Dienstag, 04 März 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 4

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags 1_ Bundesliga 2_Bundesliga SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3866

Teil 4: Vier Tore an der Dreisam besiegeln Aufstieg Nummer Zwei in Liga Eins

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 4

Nach der im dritten Teil unserer Serie erläuterten Sternstunde von München gab es im weiteren Verlauf der Bundesligapremiere 78/79 nicht mehr allzu viel Anlass für blau-weiße Orgien – was den sportlichen Sektor betrifft. Zwar erschütterten die Lilien gegen Ende der Vorrunde durch ein 2:0 über die Gladbacher Fohlen und einem 3:1 gegen den VfL Bochum (berühmter „One Night – Stand“ von Bum Kun Cha, der nach seinem Böllenfalltor-Quickie sofort in die südkoreanische Wehrmacht abberufen wurde) noch zweimal das Establishment, aber im Frühjahr ´79 ging den „Feierabendprofis“ langsam die Puste aus.

Spätestens als der Nürnberger Club sein rund zehnjähriges Kanonenfutter-Abo im Heinerdomizil an der Nieder-Ramstädter-Straße stornierte, war die Erstklassigkeitsmesse prinzipiell gelesen. Kurz darauf verkündete Lothar Buchmann durch den ab kommender Saison geplanten Übungsleiterumzug vom Woog zum schwäbischen Brustring  an den Neckar seinen persönlichen Klassenerhalt, was dem 98er-Gremium sauer aufstieß und zur sofortigen Trennung vom zwölf Monate zuvor noch als König der Lilien vergötterten Fußballlehrer veranlasste. Als Interimslösung nahmen Schorsch Schäfer und seine Funktionärsmitstreiter  den bisherigen Co Klaus Schlapper in die Pepita Hut – Verantwortung. Der Elektromeister aus Biblis startete mit einem 2:4 auf Schalke, überreichte dafür aber eine Woche später dem blau-weißen Anhang ein mehr als passables vorzeitiges Bundesligalebewohlgeschenk in Form eines gerupften Adlers. „98 führte Eintracht vor“ titulierte der Kicker nach der exakten ergebnistechnischen Revanche für die Hinspielniederlage. Uwe Hahn (mal wieder) und Kurt Eigl sorgten vor 17000 Zuschauern noch vor der Pause für den finalen und hochverdienten 2:0-Score gegen die Grabowskis und Körbels vom Riederwald.   

Danach neigte sich diese übrigens vom „Sport-Spiegel“ als klasse Hommage verfilmte und von Hollywood als bester Dokumentarstreifen  nominierte erste Bundesligaepisode dem Ende entgegen. Am vorletzten Spieltag verbuchten die Lilien noch flugs ihren einzigen Auswärtssieg (2:1 in Bochum), um dann beim Showdown trotz der 1:7-Abfuhr gegen die künftigen Stuttgarter Buchmänner nicht gerade leise servus zu sagen. Unter tosendem Applaus wurden die scheidenden Kurt Eigl (zu Aspirin Vizekusen) und Manni Drexler (an den Schalker Markt) für ihre blau-weißen Dienste geadelt. Nach einem Jahr Abstinenz war also wieder Liga Zwei (Abteilung Süd) die fußballerische Heimat. Für den Trainerposten engagierte die Spielausschusskompetenz  überraschend Jörg Berger, dem wenige Monate zuvor das „Leben der Anderen“ überdrüssig wurde. Nach einer DDR-Auswahlpartie im jugoslawischen Partisanenland begab sich der spätere „Feuerwehrmann“ für Abstiegskampf-Happyends á la Richard Kimble auf die Flucht und emigrierte in den Westen. Gehetzt von Stasi-Schergen und gemeinsam mit dem wieder als Assistent fungierenden Klaus Schlappner gestresst von den permanenten Ausflügen zur Trainerlizenzschulung an den Kölner Dom warf Berger schon nach einem halben Jahr das Handtuch.

thumb SV98 8 tAlsbald stolzierte ein neuer Kapitän auf die Kommandobrücke: Werner Olk, in den 1960er-Jahren  Bayern-Mittelläufer auf Giesings Höhen, ehe Kaiser Franz nach hinten rückte und den Begriff Libero patentierte. Zwar flog er kurz nach seinem Jobbeginn erwartungsgemäß im Achtelfinale (zwei Runden zuvor hatte der SV98 noch unter Berger Bundesligist 1. FC Kaiserslautern 4:0! deklassiert) beim Kölner Geißbock aus dem DFB-Pokal (1:3), doch in der Liga manövrierte Olk den Sportverein wieder in angenehmere Tabellensphären. Die Saison 79/80 schloss das Heinerteam auf der vierten Ranglistensprosse ab – allerdings ohne noch einmal reellen Aufstiegsduft einzuatmen.  

