Donnerstag, 10 Juli 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 12

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 3631

Teil 12: Wo zum Teufel liegt Lohfelden?

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 12

_Schieben wir der Eingangsfrage gleich eine zweite nach: Wer war der letzte Zweitligatrainer des SV Darmstadt 98 vor Dirk Schuster? A) Gernot Lutz B) Rainer Scholz C) Eckhard Krautzun oder D) Aleksander Mandziara? Bei der Fortsetzung von RTL-Dauerbrenner „WWM“ würde der auf dem Stuhl schwitzende Quizjunkie - falls er nicht im Lilien-Universum aufgewachsen ist - ebenso wie Moderator Günter Jauch  höchstwahrscheinlich geknickt aus der Wäsche schauen und auf einen blau-weißen südhessischen Telefonjoker hoffen, der dann -  ohne auch nur eine Nanosekunde nachzudenken - die Lösung Dora vermitteln würde.

wiesinger plakatInsider erkennen anhand des Prologs, dass die Dutzendkomplettierung unserer Serie mit der schmerzenden und einen 21-jährigen Gang nach Canossa auslösenden  Zweitligaverabschiedung 1993 beginnt. Zur Ouvertüre der Saison 92/93 regierte aber noch kein Pole, sondern ein Oberbayer das Trainerkabinett. Rainer Scholz, geboren im Berner Wunderjahr nahe Fürstenfeldbruck, schwang ja schon seit der Rückrunde 91/92 als Nachfolger von Jürgen Sparwasser das Zepter (siehe Teil Elf) und sah sich nun mit einer Herkulesaufgabe konfrontiert, denn dem SV98 stand die längste Spielzeit der Vereinsgeschichte bevor. Nach der kurzfristigen Splitterung in Nord und Süd wurde die Zweite Liga wieder vereint – und das mit 24 an den Start gehenden Vereinen (!!). Im gnadenlosen Kontext bedeutete diese erneute Reformänderung 46 Punktpartien. Sieben Teams auf einen Streich traf beim Kehraus der direkte Abstiegsbann. So lautete ergo die Devise schon vor dem ersten Anpfiff: Rette sich, wer kann.

Personell fast unverändert im Vergleich zum Last Minute – Klassenerhalt 91/92 eröffnete der Sportverein durchaus akzeptabel die Mammutsaison: Vier Punkte nach drei Partien, ehe die 0:5-Klatsche im 96er-Niedersachsenstadion eine gefährliche Abwärtsspirale initiierte. Das 1:4 in Unterhatschi am neunten Spieltag brachte die Volksseele zum Überkochen, weil Trainer und Präsidium Wilhelm Huxhorn als Sündenbock abstempelten. Die 37-jährige Torhüterinstitution boykottierte ein von Schatzmeister Uwe Wiesinger angezetteltes Straftraining und wurde suspendiert. Somit endete eine unvergessene Ära (214 Zweitligabegegnungen plus die legendäre und im Guinnessbuch der Rekorde verbürgte Abschlaggranate 1985 im Kölner Südstadion) leider auf dem Lieblingsschreibtisch der Anwälte. Später legte „Willem“ zwar die Klage samt den Groll ad acta, aber die beliebte Nummer Eins stand nach Haching nie mehr zwischen den blau-weißen Punktspielpfosten und limitierte sein Fangkunstrepertoire auf den Pungschter Amateurfußball.  

Alexander MandziaraHuxhorns „Erbe“ Tom Eilers (Sohn von DFB-Justiziar Götz) hütete fortan den 98-Kasten und stemmte sich vergeblich gegen den tabellarischen Sinkflug. Nachdem die Nieder-Ramstädter- Straße mit roten Zweitligalaternen dekoriert wurde und die Anhängerschaft  „Hasstiraden“ über seine Familie versprühte (angeblich „Telefonterror“ sowie ungebetene „Gäste“ vor der Haustür), resignierte Rainer Scholz und räumte seinen Spind. Daraufhin buhlten die Verantwortlichen wieder einmal um Eckhard Krautzun, der aber aufgrund seines südostasiatischen Dompteurjobs den Tiger von Malaysia gegen den aus Eschnapur trimmen musste und deshalb unpässlich war. So erhielt der eingangs erwähnte Aleksander Mandziara den Zuschlag als neuer Übungsleiter. Für die meisten ein unbeschriebenes Blatt, zumal er zuvor lediglich kurze Erfahrungswerte in deutschen Landen sammeln konnte (Anfang der 1980er an der Essener Hafenstraße). Auf der anderen Seite schmückten seine Vita auch Triumphe auf eidgenössischem Terrain (Meister und Cupsieger als Boss der jungen Burschen aus Bern).

