Dienstag, 26 August 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 14

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2664

Teil 14: Angenehmes Déjà-vu bei Jim Knopf, Urmel und Bill Bo

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 14

_Seit dem Umzug des FC Augsburg 2009 in die moderne SGL-Arena teilt das altehrwürdige Rosenaustadion ein tristes Schattendaseinschicksal mit unzähligen Fußballkultstätten. Heutzutage benutzen lediglich noch das U23-Team, die Frauenabteilung und Leichtathletikmatrosen den jüngst unter Denkmalschutz gestellten Ground. Im blau-weißen Gedächtnis der 98er-Fans besitzt der Monumentalkoloss allerdings eine Ehrenloge.  Unvergessen sind die blau-weißen Abschlussfahrten 1996 & 1997 in die Puppenkistenheimat mit der jeweiligen Klassenerhaltskrönung auf dem ultimativ letzten Saisondrücker.

Teil Dreizehn unserer Serie endete mit dem vom Doppeltriumph gegen die „geliebten“ Oxxenbacher gekrönten Einstiegsjahr der neuen Regionalliga Süd. Leider wurde Darmstadts „Bergsteigervorbild“ Tim Gutberlet aufgrund einer Offerte des finanzkräftigen Drittligakollegen TeBe Berlin schwach und verwandelte sich zur Verwunderung aller Botaniker nach nur einem Jahr Bölle-Aufenthalt von einer Lilie in ein Veilchen. Überlieferungen zufolge sprangen die Verantwortlichen des Hauptstadtklubs in Anlehnung an ihren 1987 verstorbenen Ehrenpräsident Hans Rosenthal bei der Transferabwicklung in die Höhe und raunzten „Das war Spitze“ in die Spreeluft.

weismain siegNeben Gutberlet verabschiedeten sich weitere Heros der Bieberer Ersterklimmung: Volker Berg, Dieter Heimen und der „letzte Kaiser vom Bölle“ (Claas Junge). Ihre Trikots übernahmen Stefan Wimmer, Heimkehrer Tom Eilers, Xaver Zembrod, Rolf Lang und Michael Klein sowie die Zukunftsoptionen aus dem eigenen Nachwuchs (Jochen Dewitz, Jörg Gunkelmann). Das eigentlich Neue zur Saison 95/96 war allerdings die veränderte Tabellenarithmetik. Nach englischem Modell wurde die Dreipunkteregel eingeführt. Bundesweit von Flensburg bis Oberammergau mussten die Abiturienten bei ihrem Mathematikabschluss den „heiklen“ Additionsunterschied berücksichtigen, um künftig die Rangliste korrekt zu studieren. Außerdem modifizierten die Techtelmechtel-Akrobaten ihr internes Vokabular. Weil sich der Begriff „Dreier“ fortan auf einen Fußballsieg fokussierte, nannte der geübte Körperflüssigkeitsaustauscher die Kurzweil mit gleich zwei Konkubinen fortan Triole.

Der Spielzeitbeginn versprühte viel Zuversicht. Nach dem 2:2-Auftakt bei Aufsteiger SC Neukirchen (die Mannschaft von Spielertrainer Gerhard Kleppinger verplemperte im Knüllgebirge einen 2:0-Vorsprung) demontierte der Sportverein die Spvgg Fürth (letztes Jahr als eigenständiger Verein vor der Hochzeit mit den Teeherstellern aus Vestenbergsgreuth) mit sage und schreibe 7:1. Erstmals in der Historie bekam der SV98 also drei Zähler für ein Match gutgeschrieben. Die Lilien hätten sich wohl besser ein paar Tore für den Spätherbst aufgehoben, um die dann einsetzende tabellarische Talfahrt einigermaßen zu kompensieren. Verletzungspech und eklatante Formschwankungen sorgten für ein Tief, das zum Kehraus der ersten Halbserie in einem 0:4-Heimdesaster gegen Augsburg und Position Vierzehn gipfelte.

Zur Personalentspannung lotste das Management in der Winterpause Martin Kowalewski vom Bornheimer Hang heim in den Darmstädter Hafen. Doch der Krisendampfer schipperte unaufhaltsam über die unruhige See. Nach einem Elfmeterschießenfiasko im Hessenpokal gegen Oxxenbach (kommt einem bekannt vor) ging Steuermann Kleppo auch wegen verbaler Fanattacken von Bord. Da waren im Regionalligaring noch sechs Runden zu gehen. Sein Nachfolger Max Reichenberger eröffnete die Stallorder „Rette, was noch zu retten ist“ mit einem 1:2 in Ludwigsburg und der SV98 strandete erstmals auf einem Abstiegsplatz. Zum Glück behielt der Sportverein gegen das hessische Nebenbuhlerduo Egelsbach (4:2) und Adlerhausen Amateure (3:1 am Riederwald mit Unterstützung von fast 2000 treuen Fans) die blau-weißen Nerven und schuf die Basis für ein Happyend. Nach dem 1:1 gegen die kleinen Bayern kam es zum Showdown No. 1 in der Augsburger Rosenau.

