Mittwoch, 30 April 2014

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 10

Geschrieben von: James Cagney, Kategorie: Highlights der Vereinsgeschichte, SV98 Historisch, Die Serien, Tags Historisch SV Darmstadt 98, Aufrufe: 2314

Teil 10: Veni Vidi Vici und Salve in nur vier Monaten

Serie: Highlights der Vereinsgeschichte 10

 _Er kam, sah, siegte und verabschiedete sich gleich wieder. Eckhard Krautzun, am Ende der Saison 86/87 noch unrühmlich vom Hof des Böllenfalltors gejagt, wurde im Frühjahr 1989 reumütig zurückbeordert, damit sich dem „Sudden Death – Trauma“ vom 09.06.´88 (siehe Teil Neun) nicht die nächste Seelenerschütterung Amateuroberliga angliedert. Der Globetrotter stornierte eine dreivierteljährige Lethargie, rettete Blau-Weiß den Zweitligastandort und packte nach der erfolgreichen Mission sofort seine Siebensachen.

 Im Sommer 1988 erwirtschafteten die Vertragsverhandlungen zwischen SV98 und Klaus Schnapper in Folge der in Ost-Frankreich erlittenen Seelenpein keinen gemeinsamen Konsens. Ein paar Wochen später heuerte der Elekromeister ausgerechnet auf dem Tragödienschauplatz im Parc de Louis an und bewies dort ´89 und ´90, dass er inzwischen auf Tabellenplatz Drei abonniert ist. Übrigens scheiterten die Welsche ebenfalls in den Aufstiegsspielen (am Adlerhorst bzw. gegen die tief im Westen beheimateten „Grönemeyers“) und Schlappi musste fortan mit dem zweifelhaften Titel „Relegationshattrick-Looser“ leben.

Nach dieser Ausschweife aber jetzt zum eigentlichen Sinn des Fußballlebens – also ans Böllenfalltor: Statt Lampertheimer Dialekt wurden die Mannschaftsbesprechungen ab der Runde 88/89 im akzentfreien hochdeutsch vorgetragen. Werner Olk gab sein zweites Stelldichein und dirigierte wieder das blau-weiße Orchester. Der Bundesligaaufstiegs – Hero von 1981 konnte bis auf Elfernulpe Kalle Emig (zum FCK) und Michael Künast (Austria Wien) auf den Kader der Vorsaison bauen – allerdings zunächst ohne jeglichen externen Zuwachs. Der Start fiel mal so richtig durch den Rost. Olk monierte nach dem 1:2 in Wattenscheid neben der mangelnden Frische hauptsächlich das Damokleserbe der Vorwärtsbewegung – ein klarer Seitenhieb Richtung seines Vorgängers. Die taktische Umorientierung von kontrollierter Defensive hin zur attraktiven Offensive konnte anscheinend nicht von heute auf morgen in der Matchplangestaltung umgemodelt werden. Zwar verputzten die Lilien für ein stimmiges Fanlabsal im ersten Heimspiel den Lieblingswiderpart vom Bieberer Berg 3:0 (Kuhl 2, Sanchez), doch das anschließende 1:5-DFB-Pokal-Erstrundenaus am Kölner Geißbockheim (zumindest Uwe Kuhl verbuchte ein persönliches Positiverlebnis, indem er Nationalkeeper Bodo Illgner einmal zu einem finsteren Gesichtsausdruck zwang) hinterließ Spuren in der Liga (nur ein Punkt aus den nächsten drei Begegnungen).

Olk reagierte und beförderte Wilhelm Huxhorn nach über einem Jahr Ersatzbankfrust wieder für den zu oft patzenden Anti-Elferkiller Rainer Berg zur Nummer Eins. Außerdem rückte U-20 – Nationalspieler Henrik Eichenauer in die Anfangself. Diese Teamkorrekturen fruchteten erstmals beim 2:1 gegen die blau-weißen Kollegen vom Schalker Markt. Eichenauer und Kuhl setzten bei überdimensioniertem Fritz Walter – Wetter den seinerzeitigen Sinkflugknappen die Hörner auf. Dadurch motiviert triumphierten die Lilien sieben Tage darauf erneut im Düsseldorfer Rheinstadion (2:1). Dabei lieferte Michael Blättel ein bemerkenswertes Debüt an alter Wirkungsstätte ab. Der wenige Tage zuvor vom FC Homburg verpflichtete Allrounder wechselte mit einem „Seuchenvogelmakel“ ans Bölle (war zwischen 1986 und 1988 mit Saarbrücken, Düsseldorf und dem FCH dreimal hintereinander aus der Bundesliga abgestiegen!).