Das oberschlesische Flair führte am Böllenfalltor zunächst einmal zur radikalen Kehrtwende. Eine phänomenale Premiere (4:0 gegen den VfL Wolfsburg) stoppte nicht nur den ätzenden Minuslauf von zwölf sieglosen Matches, sondern bereitete auch einen imponierenden Zwischenspurt vor (zehn Spiele ohne Niederlage). Auch wenn die Konkurrenz noch Artikulationsprobleme mit seinem Namen hatte (der Mainzer Präsident Harald Strutz begrüßte ihn nach dem 98er 1:0 am Bruchweg mit „Herr Mandzina“ auf der Pressekonferenz), begriff das blau-weiße Team die Handschrift des Hoffnungsträgers. Im finalen Duell vor den Weihnachtsferien siegte der Sportverein aufgrund einer bärenstarken Performance 3:2 in Homburg und der Kontakt zum rettenden Ufer war definitiv wieder gewährleistet. Leider kamen die besinnlichen Tage zwar wie immer zum gleichen, aber für die Mannschaft zum absoluten falschen Zeitpunkt. Nach der Fußballunterbrechung stolperten die Lilien in ein negatives und folgenschweres  Ergebnisloch. Gleich der erste Einsatz im neuen Kalenderjahr rief den Verlust der Siegmentalität hervor (0:1 während einem Kaffeekränzchen bei einer einsamen alten Dame im gähnend leeren Berliner Olympiastadion).

quali regionalligaDas Ende vom Zweitligalied nahte unbarmherzig. Ein 0:4 am 43. Spieltag am Waldhofer Alsenweg besiegelte den Abstieg. Tom Eilers verhinderte sogar ein Debakel. Eine Woche später erzielte Thorsten Wörsdörfer beim 3:5 gegen Mainz den bis heute letzten Zweitligatreffer und weitere zwei Wochen später verfolgten gerade einmal 998 treue Seelen am Bölle gegen Meppen (0:2) den Abschied von 22 ununterbrochenen Jahren Profifußball (zwischen 1971 und 1993 immer erst- oder zweitklassig). Aleksander Mandziara verschwand genau so schnell, wie er rund sechs Monate zuvor auf der Bildfläche erschien, wieder Richtung Schlesien. Den Schritt zurück in die relative Anonymität der Oberliga Hessen wollte er sich nicht antun. Bis vor wenigen Wochen schien es so, dass sein Konterfei wie ein „Fluch“  als letzter 98-Zweitligacoach gebrandmarkt ist, ehe zum Showdown der grandiosen Verlängerungsnachspielzeit (einfach ein schönes Wort) am 19. Mai auf einer ostwestfälischen Alm die linke Klebe von Elton da Costa einen gewissen Dirk Schuster zum achtzehnten (verschiedenen) Lilientrainer der Zweitligahistorie beförderte (Udo Klug, Werner Olk, Eckhard Krautzun, Uwe Ebert und Rainer Scholz standen zwei- oder sogar dreimal in der Verantwortung).

1993 ahnten wohl die wenigstens Fans, dass eine 21-jährige Durststrecke vor ihnen liegen würde. Zunächst musste man den erfolgsverwöhnten Kopf von Schalke, Duisburg, Hertha, Rostock und Hannover wohl oder übel auf die hessischen Provinzen Höchst, Lohfelden, Walldorf und Wehen herunterfahren. Wehen? Den Stadtteil von Taunusstein assoziierte der weitgereiste Blau-Weiße bis dato lediglich mit den Gebärschmerzen der weiblichen Spezies kurz vor der Niederkunft. Niemand befürchtete, dass die Trinkwasserfilter vom Halberg künftig als hartnäckiger sportlicher Widersacher fungieren könnten. Und wo zum Teufel liegt Lohfelden? Ein „ernstes“ Koordinationsdilemma lange vor der Gründung von Google und Wikipedia! Aber auch einige altbekannte Rivalen begrüßten den neuen Publikumsmagneten SV98 mehr oder weniger herzlich in der Drittklassigkeit: OFC, Kassel, FSV Ffm. und Bürstadt sowie ewiglich nicht mehr gesehene Traditionsvereine wie der SV Wiesbaden, RW Ffm. oder die Fuldaer Borussia.        

Carsten LakiesDer Zweitligakader zerstreute sich vor dem Neustart in alle Winde: Tom Eilers (Mainz), Tayfur Havutcu (Fenerbahce), Dieter Gutzler, Freddy Heß (beide Edenkoben), Stefan Trautmann, Rafa Sanchez (beide Mörlenbach), Stefan Malz (VfR Mannheim), Stefan Simon (FC Homburg), Stephan Täuber (Wolfsburg), Jürgen Baier (Mainaschaff), Thorsten Wörsdorfer (Eisbachtal). Vom Stamm repräsentierten lediglich Gerhard Kleppinger, José Perez und Martin Kowalewski fortan die Lilie auf dem Trikot. Die Bezeichnung „Umbruch“ für die Oberligaeingliederung glich deshalb für den neuen Coach Gernot Lutz (zuvor Co- und Amateurtrainer) einer maßlosen Untertreibung. Ans Bölle wechselten Carsten Lakies (vom Bornheimer Hang), Dieter Förster (Worms), Marcel Baban (Nachkomme von Donauschwaben aus dem rumänischen Timisoara), Dietmar Rompel (Schwalbach), Markus Old (Rosenhöhe OF) und ab der Rückrunde Andreas Rüppel (SV Wiesbaden).

