Freitag, 10 Oktober 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 15

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3081

Teil 15: Weismain? Ich kenne kein Weismain!

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 15

_Die Gallier hatten ihr „Alesia“ (für Asterix-Ignoranten: Entscheidende Niederlage gegen die römischen Invasoren von Julius Cäsar) und der Sportverein sein „Weismain“. Ähnlich wie Häuptling Majestix im Zyklus um das Arvernerschild („Alesia? Ich kenne kein Alesia“) verleugnen die Lilienfans bis heute, dass das längst stornierte Kickensemble aus dem oberfränkischen Städtchen je existierte.  Eine Dekade nach dem Relegationstrauma vom Parc de Louis und fünf Jahre nach dem Zweitligaabstieg versetzte das „anonyme Subjekt“ die Heiner ausgerechnet zum hundertsten Geburtstag in die nächste Depression. Zum Glück stand zwölf Monate später am Bölle mit dem VfB Unterliederbach ein weiterer Nobody jener Tage ehrfurchtsvoll Spalier, um den Betriebsunfall postwendend zu reparieren.

Teil Vierzehn unserer Serie endete mit dem doppelten Klassenerhalt in Fuggerhausen alias Augsburg. Die Runde 97/98 war also die vierte Saison en block des Regionalligagründungsmitglieds von der Nieder-Ramstädter Straße und zum Start unkte kaum jemand, dass Glücksgöttin Fortuna  den Happy End – Künstlern diesmal die kalte Schulter zeigte. Warum auch, denn die Neuzugänge René Broman (vom UI-Cup-Teilnehmer Aalborg BK), Routinier Michael Harforth und Dragislav Kovjenic (beide SG Egelsbach) sowie Dragan Reljic (Viktoria Aschebersch) versprachen für Trainer Lothar Buchmann eigentlich einen personellen Qualitätsanstieg. Hinzu gesellten sich die Nachwuchskräfte Kai Arras, Boris Kolb und Audenzio Musci aus der eigenen Talentschmiede. Wegen des erzfeindlichen Zuwachses aus Oxxenbach (Hessenliga) und Waldhof (Zweite Liga) erhöhte das Finanzgremium den Etat und schraubte die gegenüber den aus der Vorsaison bilanzierten 1750 Zuschauern pro Match  die Vorkalkulation auf 2200.
 
Doch schon zum Auftakt in Monnem (erster Darmstädter Auftritt im 1994 erbauten Carl Benz – Stadion) wurde den Lilien eine ernüchternde Lektion erteilt: 0:3. Beim anschließenden Heimspiel sicherte Jens Krinke unmittelbar vor dem Abpfiff ein schmeichelhaftes 2:1 gegen  VfL Kirchheim/Teck. Es sollte die einzige Hormonspritze für die nächsten zwei Monate bleiben. Neun Begegnungen hechelte man vergeblich einem Siegerlebnis hinterher. Trotz des respektablen 1:1 beim von reichlich Randale begleiteten Derbycomeback gegen Bieber (ohne Justin, war damals noch ein dreijähriger Knabe), wobei der erst 24 Stunden zuvor aus Griechenland verpflichtete nigerianische Stürmer Amaechi Ottiji den Ausgleich markierte, störte wieder einmal das rote Laternenmonster die Optik im blau-weißen Vitrinenschrank. Dank Ottijis Treffsicherheit (sieben Tore in den ersten sieben Spielen) entknotete der SV98 in den Wochen danach aber ein wenig die Kellerfesseln.

Dann kam der Ostersonntag 1998 und dreieinhalb Jahre nach der in Teil Dreizehn erläuterten Erstbesteigung ging es endlich mal wieder „uffen Bersch“. 16000 Oxxen feierten unter dem berüchtigten Flutlicht ein 2:0 nach 33 Minuten, während die 2500 Heiner rund um die Stahlrohrtribüne der Verzweiflung nahe waren. Plötzlich initiierte unter mitfiebernder Beobachtung der blau-weißen Luis Trenker – Ahnen Carsten Lakies und Tim Gutberlet (drückten gemeinsam im blau-weißen Pulk die Daumen) der dänische Dynamitanschluss von Torben Hjermitslev eine Initialzündung sondergleichen. Ottiji glich noch vor der Pause aus und als Oliver Wölki nach gut einer Stunde Spielzeit durch einen Sechzehnmeterschuss das 3:2 fabrizierte, brachen im Lilienblock alle Dämme. Aufopferungsvoll verteidigte der SV98 sein wertvolles Kleinod. Nach dem erlösenden Abpfiff diktierte Lothar Buchmann den journalistischen Stimmenfängern vollmundig in den Stenoblock: „Dieser Sieg ist sechs Punkte wert. Drei im Kampf gegen den Abstieg und drei, weil´s in OF war“.