Christi Himmelfahrt 1996: Statt wie am Vatertag handelsüblich auf einer mit mehreren Kisten Bier geschmückten Droschke durch die lokale Gemarkung zu schlendern, „quälte“ sich die 98er-Gefolgschaft lieber bei Saharatemperaturen über den Highway Richtung Fuggerstadt. Alberto Coluccis Einpeitschsong „Die Sonne scheint“ törnte die kickende Garde wegen der Gluthitze ausnahmsweise nicht wie gewohnt an. Im Fernduell mit dem heutigen Zweitligarivalen SV Sandhausen (zu Hause gegen die Stuttgarter Kickers) musste im schwäbischen Bayern ein Sieg her, um alle Eventualitäten aus dem Weg zu katapultieren und den drittklassigen Standort durch Eigeninitiative zu sichern.  

augsburgDen Rückstandshorror (37.) beantwortete Xaver Zembrod 120 Sekunden später durch einen verwandelten Elfer. Weil aber parallel Sandhausen im Hardtwaldstadion vorlegte, war der Sportverein eine Viertelstunde lang virtuell abgestiegen. Den Messias mimte Michael Klein in Matchminute 61, als sein abgesendeter Ball vom Innenpfosten ins Netz kullerte. Die verbleibende Zeit geriet zur Zerreißprobe für die Offiziellen und den Anhang. Schließlich erlöste Schiedsrichter Hans-Peter Best aus Bilfingen das südhessische Volk. Nach dem beschwingten Ausgang des Spitz auf (Jim) Knopf  stehenden Vergleichs und der daraus resultierenden Regionalligaversetzung fühlte sich die geballte Heinerbrigade selig wie Lukas der Lokomotivführer im Lummerland.    

Wer hätte gedacht, dass die meisten Protagonisten ein Jahr darauf ein prinzipiell identisches Herzschlagfinale auf dem gleichen Grund und Boden erleben würden? Doch zunächst galt es, sich nach Oliver Bierhoffs Sommerlochunterhaltung durch sein Golden Goal im Wembley gegen die Nehoda-Nachfahren auf die Saison 96/97 vorzubereiten. Wie immer drehte das Personalkarussell reichhaltig Kapriolen. Während der Abflug des Augsburger Siegtorschützen Michael Klein ein Fußballstockwerk tiefer nach OF jegliche Rationalität vermissen ließ, konnte man die Luftveränderung von Carsten Lakies an die Säbener Straße einigermaßen nachvollziehen. Der Goalgetter kam bei den Münchener Bundesligaprofis zwar nur ganze zehn Minuten zu Bundesligaeinsatzehren, doch die haben ihren festen Platz in den Geschichtsbüchern. Seine Einwechslung für Jürgen Klinsmann löste den legendären Kung-Fu-Tritt des späteren Sommermärchen-Fabrikanten in eine Werbetonne aus.

Zurück an die Nieder-Ramstädter Straße: Das frisch importierte dänische Dynamit (Torben Hjermitslev, Mikkel Wind-Hansen) zündete leider nicht wie erwünscht. Die ersten sechs Begegnungen vergeigten Reichenbergers Mannen en block. Ausgerechnet Carsten Lakies komplettierte durch seine Bude beim 2:1 für die Bayern-Amateure das schmerzhafte halbe Dutzend. Taumelnd degradierte der Übungsleiter einige Spieler ins sechstklassige Bezirksoberligafarmteam. Den kurzfristigen Auftrieb (5:0 in Neukirchen, 2:1 gegen Kassel) konterkarierte die Mannschaft durch ein 0:2-Heimdesaster gegen den KSC II. Damit war das Maß voll und Präsident Walter Grimms Vasallen schickten Reichenberger den Laufpass. Für einen Contest saß Martin Bremer interimsmäßig auf dem Heinerschleudersitz (2:3 in Ditzingen), ehe der „König der Lilien“ von 1978 wieder seinen Thron am Böllenfalltor übernahm.

