Samstag, 28 Juni 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 11

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2736

Teil 11: Der seidene Faden hält drei Jahre

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 11

_Rund fünf Wochen sind nun vergangen, als am 19. Mai um 23Uhr ein von der Bielefelder Alm ausgehender blau-weißer Tsunami die gesamte Fußballrepublik überflutete. Viele alteingesessene Fans ordnen das fortan unfassbare Glücksszenario trotz zwei Bundesligaaufstiegen völlig zu Recht als absoluten Höhepunkt der Klubhistorie ein und der da Costa – Hammer flimmert selbst während (oder gerade wegen?) der WM täglich auf dem Bildschirm.

Deshalb ist es nicht ganz einfach, nach den schier endlosen Exzessivfeten unsere seit Teil Zehn unterbrochene Serie mit dem elften Kapitel unter der Hauptüberschrift „Highlights“ fortzusetzen. Part No. 11 beschäftigt sich mit der ausklingenden Zweitligaära Anfang der 1990er, die ja nach 21-jähriger Quarantäne bald einen hochverdienten Renaissance-Anstrich erhält. Während den drei Runden zwischen 1989 und 1992 tanzte die Mannschaft des SV98 auf einem Drahtseil und vermied jeweils auf dem finalen Drücker den Absturz. Zweimal gelang der Klassenerhalt am letzten Spieltag und dazwischen sogar noch später am „Grünen Tisch“.   

rennerWie im Epilog von Teil Zehn geschildert, warf der geschätzte Trainer Eckhard Krautzun nach seiner zweiten erfolgreichen Böllenfalltor-Mission das Handtuch, weil der Verein wegen des anwachsenden Schuldenbergs die komplette Kreativachse (Oliver Posniak, Rafael Sanchez, Bernhard Trares) an die Konkurrenz verschacherte. Drei Millionen Mark Verbindlichkeiten zwangen zur Benutzung des Rotstiftes respektive zu einer drastisch minimierten Erwartungshaltung. Auch die unpopuläre Maßnahme, den Krautzun-Nachfolger ausgerechnet auf dem Bieberer Berg auszukundschaften, war nicht gerade der (Dieter) Renner für eine Euphoriewoge im blau-weißen Umfeld, obwohl er auf seiner vorletzten Station die Stuttgarter Kickers 1987 völlig unerwartet ins DFB-Pokalfinale balancierte (1:3 gegen den HSV). Aber sein folgendes Engagement als Häuptling der etwas anderen Kickers vom Main trug kaum zu einem einfachen Amtsantritt–Standing an der Nieder-Ramstädter-Straße bei, zumal die Referenzen der balljonglierenden Neuankömmlinge Rudi Thömmes (ET Trier), Thomas Kloss und Jürgen Baier (beide ebenfalls aus Oxxenbach), Markus Sittardt (FV Weinheim) sowie Tomas Kriz niemanden vom Hocker riss. Letztgenannter Tscheche wies zwar zehn Länderspiele auf, agierte aber nach einem Sturz aus einem Prager Fenster gehandicapt an seinem neuen Arbeitplatz und fahndete vergeblich nach den großen Fußstapfen seiner Landsleute Macela und Nehoda.

Nach dem misslungenen Auftakt 89/90 verhärteten sich die schwarzsehenden Orakel: Ein Punkt nach vier Partien und dabei nur ein Tor erzielt. Der erlösende Debütsieg (3:1 gegen Bayreuth dank den Treffern von Gutzler, Prinzen und Blättel) öffnete ein positiver Zwischenspurt den Spalt für das Licht am Tunnelausgang. Aus dieser kleinen Serie ragten ein 3:2 gegen Schalke (nach 0:2-Pausenrückstand) und das 1:0 (frühes „Golden Goal“ von Michael Blättel) im DFB-Pokalmatch gegen die „Vizekusener“ vom Bayerkreuz heraus. Doch danach sackte das Stimmungsbarometer wieder in den Keller – und wie: Sportlich fröstelte man zur Saisonhalbzeit auf einem Abstiegsplatz und wirtschaftlich drohte der Exodus. Nur weil sich nach den privaten Bürgen (u.a. Präsident Walter Kröger) auch die Hauptgläubiger (Volksbank, BfG) bereit erklärten, auf kurzfristige Ansprüche zu verzichten, wucherte kurz vor Weihnachten keine Konkursschicht auf dem maroden Zweitligaschacht.