blaettel mainzNach dem gelungenen Einstand schraubte Blättel unfreiwillig an seinem Negativimage. Der SV98 blieb geschlagene neun Begegnungen ohne Sieg und purzelte auf die vorletzte Tabellenstufe hinunter. Das 0:3 bei Fortuna Köln kostete dem Coach, dessen Nachnamen die Gazetten längst nicht mehr wie früher mit dem kreierten Substantiv „Erfolk“ assoziierten, schließlich den Job. Das neue Trainergespann Rainer Scholz und Uwe Ebert reaktivierte zunächst das Glück: 1:0 im Kellerduell gegen Solingen, 2:1 am Mainzer Bruchweg und 2:1 gegen Bayreuth. Die drei wichtigen Siege gegen die „Kellergenossen“ transportierten die Lilien auf eine relativ beruhigende vierzehnte Ranglistenstufe. Doch nach der Winterpause flatterte das blau-weiße Blatt schon wieder in die verkehrte Richtung. Aufgrund zweier Jahresauftaktpleiten welkten die Lilien erneut jenseits der benötigten Sonneneinstrahlung im tiefsten Keller und prompt wurde auch dem Interimsduo das Vertrauen entzogen. Daraufhin sendete das verantwortliche Forum um Lizenzspielerchef Karl-Heinz Salm eine SOS-Boje in die saudi-arabische Wüste. Trotz Sandstürmen erreichte das Notsignal den anderthalb Jahre zuvor am Bölle geschassten Eckhard Krautzun, der sich seitdem auf der Oase „Al Ahli Jedda“ vom Lilienstress erholt hatte und mit aufgeladenem Akku sein Orientzelt auf dem Basar wieder gegen einen festes südhessisches Dach über dem Kopf eintauschte. Dadurch  avancierte er auch mit Verspätung zum „Abkömmling seines Nachfolgers“.

EKDer Offensivfußballverfechter zeigte sich nicht nachtragend ob des Rauswurfs im Juni 1987. Bereits zur Uraufführung erkannte das Heinerpublikum die lange vermisste Krautzun-Handschrift: Aus sicherer Deckung mit drei Spitzen vor einer impulsiven Mittelfeldkraft agierend (Michael Blättel wurde eigens hierfür vom Libero zum „Zehner“ umgepolt). Der SC Freiburg akzeptierte neidlos das veränderte 98-Organigramm und überwies an der Nieder-Ramstädter Straße brav den Debüterlös für den „nach Hause“ gerittenen Übungsleiter (2:1). Eine Woche darauf überflutete der SV98 das Emsland (4:1) und bändigte im nächsten Heimspiel sogar Bundesligaaspirant BW Berlin (2:1). Dann kam der Ostersonntag 1989. 7500 Zuschauer verirrten sich ins Gelsenkirchener Parkstadion, um ein denkwürdiges blau-weißes Kulttreffen zu erleben. Nach dem Abpfiff hatten die Lilien vier und die gastgebenden Knappen lediglich drei vom Osterhasen versteckte Eier aufgestöbert. Roger Prinzen (näherte sich nach einer U23 - Einführrunde im Formel 1 – Tempo den Profiboliden an), Michael Blättel, Henrik Eichenauer und Rafael Sanchez belohnten trotz 0:2- und 2:3-Rückstand die südhessische „Sturheit“ mit dem einzigen Sieg auf Schalke in fünf Versuchen.

eichenauer schalkeWährend der Schlussphase flippten die königsblauen Anhänger (S04 zitterte damals vor dem unvorstellbaren Absturz in die westfälische Amateuroberliga) vollends aus, jumpten wie kleine Dick Fosburys über die Zäune und kreiselten Schiedsrichter Prengel aus Düsseldorf ein. Ein „leicht untersetzter“ Zeitgenosse erwischte das flüchtende respektive aus allen Löchern pfeifende Richard Kimble – Double und nagelte seine Fußspitze in das allerwerteste Refereekörperteil. Nur geballten Interventionen von Andreas Müller, Ingo Anderbrügge und Ersatzkeeper Jens Lehmann, die anno 1989 erkennen mussten, dass es für eine Reputation vom  randalierenden Zweitligisten zum 1997er San Siro - Eurofightertriumph noch reichlich Stacheldrahtentsorgung bedurfte, verhinderten einen Spielabbruch (das 4:3 auf Schalke inklusive der Heinertour de Ruhr auf der Odysseeheimreise ist übrigens in Teil Vier der 2013er-Serie „Klassiker SVD vs. S04“ detailliert geschildert).