buchmann bremerDoch auch Lothar Buchmann konnte die rote Regionalligalaterne nicht von heute auf morgen auf den Dachboden werfen. „Wunder gibt es keine. Nur harte Arbeit“ analysierte der einstige Bundesligaaufstiegsregisseur nach seinem misslungen Comeback (2:3 gegen Burghausen). Gottlob endete seine zweite Performance im Quelleversandhaus zu Fürth mit der Lieferung eines 1:0-Hoffnungspakets. Es folgte der endlich wieder aktivierte Klassiker gegen den erst- und letztmals in der Drittklassigkeit abgerutschten Nürnberger Club. Nach neunzig Minuten führte der SV98 vor 8200 Zuschauern am Bölle nach einer grandiosen Vorstellung 2:1 und ließ sich durch einen unverständlichen Negativdoppelschlag in der Nachspielzeit doch noch die blau-weiße Butter vom Brot klauen. Davon erschüttert, wartete die Lilienfamilie bis zur Schleusenöffnung von Frau Holle vergeblich auf einen „Dreier“, erblickte das rettende Ufer nicht einmal mehr mit einem scharfen Feldstecher und kauerte demoralisiert unter dem Weihnachtsbaum.

Als dann eine 0:2-Heimniederlage gegen Reutlingen das Kalenderjahr 1997 einläutete, setzte niemand mehr in Fußballdeutschland auch nur einen Pfifferling auf den Ligaverbleib des Sportvereins. Die Hessenliga winkte schon imaginär am Horizont, da ging plötzlich ein Ruck durch den Mannschaftsgeist und es schlug Dreizehn, denn so viele Partien am Stück mischten die „Buchmänner“ unbezwungen die verblüffte Konkurrenz auf. Sogar bei den späteren fränkischen Aufsteigern FCN & Greuther Fürth entführte das wieder auferstandene Team vom Bölle wertvolle Unentschieden. Erst am drittletzten Spieltag stoppten osthessische Borussen in der Fuldaer Johannisau (0:3) das pompöse Anschlussverfahren, aber durch ein anschließendes 4:0 gegen Egelsbach legte der Sportverein das Fundament zum drei Monate zuvor praktisch abgeschriebenen Showdown No. 2 in der Geburtsstadt von Helmut Haller und Bernd, dem bekanntesten Schuster nach Dirk.

krinkeAnfang Juni 1997: Die „Monotonie“ des Terminjongleurs entpuppte sich zum Déjà-vu der besonderen Faszination. Fast exakt zwölf Monate nach der Rettung in Augsburg stellte sich das Rosenaustadion erneut als letzte zu überwindende Hürde auf. Wieder ging es für Gastgeber FCA nur um die Goldene Ananas. Wieder verwechselte Sonnengott Helios die Wüste Gobi mit dem schwäbischen Bezirk des bajuwarischen Freistaates. Wieder jetteten an die Tausend Lilienfans schweißgebadet vom Bölle-Parkplatz in die Fuggerstadt. Wieder suchte kein Blau-Weißer in der Altstadt das Marionettentheater auf, sondern den 1951 eröffneten Fußballtempel. Die einzigen Unterschiede zur Vorjahresausgabe: Diesmal benötigten die Lilien für einen selbständigen Klassenerhalt „nur“ ein Unentschieden. Und direkt neben Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer servierte Urmel dem hitzegeschädigten Bill Bo und seiner Bande erfrischendes Eis auf der Tribüne.    

Viele Chancen hüben wie drüben ließen die Seele Trampolin springen. Glücklicherweise konnten sich die torkelnden Darmstädter Abwehrbeine auf Martin Wagner verlassen. Der 98-Keeper entschärfte reaktionsschnell alle Augsburger Gelegenheiten. Weil aber auch die Liliengarde Abschlussängste offenbarte, schlang sich der Zitteraal fortan durch das weite Rund. Bis der vom Durst gezeichnete Referee Greipl die Schnauze vom Solarium voll hatte und zwei Minuten zu früh das existenzielle 0:0 absegnete. Analog zur Vorsaison kullerten die Freudentränen über das Gras der blau-weiß überfluteten Rosenau und das „We love you Darmstadt“ schallte bis ins nahe Württemberg.

Dank dem lukrativen doppelten Lottchen im Puppenkistenland sprangen die Heiner dem Regionalligatod noch zweimal von der Schippe. Die Betonung liegt auf noch, denn der in ein paar Wochen erscheinende nächste Teil unserer Serie beinhaltet den Anfang der „dunklen“ Fahrstuhljahre 1997-1999, als keine Augsburger Rosenauen oder ostwestfälische Almhochburgen, sondern eine kleine oberfränkische Stadt an einem Mainnebenfluss sowie ein Ortsteil von Ffm. über Wohl und Übel des aktuellen Zweitligatoppteams (diese Anmerkung musste sein, geht halt runter wie blau-weißes Öl) entschieden. Bis bald und viel Spaß am kommenden Sonntag in der Fröttmaninger Löwenhöhle…

 

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James Cagney

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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