Mittwoch, 26 Februar 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 3

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Saison 1978_1979 SV Darmstadt 98 Tor des Monats Uwe Hahn, Aufrufe: 2526

Teil 3: Als der Hahn ein Ei ins Katzenklo legte

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 3

Durch Albträume geplagt wachte Leonardo DiCaprio am 11.11.1978 um 8Uhr11 ante meridiem (17Uhr11 MEZ) in Los Angeles auf. Es war sein viertes Wiegenfeste und ihm schauerte es bei dem Gedanken, dass er das Titellied von „Neues aus Uhlenbusch“ (Auweia, auweia, der Hahn legt keine Eier) dem Kindergeburtstagsvolk als Schmankerl vorträllern sollte. Seine aus der Ruhrpottmetropole Oer-Erkenschwick stammende Mummy hatte ihm Text und Melodie aus alter Heimatverbundenheit in den Tagen zuvor suggeriert, ehe selbige nach einem gerade erhaltenen Anruf in des Sohnemanns Schlafgemach stürmte, von einer biologischen Sensation im bajuwarischen Germanenland faselte und deshalb der Song Contest zur großer Erleichterung des späteren Titanic-Stars ins Wasser fiel.

Vor der unauslöschlichen Kunstschuss-Bogenlampe der 98er-Version von „Uns Uwe“ unter dem einst vom lange in Darmstadt wirkenden Chemiker Otto Röhm erfundenen Plexiglas im Olympiapark der bayrischen Landeshauptstadt widmen wir uns nach dem in Teil Zwei beschriebenen Aufstiegscoup zunächst einmal dem Premierenlauf auf den Bundesligabrettern, die für alle Lilienfans in jenen Tagen die Welt bedeuteten: Schalke statt Bürstadt, Hamburg statt Homburg, Hertha statt Baunatal usw. Der erwähnten alten Dame aus Berlin kam die Ehre zuteil, den bundesweit titulierten Feierabendfußballern (fast alle Spieler gingen weiterhin ihrer „geregelten“ Arbeit nach und der Trainingsbetrieb fand erst nach Dienstschluss statt) als Debütgegner zu dienen. Eine Stunde vor dem allerersten Bundesligaanpfiff am 12. August 1978 musste aber zunächst einmal der Lilienschänkepächter diverse Raumausstatter und Glaser kontaktieren. Das Mobiliar war „etwas“ in Mitleidenschaft gezogen worden, weil einige Frösche zu aggressiv quakten…

Auch nebenan auf dem Rasen des Bölles zog sich das Team von Lothar Buchmann sehr achtbar aus der Affäre. Kurt Eigl (vom HSV) erwies sich sofort als die erhoffte Verstärkung und führte seine neuen Kollegen vor 25000 Zuschauern gegen die gestählten Gäste aus der früheren und späteren Hauptstadt (u.a. mit Norbert Nigbur und Erich Beer) zu einem verdienten 0:0. Eine Woche später beorderte die erste Bundesligadienstreise den 98er-Konvoi ausgerechnet zum amtierenden Deutschen Meister 1. FC Köln. Als krasser Außenseiter lehrte der Newcomer dem haushohen Favoriten das Fürchten und lag dank des ersten Oberhaustreffers von Peter Cestonaro bereits nach fünf Minuten 1:0 vorne. Bis zur Pause dominierte der SV98 völlig überraschend das Geschehen. Ein höheres Guthaben verhinderte eine Pfütze, die den Ball vor dem Überqueren der Torlinie stoppte. Insider behaupteten später, dass FC Schlussmannikone Toni Schumacher vor dem Kick-off Hennes IV. veranlasste, seine flüssige Geißbocknotdurft im 98er-Sechzehner zu verbreiten und die Lachen dann während der Halbzeit mit festeren Fäkalien absickern ließ (Ursprung des Fan-Kultliedgutes „Cologne, Cologne, die Sch….vom Dom“).