weissmain friedliche fansDer zweite Gipfelsturm am Main verwandelte sich leider schnell in eine ergebnistechnische Retourkutsche. Nach einem 0:2 beim direkten Konkurrenten SC Neukirchen stand der SV98 mit einem Bein im Absturzgraben. Noch einmal flackerte der Selbsterhaltungstrieb auf: 2:0 gegen Tabellenführer Ulm und 1:0 in Ditzingen. Zum abschließenden Darmstädter Saisoneinsatz reiste die „Unknown Identy“ SC Weismain ans Bölle. Ein Unentschieden hätte ausgereicht, um die Unterschrift für eine Regionalligavertragsverlängerung zu leisten. Doch das war dem blau-weißen Orchester  noch nicht bewusst, als man ungeachtet einer frühen roten Karte für Wölki in der Schlussphase die Mühle überflüssigerweise aufmachte und vor den geschockten 4094 Fans zwei Konterhiebe zum bitteren 0:2 einfing. In der Nachbetrachtung bissen sich Buchmanns Mannen in den Allerwertesten, als das Ergebnisorganigramm von den anderen Schauplätzen eintrudelte.

weissmain bengaloTrotz des Blamagefaktors durfte der Sportverein noch auf eine glückliche Versetzung hoffen. Die Krux war nur, dass die Lilien am allerletzten Spieltag spielfrei zuschauen mussten. Hessen Kassel hatte in der Winterpause seine Mannschaft abgemeldet. Deshalb schaute ein Verein pro Runde tatenlos zu und diese Prädestination traf die Lilien ausgerechnet zum Saisonfinale. Wehen, Neukirchen und der VfR Mannheim, die vor dem Halali noch allesamt hinter Blau-Weiß rangierten, profitierten von den Zwangsferien der Heiner, schlugen ihre uninspirierten bzw. an der Goldenen Ananas labenden Gegner und überholten den SV98 im Dreierpack. Der Sturz von Position Dreizehn auf die Sechzehn besiegelte im hundertjährigen Jubiläumsjahr eine historische Debütverbannung in die Viertklassigkeit (bei den vorhergehenden sportlichen Bundeslandbeschränkungen war die Hessenliga noch die Nummer Drei auf der Fußballhierarchieleiter).

schmitt buchmannUnmittelbar nach dem Weismain-Fiasko, also noch vor der faktischen Abstiegsdefinition, beurlaubte das Präsidium den damals 61-jährigen Lothar Buchmann und beauftragte Slavko Petrovic mit der Mission Wiederaufstieg. Dem zweimaligen jugoslawischen Meister (als Aktiver für den roten Stern aus Belgrad) gestattete Partisanenchef Tito 1979 nach den verlorenen UEFA-Cup-Endspielen gegen Gladbachs Fohlen eine Luftveränderung von den Schluchten des Balkan Richtung Germanien. Petrovic praktizierte zuvor während einigen unterklassigen Trainerstationen und wagte sich nun auf die Bölle-Empore. Sein neuer Job beinhaltete zunächst einmal den handelsüblichen Mannschaftsumbruch. Viele Spieler wendeten sich vom Bölle ab, wobei Amaechi Ottiji den frevelhaften Transfervogel abschoss und eine Offerte ausgerechnet vom SC Weismain annahm. Aber natürlich konnten auch neue Hoffnungsträger mit Oberliga-Erfahrung an Land gezogen werden, darunter Christian Seeberger (nicht zu verwechseln mit seinem 2012 ein unrentables Übungsleiterkapitel schreibenden Namensvetter Jürgen), Thomas Born, Steffen Bury, Goran Skeledzic und Rückkehrer Marc Volke.  

