche. Erst später sickerte durch, dass die Kluboberen schon länger mit Klaus Schlappner für die kommende Spielzeit planten, der dann auch einen Einjahreskontrakt für 87/88 unterzeichnete.

Mehr dazu im neunten Teil. Jede echte Lilie weiß natürlich, welches Herzschmerzszenario da auf ihn (sie) zuströmt. Auch dem Autor wird beim Remake eines der bekanntesten Movies seines Pseudonyms („Angel with dirty Faces“) nicht wohl in seiner Haut sein. Deshalb hat die Weltgesundheitsbehörde vor der Erstkonzeption zu einem Journalistenmeeting im mit Kleenex und Baldrian bestückten Konferenzraum des Maritim-Hotels eingeladen, um die Storybandbreite abzuhandeln. Federführend sind Peter Scholl-Latour, Friedrich Nowottny und Fritz Pleitgen, die unisono gleich einen Wunsch vom HR abwürgten. Das „lokale Dritte“ wollte ein Comeback für seinen ehemaligen Sportkommentator Jürgen Emig arrangieren und ihm die Moderation des Korrespondentenkongresses zuschanzen. Ein solch abstruses Gesuch lehnten die erfahrenen Publizisten nicht wegen dessen Vorstrafenregister, sondern aufgrund der verhängnisvollen Nachnamenrelevanz kategorisch ab…    

 

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James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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