Leider half den Kölnern diese unerlaubte Beeinflussung, denn in der zweiten Hälfte wendete Bernd Cullmann per Doppelpack das Blatt. Auch in den nächsten drei Begegnungen (in Braunschweig, gegen Spitzenreiter Kaiserslautern und in Nürnberg) gingen die Lilien jeweils 1:0 in Front, ohne dass beim Kehraus ein Sieg in die Bilanz sprudelte. Zwei weitere Pleiten zu Hause gegen Düsseldorf und beim HSV transportierten die rote Bundesligalaterne ans Böllenfalltor. Beim folgenden Match platzte dann durch ein 3:2 über die gelb-schwarze Borussia vom Borsigplatz endlich der Knoten. Dem befreienden Auftaktdreier schloss sich die erste Auswärtsrendite an (4:4 in Duisburg nach einem spektakulären Wechselbad der Gefühle), ehe eine der ungerechtesten Niederlagen der Vereinsgeschichte (1:2 gegen die Schalker Knappen) die Ruhrpotttrilogie abschloss. Sieben Tage später wandte Glücksgöttin Fortuna der Buchmann-Elf endgültig den Rücken zu. Das Derby im Adlerhorst eines fliegenden Urahnen vom Hunnenkönig Attila ging nach ähnlich dominanten blau-weißen Spielanteilen wie in Köln 0:2 flöten. Nach dem 1:1 zu Hause gegen den Mitaufsteiger von der Bielefelder Alm prophezeite die Expertenrunde dem SV98 für die nächste Hürde eine deftige Klatsche und rief den Job im Münchener Olympiastadion als Mission Impossible aus.

SV98 FansSamstag, 11.11.1978: In vielen Regionen der Bundesrepublik tauschten Närrinnen und Narrhalesen ihre biedere Alltagskluft gegen bunte Faschingsklamotten aus, um ab 11Uhr11 den Beginn der Fastnachtssession zu zelebrieren. Aus anderem und akzeptablerem Anlass bevölkerten „verkleidete“ Menschenmassen schon seit Stunden den Darmstädter Hauptbahnhof. Aber statt Pappnasen oder Piratenkostümen trug diese „Spezies“ blau-weiße Schals und Käppchen bzw. Jeanswesten mit überdimensionalen Lilien-Emblemen auf dem Buckel. Es waren die Fans des SV Darmstadt 98, die den „El Clásico“ FC Bayern München vs. SV Darmstadt 98 dem Karnevalstreiben vorzogen und massenweise ICE-Tickets für die Tournee an den Weißwurstäquator einlösten. Für die meisten 98er-Jünger war es die erste Wallfahrt in die Isar-Metropole. Kein Wunder, dass die Reisestrapazen nach der Ankunft mit etlichen Maß Weißbier (obwohl der Krug eigentlich nur höchstens einen Dreiviertelliter beinhaltete) in der Schwemme des Hofbräuhauses weggespült wurden.

Mit etwas schweren Beinen schlenderten die Darmstädter „Touristen“ dann vorbei an den „Ruinen des schwarzen 72er Septembers“ in die Nordkurve des sechs Jahre alten Olympiastadions, dem eigentlichen Aufenthaltsort der Löwen. Also bedeutete die Farbe Blau-Weiß für diese Ecke des weiten Rundes keine Rarität. Statt dem Aufzählen von Siebenundfünfzig bis Sechzig war halt diesmal die Bewunderung einer Zwiebelpflanze namens Lilie akustisch zu vernehmen, obwohl die tapferen Anfeuerungen ein mulmiges Feeling in der Magengegend überschattete. Hier der 99,9 Prozentfavorit FC Bayern, der drei Tage zuvor (07.11.) beim Abschiedskick von König Johan Cruyff in Amsterdam durch einen 8:0-Triumph offenbarte, dass Ajax nur zum Putzen da ist, und dort der auf dem letzten Tabellenplatz zitternde südhessische Underdog-Neuling, der neben Manfred Drexler (frisch vom Nationalmannschaftsarzt Professor Heinriss Heß in Saarlouis am Meniskus operiert) auch den Ausfall der kompletten Offensivriege (Peter Cestonaro/Hansi Lindemann/ Rainer Korlatzki) verkraften musste. 

Außerdem konnte Uwe Hahn wegen einer Muskelverhärtung nur auf der Bank Platz nehmen und von seiner später Oscarprämierten Rolle nur träumen. Die Mannschaft stellte sich ergo praktisch von selbst auf. Aber das „letzte Aufgebot“ kämpfte verbissen und ließ als erstes Überraschungspaket bis zur Pause keinen Gegentreffer zu. Zwölf Minuten nach dem Seitenwechsel schien der bayrische Goliath seinen Ansprüchen gegen den David aus der Heinerstadt einigermaßen gerecht zu werden. Nach einem Textiltest von Ede Westenberger am Dress des Bombers der Nation Gerd Müller deutete der 2004 verstorbene Referee Winfried Walz aus Waiblingen auf den ominösen Punkt. Paul Breitner lief an und Dieter Rudolf ereilte aus elf Metern das gleiche „Schicksal“ wie vier Jahre zuvor Jan Jongbloed an gleicher Stelle im WM-Finale.

