Mittwoch, 23 Juli 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 13

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3191

Teil 13: Der Berg ruft nach einem blau-weißen Anstrich

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 13

_Luis Trenker weilte bei der letzten noch fehlenden Erstbesteigung einer Bodenerhebung auf dem Planet namens Erde leider nicht mehr unter uns. Vier Jahre zuvor hatte der Großvater und Mentor aller Klettermaxen im greisen Alter das Zeitliche gesegnet. Er wäre stolz auf die in historische Sphären eintretende Welturaufführung am 25. September 1994 gewesen, als nach jahrzehntelangen gescheiterten Versuchen Mannschaft und Fans des SV Darmstadt 98 endlich die blau-weiße Lilienfahne auf dem Gipfel des Bieberer Bergs hissen konnten.

artikelAn solche (heutzutage fast „normale“) Ruhm- und Ehrehuldigungen dachte zu Beginn der Saison 94/95 noch niemand im Agglomerationsgürtel des Böllenfalltors. Nach der Odyssee über die hessischen Hinterwälder (siehe Teil Zwölf) stand ein neuerlicher sportlicher Justierungsunterricht auf der Agenda. Der DFB pferchte die bestplatzierten Oberligisten in vier drittklassige Regionalligen zusammen. Für die Staffel Süd qualifizierten sich die Bevollmächtigten aus Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Neben dem Sportverein erhielten aus unserem Bundesland die Oxxenbacher, Egelsbach, Kassel, RW Ffm. und die Gebärmuttermuskelkontraktion aus Taunusstein das Startrecht. Rendezvous nach teilweise langen Trennungen gab es mit dem VfR Mannheim, der Spvgg Fürth, den Stukis, Unterhatschi, der Reutlinger Kreuzeiche, Ludwigsburg, Augsburg und den Ulmer Spatzen, während drei für südhessische Verhältnisse No Name – Truppen auf ihre Premieren gegen die Lilien warteten: SV Lohhof, TSV Vestenbergsgreuth und TSF Ditzingen. Dazu gesellte sich das einzige „Amateurteam“ Bayern München, deren Profikollegen wenige Wochen zuvor die dreizehnte deutsche Meisterschaft eingetütet hatten.

chmielewskiDas erste Regionalligamatch seit 1974 endete mit einer herben Enttäuschung. Am Brentanobad, wo Jahre später die Grazien und Amazonen vom FFC ihre Erfolge feierten, unterlag der Sportverein den gastgebenden Rot-Weißen 1:2. Spielertrainer Gerhard Kleppinger bot im Ffm.-Stadtteil Rödelheim fünf Neuzugänge auf: Dennis Strich (Pfeddersheim), Stefan Trautmann (Mörlenbach), Collins Etebu (Egelsbach) sowie das von der seit 2014 in jedem Heinerhirn ehrfurchtsvoll gespeicherten Bielefelder Alm ans Bölle gelotste Duo Thorsten Chmielewski und Tim Gutberlet. Letztgenannter verschwendete nach dem ergebnistechnisch misslungenen Debüt natürlich noch keinen Gedanken, ob er bereits zwei Monate später für alle Ewigkeiten in die blau-weiße Hall of Fame aufgenommen werden sollte.

Nach dem fünften Spieltag welkten die sieglosen Lilien schon leicht geknickt auf einem Abstiegsplatz, ehe José Perez goldener Treffer gegen den FC Augsburg die erste Komplettrendite hervorzauberte. Es folgten zwei unspektakuläre 1:1-Unentschieden im Unterschleißheimer Ortsteil Lohhof nahe München und zu Hause gegen die kleinen Bayern (mit den ehemaligen bzw. künftigen Profis Hansi Pflügler, Alexander Zickler, Sammy Kuffour sowie Tiger Hermann Gerland als fauchender Übungsleiter an der Seitenlinie), ehe der Terminplan eine allzeit „geschätzte“ Derbyattraktion auf dem Bieberer Berg vorsah.