Mehr gab der schmale Oberligaetat von 560000 DM nicht her. Das primäre Ziel galt nicht dem sofortigen Wiederaufstieg, sondern der Qualifikation für die jüngste DFB-Fregatte Regionalliga, die im Sommer 1994 auf ihren Stapellauf wartete. Für diese Vorgabe (praktisch identisch mit dem Erhalt der Drittklassigkeit) musste „nur“ eine einstellige Tabellensprosse in der Schlussrangliste her, weil die beiden zurückliegenden Zweitligaspielzeiten für die erforderliche Dreijahreswertung als Oberligameister angerechnet wurden. Diesbezüglich bedeutete der Abstieg in der Nachbetrachtung ergo noch „Glück im Unglück“.

Marcel BabanDie erste Hessenligarunde seit 70/71 begann überraschend positiv. Carsten Lakies erzielte beim 1:1 im Dunstkreis der Farbwerke Höchst den Debüttreffer auf der unbekannten Bühne. Zwei Heimsiege am Stück (3:2 gegen Kassel, 2:1 bei der Uraufführung gegen Wehen) schürten dann sogar eine ungeahnte Euphorie und ließen die Fans unter der Woche in Scharen zum Duell Auf- vs. Absteiger nach Mörlenbach pilgern. Trainer Hans-Jürgen Boysen peitschte die Hausherren um die Ex-98er Trautmann, Kispert und Sanchez gewaltig nach vorne. Erst in der Schlussphase wendeten Dieter Förster und José Perez den 0:1-Pausenrückstand in ein 2:1 und plötzlich salutierte Blau-Weiß sensationell vom Platz an der Sonne.

Doch die angenehme Momentaufnahme spiegelte nicht das reale Potenzial wider. Eine 0:3-Heimklatsche gegen Eintracht Haiger und die nicht gerade erquickend sprudelnden Mineralquellen von Bad Vilbel (1:3) beamten die Heiner unsanft  auf den harten Boden der Tatsachen. Außerdem überschatteten permanente Fanübergriffe auf den auswärtigen Feldern das Tagesgeschäft und veranlassten den HFV zu drastischen Sanktionierungen. Der SV98 sackte im Ranking peu á peu ab und nach einer desolaten 0:1-Heimniederlage im Rückkampf gegen Mörlenbach waren die Tage von Gernot Lutz gezählt. Offiziell erläuterten die „Oberen“ den Trennungsgrund mit der persönlichen Belastung beim Abschluss des Betriebswirtschaftsstudiums respektive der daraus resultierenden mangelnden Konzentration für die Buchung des Regionalligatickets. Dadurch startete Gerhard Kleppinger praktisch über Nacht seine Trainerkarriere und verkörperte fortan den spielenden Coach.

Sein Einstieg in der neuen Doppelfunktion verlief optimal: Nach dem 3:0 gegen Bad Vilbel hörte man förmlich, wie etliche Gesteinsmassen von den Herzen plumpsten. Unter der Ägide von „Kleppo“ lief es plötzlich wieder wie am Schnürchen. Dank 13:7 Punkten aus den ersten zehn Begegnungen seiner Schirmherrschaft war der Sportverein fast durch, ehe das 0:2 gegen den kommenden Meister FSV Ffm. und eine damals fast schon obligatorische Last Minute – Niederlage in Oxxenbach noch einmal etliche Liter Angstschweiß auf die runzelnde Stirn trieben. Erst das 1:1 zur Vorschlussrunde gegen Borussia Fulda brachte Entwarnung und die Sicherheit, dass man künftig im Regionalligabecken planschte. Als Hessenliga-Neunter und Qualifikations-Vierter zermalmten Gerhard Kleppinger und seine Jungs nach dieser heiklen Überbrückungssaison das Worst Case – Szenario einer „unbedeutenden“ Viertklassigkeit.

Nix mehr also mit Lohfelden. Die 14000 Seelen beherbergende Stadt liegt übrigens im nördlichen Zipfel unseres Bundeslandes, um die Überschriftfrage zu beantworten. Der hiesige FSC kickt heute immer noch (bzw. wieder) in der Hessenliga und wurde bis Oktober 2013 von Carsten Lakies trainiert, der „um die Lohfelder Ecke“ in Kassel das Laufen lernte. Anno 1994 freute sich Lakies wie der gesamte Sportverein Darmstadt von 1898 auf das neue sportliche Betätigungsfeld Regionalliga Süd ab der Runde 94/95. Mehr dazu ausführlich im dreizehnten Teil unserer Serie. Beileibe keine Unglückszahl, denn dann steht die lang herbeiersehnte Ersterklimmung eines Berges im Fokus der Berichterstattung. Gut-Gut-Gutberlet…        

eintrittskarte egelsbach

Liken & Teilen

Social Bookmarks

Previous/Next Link

Über den Autor

James Cagney

James Cagney

Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

Hinterlasse einen Kommentar

Du kommentierst als Gast