Dienstag, 01 April 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 7

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3185

Teil 7: Die letzten „78er-Mohikaner“ gehen von Bord

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 7

Nein, die in der Überschrift thematisierte Zahl ist kein eingeschlichener Tippteufel. Statt dem wohl eher vermuteten „98er“ sind die verbliebenen Recken aus der legendären Aufstiegsmannschaft von 1978 gemeint. Ede Westenberger, Dieter Rudolf und Uwe Hahn beendeten im Sommer 1984 ihre blau-weißen Karrieren. In der Spielzeit davor (83/84) schlitterte der Sportverein sportlich und wirtschaftlich auf ganz dünnem Eis. Es war die Periode, als die 2006er Sommermärchenregisseure Jürgen Klinsmann und Joachim Löw ihr täglich Brot noch als Balljonglierende Zweitligaaktivisten verdienten.

„Back to the Roots“: Nach missglücktem Wiederaufstieg und erst in zweiter Instanz erteilter Lizenz 1983 (siehe Teil Sechs) musste der SV98 den Gürtel enger schnallen und konvertierte  vom Vollprofitum wieder zum „Feierabend-Fußball“ zurück. Um das Loch in der Kasse zu stopfen, erklärte sich Bodo Mattern schweren Herzens bereits, für eine 900000DM-Ablöse künftig auf den Schwingen des Mainadlers dahinzugleiten. Zwölf Monate später akzeptierte Herr Ballermann diesen Trugschluss und atmete wieder blau-weiße Luft ein. Allerdings keine Darmstädter (die Heimkehr folgte erst 1987), sondern die berühmte Berliner.

Die neue Belegschaft am Böllenfalltor setzte sich aus Hans- Dieter Zahnleiter (der mit dem Mannschaftsumbruch beauftragte Coach kickte einst als AEK-Angestellter an der Athener Akropolis), Volker Kispert (hatte genug vom jahrelangen Verzehr kurpfälzischer Chio-Chips), Wolfgang Waldschmidt (kam von der Dillenburger Hollandfiliale SSV Oranien Frohnhausen), Axel Fischer (wollte nach dem Erbacher Wiesenmarkt auch mal Heinerfest-Flair einsaugen) und Hans Münchow (seine Reisekostenabrechnung vom Arheilger Mühlchen an die Nieder Ramstädter-Straße hielt sich in überschaubaren Grenzen) zusammen. Neben den „Frischlingen“ ruhten die Hoffnungen auf den Schultern der verbliebenen Sachkundigen sowie einem coolen Stürmer, der endgültig von den Amateuren aufrückte und in die einnetzenden Fußstapfen von Bodo Mattern treten sollte.

FansGleich zur Saisonpremiere legitimierte Uwe Kuhl den Vertrauensvorschuss und tischte durch seinen Treffer zum 2:0-Endstand ein kulinarisches Verschmausen von Rot-Weiß Oberhausen auf. 24 Stunden darauf belagerten gut und gerne 5000 Fans erneut das Stadiongelände, um am Aktionstag zum 85. Liliengeburtstag ihre Lieblinge zu beschnuppern. Die gute Laune wurde aber im ersten Auswärtsmatch sofort konterkariert. Ein gewisser Joachim Löw überzeugte im  Dreisamstadion mit höggschder Disziplin, erzielte zwei Tore zum 3:1 des Sportclubs und propagierte wirksam seine berufliche Zukunft. Bis zum zehnten Spieltag schlug sich der SV98 mehr schlecht als recht und zitterte an der Einfriedung zur Gefahrensphäre. Zahnleiter reagierte, degradierte Europameister Nehoda auf die Ersatzbank und hievte für ihn Rafael Sanchez aus dem Landesliga-Farmteam nach oben.

Diese Initiativen fruchteten schnell, denn im anschließenden Duell gegen den VfL Osnabrück gab es einen 3:0-Erfolg zu bejubeln. Eine Woche später verherrlichte der Sportverein seinen ersten Auswärtssieg seit fast einem Jahr. Symptomatisch für den Jugendstil vollstreckten  Sanchez und Kuhl im Berliner Mommsenstadion zum 2:1 beim SC Charlottenburg (mit dem späteren Nationalkeeper Andreas Köpke zwischen den Pfosten). Die Lilien-Supporter wurden übrigens per Bus über die Transitstrecke gekarrt. Einige davon nutzten die Stunden vor dem Spiel, um am Checkpoint Charlie überzulaufen und hinter dem eisernen Vorhang der sowjetischen Besatzungszone einen feuchtfröhlichen Besuch abzustatten. Der Zwangsumtausch von 25 Westmark pro Nase in Ostmark wurde rund um den Alexanderplatz sinnfrei verprasselt. Vor den neidisch-neugierig äugenden Ossis verkonsumierte die durstig/hungrige Wessi-Bande etliche Hektoliter Radeberger Pilsner und knusprige Broiler.   