Doch was heißt schon geschätzt? Der kreative Heiner hatte zwar stets seinen Vorgeplänkelspaß (katapultierte z.B. selbst gezimmerte rot-weiße Särge in Manier von Speerwurfolympiasieger Klaus Wolfermann durch das Stadion oder knüpfte OFC-Puppen an einem Galgen auf) und lieferte sich im Dunstkreis der berüchtigten Stahlrohrtribüne nette Scharmützel mit dem skurrilen  Mainvolksstamm, aber auf dem Fußballground hinter den feindlichen Linien gab es für Mannschaften des SV98 seit der Wehrmachtskapitulationsdokumentierung 1945 von Alfred Jodl einfach nichts zu bejubeln. Zumindest kein Sieg. Höchstens ein paar wenige Unentschieden. Der Nachkriegsfluch begann während der Oberhaussaison 50/51 (0:4) und setzte sich in der alten Regionalliga Süd respektive später auf der Zweitligabühne unbarmherzig fort. Bis zum 25. September 1994 gewann der SV98 von dreißig Vergleichen ganze drei (!!), und die zu Hause am Bölle (in den Bundesligaaufstiegsjahren 77/78 & 80/81 sowie 88/89).

Dieser kurze Exkurs in die Historie soll enthüllen, welches Frustvolumen in den blau-weißen Seelen sich heute vor bald exakt zwanzig Jahren angestaut hatte. Trotz der deprimierenden Negativstatistik kraxelten wieder einmal 2500 Heiner auf das Hochplateau der Untermainebene. Hinter den akustisch vorgetragenen Optimismusarien spukte natürlich dennoch die branchenübliche Absturzgefahr. Aber schon die erste Darmstädter Angriffslawine ließ den Glauben an eine Erstbesteigung auflodern. Nach Vorarbeit von José Perez landete ein Kopfball von Carsten Lakies am Pfosten und der nicht lange fackelnde Tim Gutberlet staubte johlend ab. Acht Minuten später schien alles wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen. Goran Skeledzic, der später im hundertjährigen Lilienjubiläumsjahr auch einmal zwölf Monate für die viel schönere südhessische Trikotfarbe das Trikot überstreifte, glich für die pikanterweise von Lothar Buchmann gecoachten Hausherren aus.

Dann brach die Matchminute 58 an und Bundesligaschiedsrichter Eugen Striegel aus dem württembergischen Horb entschied in aussichtsreicher Position auf Freistoß pro SVD. Noch ohne Rasierschaummarkierung bat er Tim Gutberlet zur Ausführung und der Offensivspieler machte sich durch seine herrliche Vollstreckung unsterblich. Die Lilien profitierten davon, dass Tim von seiner vorherigen Almstation fördernde Höhenluft gewohnt war. Erstmals schallte der Schlachtruf „Gut-Gut-Gutberlet“ durch die Katakomben. In der Schlussphase agierte Keeper Dieter Heimen als Fels in der Brandung. Vor ihm dirigierte Spielertrainer Kleppo souverän das Abwehrbollwerk. Fix und fertig sank das kickende Personal nach dem Abpfiff zu Boden, um Sekunden darauf vor der überschnappenden Fankurve den Triumph mit einem flotten Tänzchen zu genießen.

Das blau-weiße „Alpinistenteam“ des legendären Gipfelsturms:

Dieter Heimen, Gerhard Kleppinger, Andreas Heiligenthal, Thorsten Chmielewski, Dennis Strich (Ulf Schott), José Perez, Thomas Schmidt, Volker Berg, Claas Junge-Kaiser, Carsten Lakies, Tim Gutberlet (Markus Old)

Was für eine Satisfaktion. Eine jahrzehntelange Sehnsucht endlich gestillt. Wohl nur vergleichbar mit der Erstbesteigung des Mount Everest von Sir Edmund Hillary und seinem Sherpa Tenzing Norgay am 29. Mai 1953. Selbst Reinhold Messner zollte der blau-weißen Heldentat Tribut und publizierte mehrere Klassikerschmöker über die Hero-Ereignisse vom 25. September 1994: „Ein guter Berlet versetzt Berge“,  „Junger Kaiser auf dem Bieberer Thron“, „Volker Berg – Der Name verpflichtet“ und „Vom heiligen T(h)al in schwindelnde Höhen“…Auch die Fangemeinde präsentierte sich inspiriert und stolzierte schon beim nächsten Heimspiel gegen Hessen Kassel (3:2) mit flugs geflockten Shirts: „Ich war dabei“ und breit geschwellter Brust durch das Bölle.

bergDissidenten schüttelten den Kopf ob dieser Hingabe wegen eines einzigen „banalen“ Regionalligasieges. Wie sollte der „Ottonormalverbraucher“ (heutzutage auch gerne „Eventie“ tituliert), der anno ´94 immer noch über Effes Stinkefinger während der WM bei Uncle Sam sinnfrei diskutierte und der drei Jahre zuvor abgesetzten Kultseifenoper „Dallas“ nachtrauerte (damals summte noch Sue Ellen Ewing statt Public Viewing durch die Magengrube), auch einen solchen Hype nachvollziehen? Man muss die Lilie halt unter dem Herzen tragen, um zu verstehen, dass solche einschneidende Ereignisse wie  vom 25.09.1994 oder (relativ) aktuell vom 19.05.2014 (um nur zwei von 98 Paradigmen aufzuführen) blau-weiße Elixiere für einen zu oft vom fußballerischen Schicksal heimgesuchten Heiner sind.