Trotz gekürzter Gehälter und Prämien riss sich das kickende Ensemble am Riemen und kraxelte mit 7:1 Punkten in Serie empor auf die zehnte Ranglistenstufe. Leider entpuppte sich auch dieser Sprint lediglich als Strohfeuer. Nach dem wiederholten Abgleiten in die Niederungen rettete Dieter Renner auch eine fulminante Aufholjagd gegen den SV Meppen (3:3 nach 0:3) nicht mehr. Zwei Stunden nach dem Abpfiff versammelte sich das Präsidium mit dem Coach im „Maritim“ und drückte ihm nach einem „harmonischen“ Abendessen die Papiere in die Hand. Wenige Tage darauf trat der SV98 unter der Woche in Bayreuth an. Zur Überraschung aller saß in Oberfranken Uwe Klimaschewski mit einem frisch unterschriebenen Zweijahresvertrag auf der blau-weißen Bank. Doch der Klimawandel hielt nicht lange an. Schon 48 Stunden nach dem ernüchternden 0:2 im Dunstkreis der einstigen Wirkungsstätte von Richard Wagner stornierte der „Paradiesvogel“ seinen Bölle-Auftrag mit der Begründung „Ich sehe keine Perspektive und glaube nicht an den Klassenerhalt“ und trug sich damit als Trainer mit der kürzesten Amtsdauer im Lilien-Almanach ein.

scholz ebertNun sollte Uwe Ebert als fest verpflanzte Interimseiche wieder die Kastanien aus dem Feuer holen. Der Ex-Keeper nominierte Yvo Hoffmann aus dem Bezirksligateam für die Profis und landete damit einen Volltreffer. Drei Siege am Stück verscheuchten die gröbsten Abstiegsängste. Doch es blieb eng im Gefahrenareal. Zum Showdown tourten die Ebert-Schützlinge mit je einem Punkt Vorsprung auf Osnabrück und Kassel zum feststehenden Bundesliga-Aufsteiger SG Wattenscheid 09. Die Hausherren schwebten durch ihre kurz zuvor dokumentierte erste und einzige Oberhausbeförderung im siebten Himmel, während die Lilien im Herzen des Ruhrgebiets mindestens ein Unentschieden benötigten. Osnabrück (3:1 gegen Schalke) und Kassel (2:0 gegen Hertha) bewältigten ihre Heimaufgaben, so dass der Sportverein auf Gedeih und Verderb ein Remis verteidigen musste. Nach neunzig mehr oder weniger Zitterminuten blinkte die vielleicht wertvollste Nullnummer der Vereinsgeschichte auf der Anzeigetafel. Der Spielverlauf war zwar mit dem berüchtigten deutsch-österreichischen Nichtangriffspakt 1982 von Gijon nicht ganz kompatibel, aber beide Reihen bemühten sich redlich, dem Gegenüber nicht die gute Laune zu vermiesen. Miesepeterstimmung herrschte nur bei den in den sauren Abstiegsapfel beißenden „Algeriern“ aus Kassel (wegen des viel schlechteren Torverhältnisses). Dagegen jubelte das komplette Publikum in der Lohrheide enthusiastisch. Ein blau-weißer Old School – Kollege zog sich beim Versuch, die Barriere zum Innenraum zu bewältigen, leider eine nachhaltige Verletzung zu. Tja, wieder einmal wurde die Binsenweisheit über die Leidensfähigkeit einer Lilie in Kraft gesetzt.  

