Freitag, 02 Januar 2015

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 16

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3649

Teil 16: Australische Polonaise im Hans Bayer - Stadion

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 16

_Theoretisch müsste man Lohhof in einem Atemzug mit den glorreichen 98er-Aufstiegschauplätzen wie Pirmasens, Freiburg und Bielefeld nennen. In der heutigen blau-weißen Märchenwelt, wo z.B. 5000 Blau-Weiße auf den Betzenberg kraxeln, ist die anno 2000 im Unterschleißheimer Stadtteil vollzogene Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga fast schon in Vergessenheit geraten. Weil Märchen in der Regel mit dem Prolog „Es war einmal“ beginnen, aktivieren wir ungeachtet respektive gerade wegen des momentanen Schwebezustandes auf Euphoriewolke Sieben mal wieder die Zeitmaschine von H.G. Wells.

Zweifellos fällt im Rampenlicht des seit anderthalb Jahren überschwappenden Erfolges der Blick zurück einfacher in eine Epoche, als statt den Greuthern noch Quelle Fürth das Bölle aufsuchte und Pi mal Daumen 250 unentwegte Heiner den „etwas anderen Aufstieg“ im Hans Bayer - Stadion zelebrierten. Die neue Ausgabe unseres Historienrundflugs erörtert die Achterbahnsgefühlwelt der  Regionalligaspielzeit 99/00. Nach dem Wiederaufstieg (siehe Teil Fünfzehn) eröffnete eine Stippvisite im DFB-Pokal (dank des zuvor souverän eingetüteten 4:0 im Hessenpokalfinale gegen Borussia Fulda am Ascheberscher Schönbusch) die Runde. Der frisch gebackene Zweitligist Chemnitzer FC gab sich an der Nieder-Ramstädter-Straße die Ehre und gewann vor 5500 Zuschauern 4:2.

neue spielerDer Sportverein konnte sich nach dem kurzfristigen Cupabstecher ergo gleich auf´s täglich Brot konzentrieren – das folgenden Aufstrich erforderte: Als Neuling mindestens sieben Konkurrenten distanzieren. Die Vereine auf den Abschlusssprossen Zwei bis Elf sollten zum Kehraus eine Nominierung für die ab 2000 von vier auf zwei halbierten Regionalligen  erhalten und die darunter positionierten Klubs in den sauren Abstiegsapfel beißen. Ein verschärfter Standortverteidigungskampf war also vorprogrammiert. Die Lilien krempelten für dieses Unterfangen ihren Kader gewaltig um. Neben den Rückkehrern Timo Leifermann und Tim Gutberlet begrüßte Aufstiegstrainer Slavko Petrovic Keeper Andreas Clauß  (ersetzte den genau wie Goran Skeledzic in den dynamischen Dresdner Zwinger  gewechselten Ignjac Kresic zwischen den Pfosten), Oscar Corrochano, Mentor Dzemaili, Matthias Örüm, Kristian Sprecakovic und den Holland-Surinamer Ronald Hoop in Südhessen.  

Im ersten Regionalligamatch nach vierzehn Monaten Auszeit drückte Steffen Bury gleich mal den Optimismusschalter, indem er gegen die kleinen Bayern ein 0:1 per Hattrick in ein 3:1 umformatierte. Leider blieb diese One-Man-Show die einzige blau-weiße Duftmarke von Bury in jener Saison. Wenige Wochen darauf sah er den roten Karton beim VfR Mannheim und unterschrieb einen Vorvertrag beim FSV Frankfurt, weshalb ihn der SV98 suspendierte und schon im Winter zum Bornheimer Hang ziehen ließ. Der klasse Auftakt gegen die Zöglinge des deutschen Rekordmeisters transportierte allerdings keine Sicherheit ans Bölle. Im Gegenteil: Nach sieben sieglosen Partien in Serie nistete sich prompt das Abstiegsgespenst ein.

hoopDem Pseudo-Befreiungsschlag (2:1 bei den KSC-Amateuren im gähnend leeren Wildpark) folgte das in jeder Hinsicht denkwürdige Heimmatch gegen die Sechziger Zweitgarde. Das Dietzenbacher Unternehmen „Gold-Ei“ fungierte als Sponsor unter dem Werbeslogan „Abgerechnet wird zum Schluss“ (nicht zu verwechseln mit dem Sam Peckinpah – Western von 1970). Mit der Idee, die Zuschauer erst nach Spielende zur Kasse zu bitten (jeder brauchte nur so viel Kollekte zahlen, wie ihm der Kick wert war), legte sich der Hühnerprodukterzeuger ein faules Ei ins Nest. Die rund 7000 Besucher entrichteten nach der deprimierenden 0:3-Pleite einen Obolus von 22428 DM, was einen Durchschnittswert von drei Mark und zwanzig Pfennigen entsprach. Weil der SV98 45000 Mark an Einnahmen vorkalkuliert hatte, zahlte „Gold-Ei“ 22572 Mark drauf und musste sogar seine Anwälte konsultieren, weil einige resignierte Fans statt dem Griff ins eigene Portemonnaie die Überweisung von Schmerzensgeld einklagten.   