Geschlaucht von der Hinfahrt, dem Spuren hinterlassenden Kurztrip in Honeckers Hauptquartier und dem Spiel beschlossen zwei Anhänger (darunter eine hundeähnliche Millwall-Bestie), sich nicht noch einmal dem Joch einer langen Großraumvehikeltour zu unterwerfen und organisierten am Münztelefon des Christiane F. – Hoheitsgebietes Bahnhof Zoo jeweils ein Tegel-Ticket für die Luftbrücke nach Ffm. Zum Glück existierten 1983 in Berlin noch keine Flughafenprobleme. Am Schalter der Lusthansa (Mutter der Lilien-Air) wartete schon die komplette und schunkelnde 98-Equipe. Gemeinsam jetteten Mannschaft und die beiden optisch nicht mehr ganz taufrischen Fans (hatten doch tatsächlich im Duty-free – Shop den Erwerb von Drei Wetter Taft versäumt)  in die hessische Gemarkung zurück, nicht ohne die vergangenen Ereignisse über den Wolken zu resümieren. Reinhard Mey war zwar nicht an Bord, dafür aber zufällig Dieter Bohlen und Thomas Anders. Tief beeindruckt von den innovativ mit Herz und Seele geführten Konversationskanonaden  gründete das Pop-Pärchen noch vor der Landung „Modern Talking“ und veröffentlichte im selben Monat seinen Premierenhit auf dem Schlagermarkt: „Your´re my Heart, you´re my Soul“.  

Nach Berlin ist vor Berlin: Nicht nur das vergeblich aufmuckende Burgfräulein Charlotte  behandelte der Sportverein wenig gentlemanlike, sondern auch eine alte Dame am Bölle (4:3). Immerhin zeigten die Darmstädter Schönheitschirurgen nach vier in Serie verabreichten Ohrfeigen am Ende Mitleid mit der armen Rentnerin Hertha und gestatteten ihr drei Kosmetikoperationen. Zur Saisonhalbzeit straffte Doktor 98 trotz einer ordentlichen neunten Position sein Spielerensemble. Guido (Darm)Stetter wurde vom Alice-Hospital  in die Nähe der Schwarzwaldklinik verlegt (zum SC Freiburg), während Zdenek Nehoda die Tschechenfraktion halbierte und lieber eine Standardofferte aus Lüttich wertschätzte. In der Rückrunde schlingerte das Heinerflaggschiff in unruhige Gewässer und sackte tabellarisch bedenklich ab. Eine 0:6-Klatsche auf Schalke (mit zwei königsblauen Toren von Ex-Lilie Manni Drexler; bis heute verloren die 98er nicht mehr so eklatant in einem Punktspiel), stibitzte Hans-Dieter Zahnleiter den Job. Sein Legat-Verwalter Lothar Kleim zeichnete einen Traumstart aus (3:1 gegen Aachen). Dennoch reduzierte sich peu á peu der Puffer zum Kellerterritorium. Erst die Rückspiele gegen das Berliner Tandem (2:1 gegen Charlottenburg, 0:0 bei der Hertha) wandelte die Alarmstufenfarbe von Rot auf Gelb.  

Ein 5:2 gegen die Stuttgarter Kickers signalisierte den Lilien dann das erlösende Grün sprich die Klassenerhaltgewissheit, wenngleich der Dauerrivale in Person des nach der Saison innerhalb der schwäbischen Metropole von Degerloch nach Cannstatt umziehenden Jürgen Klinsmann das letzte Wort für sich beanspruchte. Bereits während dem Affront mit den Stukis spukte das Gerücht von einem blauen Brief über dem Bölle. Leider bewahrheitete sich die Latrinenparole und das DFB-Telex mit der banalen Headline „Lizenzverweigerung“ flatterte in die 98er-Geschäftsräume. Zum zweiten Mal hintereinander terrorisierte also der finanzielle Supergau das Vereinsidyll. Obwohl die Lilien im Saisonverlauf ihren Schuldenberg um 700000 DM abstotterten, erschien dem Ligaausschuss der angegebene Etat für die Saison 84/85 zu hoch und forderte zudem eine langfristige Laufzeit der Bankkredite ein.