Drahtseilakt Nummer Eins war also in trockenen Tüchern. Als neuen Trainer für die Saison 90/91 installierte der SV98 passend zum gesamtdeutschen Einheitsjahr die Ostzonenikone Jürgen Sparwasser, den Sepp Maier – Schreck von 1974. Der Schütze des einzigen Tores beim legendären Politikum-Vergleich BRD vs. DDR versemmelte seinen 98er-Einstieg (zwei Klatschen am Degerloch im Pokal und Meisterschaft). Nach vier Spielen überschattete die falsche Null die Torbilanz, ehe zwei Offensivkräfte vom Relax-Song „a weißes Blattl Papier“ die Schnauze voll hatten. Thomas Weiß und Michael Blättel trafen beim 2:2 in Hannover endlich ins Schwarze. Aber erst die Erwerbung des erfahrenen Haudegen Dirk Bakalorz inspirierte den Sportverein zu einer Erfolgsserie, welche selbst die Toppaufstiegskandidaten Duisburg bzw. Schalke (jeweils 2:2 am Bölle) an den Rand einer Niederlage manövrierte.

fans spielfeldUnerklärlicherweise zog nach Wiederaufnahme des Betriebs im Frühjahr ´91 irgendjemand den Stöpsel aus der Leistungsluftmatratze. In den restlichen zehn Saisonbegegnungen streikte das Getriebe vollends und die Lilien sparten statt am Wasser mit Punkten. Dennoch belegte man vor dem Kehraus auf Schalke eine rettende Sprosse und wie zwölf Monate zuvor hätte erneut ein torloses Unentschieden im Pott für eine Zweitligavertragsverlängerung ausgereicht, aber diesmal kassierten die Lilien vor über 70000 aufstiegsverrückten Königsblauen (vielleicht auf ewiglich die Zuschauerbestmarke mit 98er-Beteiligung) zwölf Minuten vor dem regulären Schlussgong den Knockout von Sascha Borodjuk. Auch ein Protest, weil Tausende Knappenfans viel zu früh das Berger Feld überschwemmten, half nichts mehr und wurde abgeschmettert: Der SV98 war sportlich abgestiegen, bis vierzehn Tage später ein nettes Fax von der Frankfurter Otto Fleck - Schneise in die Darmstädter Geschäftsräume flatterte. Die Lizenzverweigerung von Rot-Weiß Essen sicherte dem Sportverein durch die Hintertür den Fortbestand in Liga Zwei. Ein Umweg, den die Lilien anno 2013 eine Fußballetage tiefer noch einmal gerne in Anspruch nahmen – diesmal auf Kosten des heißgeliebten Erzrivalen OFC, was ja bekanntlich vor kurzem dem ostwestfälischen Jahrhundertmatch als Basis für den überragenden Durchmarsch „back to the Roots“ auf die Zweitligaplattform diente.

Aber zurück nach 1991: Nach der endgültig vollzogenen Wiedervereinigung von West-Germany und SBZ am 3. Oktober 1990 vermisste der DFB anscheinend das Substantiv  „Teilung“ und schickte als sogenannte Überbrückungssaison zur Eingliederung der qualifizierten DDR-Klubs die 2. Liga erstmals seit 1981 wieder in zwei Staffeln (Nord und Süd) mit je zwölf Vereinen ins Rennen. Die erfolgreichsten sechs Klubs spielten dann nach Hin- und Rückspielen eine sogenannte Meisterschafts- und die Teams ab Rang Sieben eine Abstiegsrunde aus (ebenfalls doppelt). Deshalb musste der SV98, der logistisch natürlich im Süden auflief, gegen fünf Kontrahenten gleich viermal binnen zehn Monaten antreten. Premieren an der Ostfront konstatierte der Busfahrer bei den Optikern von Carl Zeiss Jena, im Erfurter Steigerwald, gegen Karl-Marx-Stadt (das sich nach dem Anschluss als Chemnitz outete), in Leipzig (damals schnaubte in der Sachsenmetropole noch die die seinerzeit als VfB dampfende Lok und nicht wie heutzutage die Dosenwerfer) sowie in einer anhaltischen Halle. Außerdem gab es ein Klassiker-Comeback nach vierzehn Jahren Abstinenz zu bewundern. Die Sechziger hatten endlich ihre lange Bayernliga-Quarantäne aufgehoben.