Mit Sieg Nummer Vier am Stück und einer breiten Brust verließen die Lilien also wieder den Pott und bereiteten sich akribisch auf den Schlager gegen den Tabellenzweiten Fortuna Düsseldorf vor. Auch die rheinische Altbierfraktion fand keine Rezept gegen die von Krautzun injizierten Substanzen (2:1). Der spätere Zweitligachampion ging damit in beiden Saisonvergleichen mit dem SV98 leer aus. Sieben Tage darauf eroberten die Lilien auch noch den Aachener Tivoli (1:0) und wegen der inzwischen vollzogenen Klassementkraxelei von Neunzehn auf Acht träumte die Berufsoptimistengarde schon wieder vom Bundesligaaufstieg (nur noch fünf Punkte hinter Sprosse Drei).

Doch typisch für die stetig von jauchzend in betrübt oder umgedreht drehende 98-Mentalität setzte es im anschließenden Heimspiel einen Schuss vor den Bug. Die Braunschweiger Löwen mit dem ehemaligen Einwurfweltmeister Uwe Reinders als Trainer stoppten an der Nieder-Ramstädter Straße den blau-weißen Raketenzwischenspurt (1:2). Immerhin konnte Krautzun einen stolzen Vereinsrekord konstatieren: Längster Positiveinstand eines Darmstädter Vorturners (sechs Siege). Noch öfters hintereinander auf dem Zweitligaparkett zu gewinnen (nämlich doppelt so viel), schaffte außerdem ein 98er-Team lediglich in der legendären Saison 77/78. Im Frühsommer knickten die Lilien dann noch einmal ein. Vom 28. bis zum 35. Spieltag wurde nur einmal die komplette Beute eingeheimst (2:1 gegen Aschebersch). Deswegen klopfte sogar noch einmal ganz zart das Abstiegsgespenst ans Bölle-Portal an. Doch die Mannschaft gewährte diesem zeitlosen Störenfried keinen Einlass. Spitzenreiter Fortuna Köln (landete zum Kehraus nur auf Blechplatz Vier) reglementierten die Krautzun-Jünger hinsichtlich unbesonnener Aufstiegseuphorie eine Dämpferlektion (2:1). Das 3:0 beim Schlusslicht Mainz sowie ein 7:0-Scheibenschießen gegen die 05er-Fastnachter (besiegelte den Abstieg des heutigen Bundesligisten in die südwestliche Amateurabstinenz) konterkarierten jegliche Klassenerhaltsbefürchtungen.

kuhl oxcZum Rundenausklang schenkten die Lilien mehr oder weniger in Bayreuth die Punkte ab (1:4). Das reichte zwar nicht für den sportlichen Ligaverbleib der Spielvereinigung, da gleichzeitig die Bergwanderer aus Bieber RW Essen 1:0 bezwangen. Doch der DFB hatte Mitleid mit den „Oldschdod“-Kickern aus Oberfranken und entzog Oxxenbach die Lizenz, weshalb die Derbys bis 1993 auf Eis lagen. 2013 erinnerten sich die Fußballoberen ja bekanntlich an die Vorzüge eines solchen Denkzettels und katapultierten den richtigen Verein vom Quasi-Regionalligisten zum heißen Zweitligakandidaten. Nach dieser pflichtbewussten Information richten wir noch einmal den Blick gen 1989. Die Saison endete recht trist mit einer praktisch unkompensierbaren Personalentscheidung. Aufgrund der deklarierten Abflüge der Steuermannkreativachse Bernhard Trares (Aachen), Oliver Posniak (Aschaffenburg) und Rafael Sanchez (Edenkoben) strich Eckhard Krautzun nach nur siebzehn Begegnungen (zehn Siege, ein Remis, sechs Niederlagen), in denen er das Darmstädter Fußballflaggschiff fest im rettenden Hafen verankerte, von sich aus enttäuscht die Segel.

Nach dem erfreulichen „Veni Vidi Vici“ zum Abschluss also ein enttäuschtes „Salve“ - und damit ist nicht der bundesweite Alkoholikergruß (Säufer aller Länder vereinigt euch), sondern die lateinische Abdankung des Imperators aus Heppenheim gemeint. Aufreibende Existenzkämpfe waren vorprogrammiert. Und sie kamen auch zwischen 1989 und 1992 mit voller Wucht. Nach dem 1988er-Horror sollten zum jeweiligen Grande Finale dennoch wieder Freudentränen fließen, weil Rosamunde Pilcher und Inga Lindström für diese drei nervenaufreibenden Jahre das vorgefertigte blau-weiße Showdowndrehbuch auf ihre herzliche Art und Weise abänderten. Mehr dazu explizit in Teil Elf, der aus enthusiastischen  Aktualitätsgründen erst Ende Mai erscheint. Dann hoffentlich als frischgebackener Zweitligist, denn die Mission „Uffstiech 2014“ rollt in die entscheidende Phase…

Uffgerechte BWG
J. C.

 

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Einige behaupten, er könne alle Tore des SV98, deren Schützen und die korrekte Spielminute in historischer Reihenfolge aufsagen, ohne einmal Luft zu holen...

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