Eigeninitiative FansUnterstützt von einem rasch ins Leben gerufenen Freundeskreis griff glücklicherweise auch diesmal die Beschwerdentrumpfkarte. Ganz Darmstadt atmete auf, als der Gang nach Canossa an die Otto Fleck – Schneise von einem Gutachtergremium abgesegnet wurde. Die Konzentration galt ergo endlich wieder dem sportlichen Sektor. Mit einem 0:2 vor 5200 Zuschauern gegen den MSV Duisburg ließen die Lilien das Spieljahr 83/84 ausklingen. Wichtiger als das nackte Ergebnis war allerdings die Tatsache, dass das letzte 78er-Triumvirat sein finales Pflichtspiel für den SV98 bestritt. So kann sich das Zebra Udo Lay rühmen, Dieter Rudolf als letzter Spieler überwunden zu haben und Roland Wohlfahrt machte vor seinem Transfer zu den Münchener Bayern noch einmal Bekanntschaft mit der Robustheit eines Ede Westenberger, während Uwe Hahn (setzte seine Karriere beim Zweitligaaufsteiger VfR Bürstadt fort) es immer wieder aus der Distanz versuchte, aber Keeper Heribert Macherey ihm pietätlos einfach kein Sepp Maier – Gedächtnis-Ei gönnte.

Gut zwei Monate später weinte der blau-weiße Fußballgott bitterliche Tränen. Die neue Saison war bereits vier Spieltage alt, als sich an einem verregneten Mittwochabend Anfang September 1984 das Who is Who der Darmstädter Fußballgeschichte am Böllenfalltor versammelte, um Dieter Rudolf nach elf und Ede Westenberger sogar nach dreizehn Jahren ununterbrochener Treuekundgebung (fast 500 Partien im Lilientrikot weisen ihn wahrscheinlich für immer und ewig als Rekordhalter der blau-weißen Loyalität aus)  den emotionalen Abschied von ihrer Profilaufbahn zu versüßen. Die Doppelveranstaltung begann mit einer Einlage zwischen der „Portas“-Traditionsmannschaft (u.a. 54er-Weltmeister Horst Eckel, den „66er-Zwillingen“ Siggi (Held) und Lothar (Emmerich), dem Rainer Calmund – Double Buffy Ettmayer sowie der watschelnden Ente Willi Lippens) und einer Nostalgieelf des SV98, die sich u.a. aus Uwe Ebert, Karl-Heinz Seyffer, Bernhard Metz, Dietmar Schabacker, Herbert Pampuch, Dieter Ungewitter, Willi Weiß, Herbert Dörenberg, Jockel Weber, Hansi Lindemann und Kalle Schleiter rekrutierte. Betreut wurden die „Oldies“ von Jörg Berger und Udo Klug, der wenige Wochen darauf wieder hauptamtlich die Übungsleiterzügel an der Nieder-Ramstädter-Straße führen sollte (mehr dazu in Teil Acht).

3:2 gewannen die „Portas“–Jungs das „Vorgeplänkel“, ehe das eigentliche Abdankungsspiel den Höhepunkt des fünfstündigen Spektakels (mit Pop-Kart-Rennen, Hubschrauberlandungen, Fallschirmspringen, Rock´n Roll und Speedway-Fahrern) kristallisierte. SV98 vs. SV98 funkelte auf der Anzeigetafel. Das Trainerquintett Lothar Buchmann, Hubert Neu, Manfred Krafft, Klaus Schlappner und Hans-Dieter Zahnleiter schickte eine Darmstädter Bundesligaauswahl (bestehend aus den Heroen der beiden Jahre im Fußballoberhaus) gegen das momentane Zweitligateam auf die Matte. Rudolfs Filius Marco führte den Anstoß aus und danach erquickten die ehemaligen und gegenwärtigen Legenden das nostalgische Heinerpublikum.

Die Rückennummern Eins und Vier der Erfolgsepoche 1971/73 – 1984 ließen es sich natürlich nicht nehmen, auf beiden Seiten zu brillieren. Das Ergebnis (2:1 für die „Bundesligisten“) war selbstredend nebensächlich. Den Siegtreffer steuerte passend zum Event Ede Westenberger bei. Nach dem Schlussgong des Pfungstädter Schullehrers Norbert Brückner hellten Böllerschüsse den Nachthimmel über dem Böllenfalltor auf. Vereinspräsident Horst Rödel überreichte neben einem Kupferstich jedem den obligatorischen Lilienstrauß und sprach aus, was jeder Anwesende wehmütig dachte: „Wir werden Euch nie vergessen“. Man spürte, dass das glorreichste Kapitel des 98er Präteritums nun definitiv geschlossen war und fühlte sich wie im zweiten Roman der Lederstrumpfsaga von James Fenimore Cooper: Mit „Unkas“ Rudolf und „Chingachgook“ Westenberger sagten die letzten Aufstiegsmohikaner von 1978 Adios, Au Revoir, Do Svidaniya, Good Bye, Servus oder ganz einfach Gude…

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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