Im Sommer 1980 schwebten erst einmal ein paar dicke Wehmutswolken über dem Stadion am Böllenfalltor. Mit Jockel Weber und Walter Bechtold hingen zwei Langzeit-Koryphäen ihre Profikickstiefel an den Nagel. Außerdem wechselte Co-Trainer Klaus Schlappner als Chefcoach zu den Waldhof-Buben (Nachfolger wurde Manfred Neidig). Für die letzte Saison der zweigeteilten 2. Liga (über die aus den letzten drei Jahren resultierenden Qualifikation für das ab 81/82 eingleisig installierte „Untergeschoss“ musste der SV98 dank der Bundesligapräsenz 78/79 und Rang Vier 79/80 keine Gedanken verschwenden) lockte Werner Olk einige klangvolle Namen an die Nieder-Ramstädter-Straße: Frank Berlepp (ET Braunschweig), Uwe Beginski (HSV), Willibald Bernecker (MTV Ingolstadt), Detlef Bruckhoff (FV Würzburg), Glenn Jordens (Südafrika) und Oliver Posniak (FSV Frankfurt). Mit diesen Spielerpflichtungen kochte im blau-weißen Hinterstübchen die Zuversicht, wieder an die Bundesligapforte anzuklopfen.

Nach zwei ernüchternden Auftakt-Unentschieden (darunter das „berühmte“ 2:2 in Eppingen, als die inzwischen längst in der Versenkung verschwundenen Kraichgau-Nobodys einschneidende Erfahrungen über den ersten Kontakt zur „großen Fußballwelt“ horteten), drückten die Lilien auf das Gaspedal und erklommen schon am fünften Spieltag durch ein 5:0 im Südhessenderby gegen die Bürstädter Ried-Olis den Zweitligagipfel. Auch fortan verschönten  Schützenfeste das blau-weiße Primusdasein: 9:2 gegen ESV Ingolstadt, 6:3 gegen Freiburger FC, 7:1 in Homburg. Vorherrschend das Angriffstandem Horst „Hotte“ Neumann (im zweiten Darmstädter Dienstjahr platzte beim vorhergehenden Kiezkicker mal so was der Knoten) und Peter Cestonaro stillte seinen unbändigen Torhunger. Diverse Rückschläge (unglückliche 1:4-DFB-Pokal-Niederlage im Zweitligatabellenführerduell beim Nordvertreter Hertha BSC, 0:1 am Bornheimer Hang) wurden selbstbewusst weggesteckt. Eine Aufholjagd beim starken Neuling Hessen Kassel (4:4) krönte die Vorrunde mit sieben Punkten Vorsprung auf Relegationsplatz Zwei und das Substantiv Erfolg schrieb man in den lokalen Gazetten leicht abgeändert nur noch Erfolk.

Während der zweiten Saisonhälfte schlich sich allerdings Bruder Leichtfuß ein. Zwar hielt der Sportverein am Böllenfalltor die beide sich Kickers schimpfenden unmittelbaren Nebenbuhler vom Degerloch und Bieberer Berg durch 1:0-Triumpe einigermaßen an der Kandare, doch auswärts stellten die Platzhirsche aus Trier (0:4), Ingolstadt (0:2), Freiburg (0:2 beim FC), Bayreuth (1:2) und von „de Monnemer Brigg“ (0:2 bei Schlappis Chios) den bereits sicher geglaubten Quantensprung in Frage. Zwei Begegnungen vor ultimo hatte sich der Proviant zur Vizemeisterposition auf magere zwei Pünktchen reduziert. Und auf dieser Stufe lauerte der ärgste Erzrivale aus Oxxenbach. Rund um Darmstadt verbarrikadierten die blau-weißen Fans das Damoklesschwert vom Main im tiefsten Keller und bauten auf das „Wir schaffen das noch“ – Prinzip.

Da leistete – wie als Duplizität der Ereignisse oder als positives Déjà-vu-Erlebnis erfunden – dem Sportverein auf seiner zweiten Regatta Richtung Bundesligahafen wieder der Waldhof  sportlichen Beistand. Die Alsenwegler hatten ja schon 1978 während der Vorschlussrunde durch ein 3:1 in Nürnberg die Fährte nach oben freigeschaufelt (siehe Teil Zwei unserer Serie). Ebenfalls an einem Freitagabend ermauerte Schlappis Truppe drei Jahre später ein 0:0 auf dem Bieberer Berg und damit war klar, dass es am Sonntagmittag darauf nur noch einen „lächerlichen“ Auswärtssieg erforderte, um das zweite High Society – Ticket binnen drei Jahren zu buchen. Der FK Pirmasens, 1978 in der Rolle des chancenlosen Hausherren, hatte also fast zwanzig Stunden Zeit, für das Remake des Straßenfegers „Der SV98 auf Bundesligafahrt“ die leicht verstaubten Originaldrehbücher vom Pfälzer- in den Schwarzwald zum zitternd wartenden SC Freiburg zu faxen.