Die bajuwarischen Nachwuchslöwen sorgten durch ihren südhessischen Beutezug auch auf dem sportlichen Sektor für einschneidende Konsequenzen. Wenige Tage nach der Schmach trat Slavko Petrovic von seinem Amt zurück. Der Aufstiegslack war also schnell ab. In Spiel Eins nach der Demission reiste der Sportverein in die Augsburger Rosenau – die Stätte der legendären Klassenerhaltschlachten von 1996 & 1997 (siehe Teil Vierzehn). Mit dem für 90 Minuten verantwortlichen Interimscoach Wolfgang Uschek (dürfte heutzutage nur noch Insidern ein Begriff sein) gelang ein kleiner Aha-Effekt. Tim Gutberlet – im Vorfeld als lauffaul gescholten - erinnerte sich erstmals seit dem Comeback an seine Torriecherqualitäten, knipste beide Treffer zum 2:2 im Puppenkistenland und wartete wie alle blau-weißen Protagonisten gebannt auf den „neuen“ Hoffnungsträger.   

schmidt krautzun4. Oktober 1999: Zehn Jahre nach seinem zweiten SV98 – Gastspiel erhörte der inzwischen 58-jährige Eckhard Krautzun wiederum den Hilferuf seines Herzblutvereins und sprang ein drittes Mal in die Bölle-Bresche. Der Auftrag an den erfahrenen „Kosmotrotter“ (Mischung aus Kosmopolit und Globetrotter) lautete: Raus aus dem Keller und hinein in die Tabellengefilden, welche eine Zukunft in der sich in Lauerstellung befindlichen zweigeteilten Regionalliga garantierten. Sein Wiedereinstand nahm gleich heroische Züge an: 3:1 an einem Freitagabend im Hessenderby gegen Borussia Fulda. 2756 Fans huldigten den heimgekehrten Heilbringer.

Doch der Weg, sich diesen Ruf erneut zu verdienen, war trotz prominenten Personalnachbesserungen noch mit etlichen Stolpersteinen gepflastert. Dank Krautzuns Überredungskünsten schlugen ein ehemaliger Deutscher Meister (Thomas Franck bei Schwarz-Gelb Lüdenscheid-Nord) und ein Ex-Uefa-Cup-Sieger (David Wagner bei Königsblau Herne-West) ihr Wigwam am Bölle auf.   Die nächsten beiden Aufgaben (0:3 in Schweinfurt, 1:3 gegen Aalen) beschmutzten die Darmstädter Buxe allerdings gewaltig. Immerhin gab gegen den heutigen Zweitligakontrahenten von der Ostalb „Eurofighter“ Wagner sein Debüt im 98-Dress. Der im nahen Geinsheim geborene „Kraut-Yankee“ hatte zweieinhalb Jahre zuvor im Mailänder San Siro die Schalker Sterne vom Himmel geholt und entwickelte sich nach Anfangsproblemen zur dringend benötigten Unterstützung für den im Sturm oft allein auf sich gestellten Ronald Hoop.

Im anschließenden Match zementierte Wagner seine erste Lilienbude (3:3 auf dem Halberg). Aber zur Saisonhalbzeit rangierte der SV98 mit beunruhigendem Rückstand unter dem Strich. Als Wegweiserschild Richtung Happyend darf der erste Rückrundengalopp bezeichnet werden. Am Bölle fügten Krautzuns Schützlinge dem damals übermächtigen Spitzenreiter SSV Reutlingen die erste Saisonniederlage zu (2:1). Mit dem gleichen Positivresultat (2:1 gegen den Unterbau des FC Bayern vor gerade einmal 300 Zeitzeugen an der Grünwalder Straße) verabschiedete sich der Sportverein vom alten Jahrtausend und träumte unter dem Weihnachtsbaum verstärkt vom Erreichen des Saisonziels. Im neuen Millennium setzte sich der Aufschwung fort. Bis auf eine Ausnahme (1:2 an der fränkischen Fürthquelle) forcierten die Lilien rigoros ihre Aufholjagd. Anfang April kletterte der Neuling auf Position Acht, ehe vier Begegnungen ohne eigenes Tor doch noch einmal den Pessimismuspegel steigen ließen.