Mit Glück (Karl-Heinz Rummenigge und Branko Oblak trafen danach nur das Gebälk) und Geschick beugten die Lilien einem höheren Rückstand vor, ehe Lothar Buchmann eine Viertelstunde vor dem Schlussgong das Ass aus dem Ärmel fischte. Trotz muskulöser Tor des MonatsLädiertheit übernahm Uwe Hahn den Part des Jokers (wurde später mit Jack Nickolson und Heath Ledger in den Batman-Movies verfilmt), schnappte sich unter den aufkommenden Nebelschwaden in der 89. Minute oder passend zum 11.11. um 17.11 die Kugel, schnippelte den Ball in die Luft und donnerte ihn aus rund dreißig Metern volley und unhaltbar über Sepp Maier in den rechten oberen Giebel.

Während also zwischen den Bayern-Pfosten die Katze von Anzing (Nickname des Nationalkeepers im Freistaat) perplex dreinschaute, wälzten sich im blau-weißen Block aus purer Freude die Leiber übereinander. Kurz darauf war Schicht im Schacht und dank dem vielleicht berühmtesten Tor der 98er-Historie die Sensation perfekt. Der Hahn ließ sich zu Recht feiern und die Katze schaute belämmert in die Wäsche. Hier noch einmal beide Mannschaften dieses unvergessenen Nachmittags:

Josef „Sepp“ Maier, Kurt Niedermayer, Georg „Katsche“ Schwarzenbeck, Klaus Augenthaler,  Udo Horsmann, Wolfgang Rausch (Josef „Jupp“ Kapellmann), Bernd Dürnberger, Paul Breitner, Branko Oblak, Gerd Müller, Karl-Heinz Rummenigge

Dieter Rudolf, Gerhard Kleppinger, Walter Bechtold, Ede Westenberger, Otto Frey, Jürgen Kalb, Willibald Weiß, Jockel Weber, Kurt Eigl, Bernhard Metz, Rudi Weiler (Uwe Hahn)
 
Mit diesem nicht unbedingt einkalkuliertem Unentschieden stürzte sich die Lilienfangemeinschaft beseelt in das Schwabinger Nachtleben, überflutete den Stachus und beehrte solch nette Kaschemmen wie das Donisl. Einige büßten zwar am U-Bahnhof Marienplatz aufgrund eines dreisten Überfalls einige Fan-Accessoires ein, konnten das aber mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht verschmerzen. Im Laufe des Sonntags kehrten alle südhessischen Vasallen mehr oder weniger wohlbehalten in die heimatlichen Gemarkungen zurück. Uwe Hahn durfte sich drei Wochen später noch über die Auszeichnung zum Torschützen des Monats November 1978 freuen (die Plakette überreichte „Häuptling Silberlocke“ Jupp Derwall in der ARD-Sportschau) und musste sich bei der Wahl zum Tor des Jahres lediglich der größeren bundesweiten Popularität (warum eigentlich?) des 74er-Weltmeisters Rainer Bonhof beugen.

Ach ja, zum Ende blicken wir noch einmal über den großen Teich. Auch in Kalifornien war durch die Kunst,- Sonntags,- Distanzgranate (oder wie man das Hahnsche Geschoss auch immer nennen mag) der Seelenfrieden gerettet. Leonardo DiCaprio fielen ob der prompt überlieferten germanischen Nachricht etliche Wackersteine vom jungen Herzen, weil ihm das „Uhlenbusch-Desaster“ erspart blieb. Wenn man den Überlieferungen Glauben schenken darf,  schmückten an seinem vierten Ehrentage aus Dankbarkeit sogar Luftballons und Girlanden in blau-weißer Pracht den Festraum. Und dass der Hahn Eier legen kann, glaubte Little Leo wahrscheinlich noch so lange, bis er sich neunzehn Jahre später auf Direktion von James Cameron im Packeis des Nordatlantiks für Rose alias Kate Winslet opferte…

 

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James Cagney

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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