bakalorz kloppWie befürchtet konnten sich die Lilien trotz der Rückkehr von 1978-Hero Gerhard Kleppinger nach elf Jahren Tingeltangeldasein auf diversen Bundesligafeldern nicht an der oberen Tabellenhälfte schnuppern. Der Eckpfeilerabflug von Michael Blättel und Roger Prinzen fand keine Kompensation. Im Spätherbst wurde Jürgen Sparwasser nach einer 1:3-Heimpleite gegen den rheinhessischen Fastnachtsverein der Hahn abgedreht. Ein gewisser Jürgen Klopp besiegelte kurz vor ultimo das branchenübliche Trainerschicksal. Die finanzielle Notlage zwang die Klubchefs zu einer internen Stellenausschreibung und Libero Rainer Scholz sprang auf den Schleudersitz. Vor 12000 Zuschauern auf Giesings Höhen zogen ein Doppelschlag von Rafa Sanchez sowie ein glänzend parierender 36-jähriger Schlussmann Wilhelm Huxhorn beim ersten Scholz-Auftritt als Verantwortungsträger dem Löwenrudel die Zähne (erste Heimniederlage der 60er nach zwei Jahren weißer Weste).

Aber weder dieser Husarenstreich noch die Nachverpflichtung von Kassoum Quedraogo (genannt „Zico“) aus dem westafrikanischen „Fußballtraditionsland“ Burkina Faso halfen dem Sportverein, die „Abstiegsrunde“ zu verhindern. Die Gegner dort waren Mainz, 60 München, Halle, Leipzig und Erfurt, von denen man drei Vereine hinter sich lassen musste (zwei Direktabsteiger und ein Relegationsteilnehmer). Ein ständiges Auf and Ab begleitete die in punkto Existenzkampf gestählten Fans. Vor dem Finale gegen die ebenfalls noch zitternden Mainzer gestalteten sich die dramatischen Formeln wie folgt: Niederlage gleich Absturz, Remis gleich Relegation (gegen Fortuna Köln) und Sieg gleich Ligaverbleib.

In der ominösen dreizehnten Minute legten die 05er das 0:1 vor. Doch nach dem Schock peitschte das blau-weiße Volk seine Schützlinge wieder nach vorne. Es dauerte allerdings bis zur Schlussperiode, ehe ein Thomas-Tandem auf den Plan trat und durch den „weißen Lauf“ Ekstase-Zustände an der Nieder-Ramstädter Straße hervorrief. Zunächst glich Thomas Weiß aus (79.) und Thomas Lauf (83.) lochte zum Sieggoal ein. Nach dem Schlussgong von Referee Kentsch war man hüben wie drüben über dem Strich notiert und einer „gemeinsamen“ Sause konnte steigen. Doppelte Glücksgefühle beherrschten das Seelenleben von Wilhelm Huxhorn. Der Torwartveteran verhinderte bei den Meenzer Kontern nicht nur das 0:2 und damit einen möglichen Knockout, sondern sorgte auch für kollektive Erleichterung seiner künftigen Gattin, denn bei einem möglichen Relegationstermin wäre nach der Trauung am 29. Mai 1992 die vorgesehen Hochzeitsreise Richtung Mallorca geplatzt. Währenddessen strömten ca. 2000 Lilienfans auf das Bölle-Grün und frönten frenetisch dem bis heute letzten Happyend in der Zweitklassigkeit.

Ein ähnliches Freudenszenario wünschen wir uns für den 24.05.2015, auch wenn dann keine Wattenscheider, Schalker oder Mainzer mehr als Abschlussrivalen fungieren, sondern die Kiezkicker. Nach Auswendiglernen des neuen Zweitligaspieltags wird unsere Serie dann mit Teil Zwölf fortgeführt, dessen Themenkomplex die Verbannung vom bezahlten Fußball 1993 und den anschließenden Neuaufbau in der Hessenliga beinhaltet.

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James Cagney

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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