Die Umstellung auf die lokale Provinz gelang erst einmal gut: 3:1 gegen Gießen und 3:0 in Lohfelden, ehe am dritten Spieltag „Tante Fauxpas“ donnernd in Erscheinung trat und die weitgereisten Fans wehmütig konstatieren mussten, dass Erinnerungsjuwelen an längst verblichene  Tourneen  in den Münchner Olympiapark oder ins Gelsenkirchener Parkstadion wie verstaubte Reminiszenzen im blau-weißen Brain dahinwucherten. War es die ungewöhnliche Anstoßzeit zur Sonntagsmatinee um 11Uhr oder weil Stacheldraht (!) den ländlichen Sportplatz zum Schutz vor nebenan grasenden Kühen einzäunte? Auf jeden Fall sah der SV98 beim Bad Hersfelder Vorortklub SV Asbach ganz schön uralt aus. Die Lilien welkten so, als hätten sie etliche Hütchen des gleichnamigen Weinbrandes intus, und strichen sang- und klanglos 1:2 die Segel.  

musciNach dem nordhessischen Schuss vor den südhessischen Bug schleppte sich der Sportverein mühsam durch die Vorrunde und beklagte nach Beendigung der ersten Halbserie ein Defizit von fünf Punkten auf Spitzenreiter Viktoria Aschaffenburg. Viele 98-Gläubige befürchteten, dass sich die Hessenliga auf Dauer als neue sportliche Heimat anbietet. In der Winterpause korrigierte Ottiji seine Blasphemie und verlegte das Einnetzzelt vom (unbekannten) Weismain zurück an die Nieder-Ramstädter-Straße. Zwar durfte sich der SV Asbach auf die Fahnen heften, dass er auch im Rückkampf am Bölle (1:1) und damit in seiner kompletten Chronik nicht vom Sportverein bezwungen wurde, aber die Elf von Coach Petrovic robbte sich nun an den Platz an der Sonne heran. 4000 Zuschauer bejubelten ein 1:0 über den abbauenden viktorianischen Herbstmeister vom Schönbusch. Eine weitere Hürde forderte noch eine Überquerung, denn inzwischen thronten die Farbenwerker von der SG Höchst ganz oben.

Auch die Darmstädter Anhängerschaft gab alles, manchmal auch des Guten zuviel (einige Auswärtspartien mussten aus Sicherheitsgründen verlegt werden). Am Ostermontag wollten ca. 50 blau-weiße Fans den KSV Klein-Karben bei der SG Höchst unterstützen. Am dortigen Stadtpark sprach die aufgrund von Internetankündigungen vorgewarnte Polizei zwanzig Platzverbote aus und fing einige PKWs mit DA-Kennzeichen schon an der Autobahnauffahrt ab (!). Vielleicht half das bemerkenswerte Engagement ja dennoch, denn die Höchster Truppe bekam das Nervenflattern und nach dem goldenen Tor von Ottiji im Rodgau beim SV Jügesheim (auf dem Sportplatz des TSV Dudenhofen) war das Überholmanöver endlich perfekt.

Vor der sich aufbäumenden  Zielgerade verfügten die Lilien über einen Punkt mehr Proviant als der nicht aufsteckende Jäger aus Höchst. Die SG baute beim Showdown auf nachbarliche Schützenhilfe vom Ffm.-Stadtteilkollegen VfB Unterliederbach. Doch der Sportverein ließ nichts mehr anbrennen und demontierte den restlos überforderten Bölle-Debütanten nach allen Regeln der Fußballkunst. 7200 begeisterte Fans bejubelten am Pfingstsamstag 1999 das Budenzaubersextett (6:1) von Skeledzic (3), Seeberger und Krinke (plus einem Eigentor) und schmückten das altehrwürdige Areal wieder einmal zu einer einzigen Partyzone aus. Die Spieler nahmen nicht nur das gebräuchliche Bad in der Menge, sondern auch im Entmüdungsbecken - zum „Integrationsleidwesen“ von Präsident Walter Grimm inkl. Gefolge, das die johlenden Champions mit voller Montur ins Nass katapultierte, weshalb die Waschmaschinen in den Stadionkatakomben bis Mitternacht auf Hochkonjunktur rotierten.

petrovicWährend dieser feuchtfröhlichen Session glaubte natürlich niemand, dass bis zur sensationellen Aktualität noch zwei weitere Hessenligaepisoden den Lilien-Blütestand gefährden würden. Anno ´99  transportierte der SV98 zunächst einmal ein kleines Stückchen Normalität zurück ans Bölle. Ach ja: Parallel zum blau-weißen Regionalligacomeback stieg der SC Weismain aus selbiger Klasse ab und wurde nie mehr außerhalb den bayrischen Grenzen gesichtet. Was lehrt uns das? Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort und größere halt zwölf Monate später! Doch damit nicht genug: 2002 kullerten die Oberfranken in die Bezirksliga hinunter und meldeten 2003 Insolvenz an. Seitdem besteht das Gebilde nicht mehr, während die Lilienfans heutzutage stolz ihre Renaissancespritztour zum VfL Bochum planen und mit Fug und Recht behaupten können: „Weismain? Wir kennen kein Weismain!!“.  
 

 

uliederbach

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James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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