Mannschaft 80-81Sonntag, 17. Mai 1981: Vor dem Alten Theater und auf dem Stadionparkplatz trudelten massenweise PKWs mit den KFZ-Kennzeichen DA, GG, DI, HP ein (vereinzelt wurden sogar OF & F-Karossen gesichtet). Alle Insassen kannten nur ein Ziel: Falls noch nicht vorrätig, eine Billet für den Buskonvoi zu erwerben (Fahrpreis 25 bis 30 DM). Lediglich drei 98er-Fans fehlten entschuldigt: Dietmar Schönherr, Dennis Hopper und Udo Lindenberg mussten ihren jeweiligen Geburtstagsverpflichtungen nachkommen. Um 9Uhr in der Früh setzte sich dann die Großraumlimousinen-Armada in Bewegung. Kurz unterbrochen von intensiven Leibesvisitationen der vorgewarnten grün-weißen Freund- und Helferfraktion auf einer Autobahnraststätte erreichte der Heinermob schließlich die idyllische Universitätsstadt. Und in der bekannt wärmsten Region Deutschlands schien längst die Sonne, was für jede Lilie ja von jeher einen weiteren Ansporn bedeutet…

Gegen High Noon befand sich das Dreisamstadion schon längst fest in Darmstädter Hand. Die altehrwürdige Heimstätte des Sportclubs war damals nicht mit der heutigen Bundesligarena zu vergleichen. Seinerzeit bemühten sich die späteren Breisgau-Brasilianer, in der 2. Liga Fuß zu fassen (der erste Bel Etage - Aufstieg folgte erst 1993) und hinkten noch leicht dem Klassenrivalen und eigentlichen Freiburger Traditionsklub FC aus dem benachbarten Mösle hinterher. Fallschirmspringer transportierten den Spielball ohne „Falling-Down-Syndrom“ gen Anstoßkreis. Die Mannschaft von Werner (Erf)Olk war schon am Vortag angereist und nach einer Übernachtung im 38km entfernten Lahr spätestens ab der Schlussphase des ersten Abschnitts hellwach. Goalgetter Horst Neumann und Detlef Bruckhoff katapultierten per Doppelschlag den Jubelpegel in Ekstase-Modus.

Als in der 56. Minute die SC-Spieler ein zweites Mal vor Neumanns Hottehü kapitulierten,  brandeten die „Oh wie ist das schön“ – Arien über den Breisgau. Glenn Jordens, der die südafrikanische Sportbegeisterung für seinen in Apartheid-Haft befindlichen „Boss“ Nelson Mandela adäquat in Südhessen vermittelte,  rundete mit dem 4:0 den Torreigen ab. Danach gönnte sich Bruckhoff aufgrund Sichtung des roten Kartons noch einen verfrühten Abgang, um dann gemeinsam mit seinem Trainer, den Betreuern, Ersatzspielern und natürlich dem positiv ausrastenden Anhang einen Platzsturm par excellence hinzulegen.

Das Team vom 4:0 in Freiburg:
Dieter Rudolf, Uwe Beginski, Willi Wagner, Ede Westenberger, Andreas Karow, Willi Weiß, Willi Bernecker, Uwe Hahn (Glenn Jordens), Oliver Posniak, Detlef Bruckhoff, Horst Neumann. Kurioserweise schaute Peter Cestonaro wie schon 1978 am Horeb verletzt zu.

Der Designer „musste“ ergo erneut den Briefkopf ändern: Letzter Südmeister der doppelt gestaffelten Liga Zwei und das zweite Bundesligaabenteuer vor den blau-weißen Augen. Die Feierlichkeiten fegten mitten im Frühsommer wie ein Blizzard durch den Breisgau. An der Dreisam fühlte sich kein Heiner mehr einsam. Den Fantransport der blau-weißen Champions zunächst an den Mannschaftsbus bzw. nach der feuchtfröhlichen Heimkehr zur Fetenfortsetzung in eine bekannte Bessunger Disco hätte ein gewiefter Korrespondent auch unter dem Motto „Per Huckepack ins Huckebein“ publizieren können…

Worms

 

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James Cagney

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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