Krautzun hielt daraufhin eine Brandrede an die Adresse seiner Mannschaft und das „reinigende Gewitter“ zeigte Wirkung. Heiß wie Frittenfett demontierten die Lilien vor 3500 Fans den FC Schweinfurt 05. Tony Sekulic, Thomas Franck und Ronald Hoop markierten in der Anfangsphase binnen zwölf Minuten den 3:0-Triumph, über dem trotz der fast protokollierten Qualifikation ein Schatten lag, weil sich Verein und Coach für eine weitere Zusammenarbeit über die Saison hinaus nicht einigen konnten. Das Konzept Krautzuns (professionellere Strukturen, bessere Trainingsbedingungen, hauptamtlicher Co-Trainer und Physiotherapeut) schmetterten die Kluboberen aufgrund der limitierten Personalkosten ab, worauf dem „Manager“ endgültig der Wind rau ins Gesicht blies. Trotz des fußballerischen Schmankerls gegen die unterfränkischen Schnüdel schallten „Wiesinger raus“ – Sprechchöre durch das altehrwürdige Bölle.  

Siebzehn Kilometer vor den Toren Münchens in Unterschleißheim krönten der SV98 und Krautzun am vorletzten Spieltag 99/00 ihren Ritt von den Rankingniederungen auf eine einstellige Tabellenstufe und besiegelten die Teilnahmeberechtigung für die reduzierte Regionalliga (die Staffeln West-Südwest und Nordost wurden eliminiert und gingen in den beiden Gruppen Nord und Süd auf). Wegen der Abspeckung von 72 auf 37 Klubs kam der Salto in die „neue Klasse“ faktisch einem neuerlichen Aufstieg gleich. Auf dem Ground des nicht gerade als Kultareal bekannten Hans Bayer - Stadions vom SV Lohhof (der Hausherr stand vor dem Anstoß bereits als Absteiger fest) strahlten 250 blau-weiße Getreue von insgesamt 350 Zuschauern!! (elf Jahre darauf im Nibelungenland oder vierzehn Jahre später auf einer ostwestfälischen Alm waren es ein „paar“ Heiner mehr)  mit Ronald Hoop um die Wette (der Niederländer hatte drei Tore zum entscheidenden 4:2-Auswärtssieg beigesteuert), während Down Under – Libero Tony Sekulic ausgelassen wie „Skippy, das Buschkänguru“ hüpfte und mit einem Aussie-Fähnchen bewaffnet zu den Klängen des damaligen Nummer Eins - Hits „Anton aus Tirol“ von DJ Ötzi eine zünftige Polonaise anführte.

schweinfurthAuf der oberbayrischen Tribüne drückte auch Michael Feichtenbeiner erfolgreich die Daumen. Drei Tage nach dem Lohhof-Ausflug präsentierte der SV98 den 40-jährigen Schwaben als Trainer für die „neue“ Regionalliga Süd und weitere drei Tage später galt es am Bölle neben der Ehrung von Ronald Hoop als Spieler des Jahres Abschied nehmen: Von einer turbulenten Saison, vom Vordenkergespann Eckhard Krautzun (etliche Wehmutswolken kreisten am Firmament) und Wolfgang Uschbeck, von drei stellvertretenden der insgesamt neun (!) Abgänge (Oliver Wölki, Thorsten Becht und Jens Krinke) und vom langjährigen Weggefährten TSF Ditzingen, der sich rühmen durfte, seine allerletzte Regionalligapartie vor den Rückgliederung in die baden-württembergische Anonymität am Bölle auszufechten. Der misslungene Ergebnisausklang (2:4) tat der von Live-Musik (ohne „Anton aus Tirol“) sowie 1500 Litern Freibier garnierten sentimental-fröhlichen Stimmung keinen Abbruch. Und auch die blau-weißen Fans bezahlten diesmal gerne ihre Tickets und verlangten keinen Schadensersatz. Abgerechnet wird halt ganz am Schluss – auch ohne „goldene Eier“...    

Teil Siebzehn erscheint in wenigen Wochen und behandelt die Regionalligajahre 2000 bis 2003 – gleichbedeutend mit den ersten drei 98er-Saisons eines seinerzeit noch relativ unbekannten Brasilianers, der am 19. Mai 2014 in einer eigentlich nicht existenten Stadt am Rande des Teutoburger Waldes durch einen Blattschuss in der 122. Minute für ewiglich in die blau-weiße Hall of Fame einzog. BWG und bis demnächst in diesem Theater…
  

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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