Der weitere Verlauf der Saison 94/95 entwickelte sich nach dem geschichtsträchtigen  Befreiungsschlag prinzipiell zum Selbstläufer. Zur Rundenhalbzeit glänzten die anfangs noch in Abstiegsgefahr schwebenden Lilien auf einer beruhigenden neunten Tabellenstufe. Im ersten Match der zweiten Halbserie rächten sich Kleppos Mannen fürchterlich für die Auftaktpleite und watschten die Rödelheimer Brentanos 5:1 ab. Mit vier Siegen in Folge (darunter eine klassische 5:0-Duftmarke an der Grünwalder Straße bei der Bayern-Reserve, wobei Stefan Beckenbauer vor den entsetzten Augen seiner väterlichen Lichtgestalt schwindlig gespielt wurde) plus einem 1:1 auf dem Halberg empfing der Sportverein schließlich die mit reichlich Revanchegelüsten anreisenden Oxxenbacher.

Doch den Kickers blieben alle Retourkutschenklöße im Hals stecken. Vor 7546 begeisterten Supportern am Bölle wiederholten Dieter Heimen und Tim Gutberlet ihre Glanzleistungen vom Hinkampf. Schon nach 32 Minuten schlüpfte der hessische Evergreen in trockene Darmstädter Tücher. Erst köpfte Thomas Schmidt eine Ecke von Gutberlet zum 1:0 ein und dann besorgte der „Standardkönig“ höchstpersönlich den Endstand. Wie schon „uffem Bersch“ mit einem gefühlvoll getimten Freistoß über die Mauer. Binnen einer Saison zwei Siege und vier Tore gegen den rot-weißen Opponenten. Drei davon durch Tim Gutberlet, dem Derbymatador par excellence. Die Stimmung kochte über.

Da interessierte es auch weder Hinz noch Kunz, dass nach der zweiten OFC-Verprügelung während der restlichen Spielzeit 94/95 kein weiterer Sieg mehr in die Bilanz floss. Die Luft war einfach raus. Keinen grämte die abschließende Durststrecke, denn das Hauptwerk glänzte in Perfektion: Vorzeitiger souveräner Klassenerhalt als beste hessische Regionalligamannschaft und zweimal den Erzrivalen gedemütigt, der als i-Tüpfelchen wegen den beiden Schlappen gegen den SV98 auch noch ins Abstiegsgras biss und den bitteren Gang in die Oberliga antreten musste.

Eine Saison also, die in der Erinnerung haftet. Vor allem wegen der epochalen Erstbesteigung des Bieberer Bergs. Seitdem hat sich die Statistik zwischen den beiden Widersachern grundlegend positiv verändert. Daran ändert auch die vor kurzem „erlittene“ Elfmeterniederlage im Hessenpokalfinale um die Goldene Ananas rein gar nichts. Die Lilien verloren nach dem 25.09.94 von sieben Punktspielen bis heute nur noch einmal in der „verbotenen Zone“ und kehrten viermal mit einem blau-weißen Lorbeerkranz ans Bölle zurück. Dank Tim Gutberlet, der damals den Knoten löste und – um noch einmal im Dallas-Jargon zu wildern – das Looser-Image von Cliff Barnes in ein Sieger-Gen von J.R. Ewing umwandelte.

Mit dem inneren Reichsparteitag vor zwei Dekaden geht unsere Serie in eine kurze Sommerpause, denn jetzt werden erst einmal die Batterien für einen hoffentlich erfolgreichen Zweitligaauftakt gegen die versandeten Häuser aus der Nähe Heidelbergs und bei den oberbayrischen Audi-Konstrukteuren sowie die DFB-Pokaljagd nach dem Wolfsrudel aufgeladen. Im September gehen wir wieder auf Sendung. Causa von Teil Vierzehn sind dann die nervenaufreibenden Verfilmungen vom rettenden doppelten Lottchen während den Saisonfinals ´96 & ´97 in der Augsburger Rosenau. Bis dahin BWG und dass die Sonne scheint…    

 

SV98 94-95

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James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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