Samstag, 07 März 2015

Unter der Odenwaldbrücke

Kategorie: Darmstadt Historisch, Tags Darmstadt Darmstadt historisch Odenwaldbrücke, Aufrufe: 1853

Eine Darmstädter Geschichte

Unter der Odenwaldbrücke

_Wir alle kennen es, wenn man etwas schon gefühlte hundertmal gesehen hat und meint, genau zu wissen, wie es aussieht. Man hat keinerlei Zweifel an der Richtigkeit des Wahrgenommenen, würde Stein und Bein schwören, dass es so und nicht anders aussieht. So ging es mir mit der Odenwaldbrücke. Stellen Sie sich vor, Sie würden einen kleinen Spaziergang von der Mathilden- zur Rosenhöhe machen.

Sie könnten zum Beispiel den Olbrichweg runter gehen, den Fiedlerweg überqueren, dann den Olbrichweg bis zum Ende weitergehen, rechts in den Spessartring und dann links auf den Seitersweg abbiegen. Hier kommen Sie dann auf eine kleine Brücke, die über die Odenwaldbahn führt. Wenn Sie von dieser Brücke nach rechts – also Richtung Süden – schauen, sehen Sie unter anderem den Ostbahnhof. Wenn sie von ihr aus aber nach Norden schauen, sehen die Odenwaldbrücke, die über die Dieburger Straße führt. Diese Perspektive kenne ich seit Kindheitstagen, habe ich doch oft genug als kleiner Bub völlig begeistert die Dampfzüge betrachtet, die schnaubend und donnernd den Rundbogen unter der Dieburger Straße durchfuhren. Bevor Sie weiter lesen halten Sie bitte einmal kurz inne und stellen Sie sich die Odenwaldbrücke vom Seitersweg aus gesehen vor. Was glauben Sie? Wie viele Bögen hat die Odenwaldbrücke? Seien Sie ehrlich und schummeln Sie nicht. Sind es ein oder 2 Bögen? Oder gar 3? Vielleicht waren es die erhabenen Dampfloks, die auf Jahrzehnte hinaus zumindest meine Perspektive verengten. Ich musste jedenfalls über 50 Jahre alt werden bis mich mein Freund, Uwe Kratz, in einem Gespräch darauf aufmerksam machte, dass diese Brücke nicht nur mit einem, sondern mit zweieinhalb Bögen die Dieburger Straße trägt. Ich vermutete zunächst einmal den typisch Darmstädter Humor, dass er mich „uzen“ wollte und erwartete einen entsprechenden Bierulk. Die Geschichte, die mir Uwe dann erzählte, klang zunächst auch nach einer typisch darmstädterischen Frotzelgeschichte: Jahrelang hätten seine Großeltern mit ihren Kindern unter der Odenwaldbrücke gelebt, berichtete er. „Selbsverständlich“ dachte ich „wahrscheinlich hat der Opa dort den Zugverkehr geregelt und die Mutti die Fahrkarten verkauft“. Solches oder Ähnliches erwartete ich nun. Es kam aber nichts in diese Richtung, sondern das, was Uwe mit melancholischer Stimme erzählte war gar nicht lustig. Uwes Großeltern (Heinrich und Lotte Kratz) waren mit ihren Kindern (Liesel und Heinz; Heinz war Uwes Vater) seit dem Angriff am 11. September 1944 ausgebombt. So ging es – sofern sie überhaupt überlebt hatten – vielen Darmstädter Familien. Bei allem Schrecklichen, was der Krieg mit sich brachte, bei allem unsäglichem Leid, trat aber vielfach auch eines zu Tage: Überlebenswille, der Mut, die Familie soweit es irgend geht durchzukriegen. So baute der Oberwerkmeister der Stadtwerke, Heiner Kratz, seiner Familie eine neue Bleibe, in der sie bis weit in die Nachkriegszeit hinein wohnen sollten. Sie bezogen den mittleren Bogen der Brücke, der (Richtung Norden gesehen) rechte Bogen wurde ja regelmäßig von Zügen durchfahren. Die 5 Meter hohe (Fahrbahn-) Decke des Bogens wurde abgehängt, um Heizkosten zu sparen und Heinrich Kratz baute für seine Familie eine Wohnung mit Küche, einem Wohn- und zwei Schlafzimmern. Vor der Behausung befand sich ein kleiner Nutzgarten, in dem auch das erforderliche Plumpsklo errichtet wurde. Der Zugang zu diesem (legal bewohnten) Grundstück verlief vom Spessartring aus über eine nicht ungefährliche und notdürftig errichtete Steintreppe. In der Anfangszeit fanden übrigens hier bis zu 14 Personen Obdach. Weitere Informationen zu dieser Geschichte findet man u.a. in dem kleinen Artikel „Wenn ein Zug kam, klapperten die Tassen“ (in: Jochen A. Veeser: Weiß‘ de noch – Geschichten und Anekdoten aus dem Darmstadt der 50er Jahre. Kassel 2005, S. 6 f.) und in dem hier enthaltenen Tagblattartikel aus der Nachkriegszeit. Soweit zu der Geschichte der Familie Kratz. Aber wieso konnte der mittlere Brückenbogen überhaupt zu einem Wohngebäude umgebaut werden? Die Antwort ergibt sich, wenn man gedanklich diesen Bogen in nördliche Richtung durchschreitet. Am anderen Ende ist er nämlich verschlossen. Dahinter befindet sich (noch heute) die August-Buxbaum-Anlage und an deren Ende beginnt die Häuserbebauung des Spessart- und dann des Rhönrings. Diese Häuserzeile gab es früher noch nicht, sondern hier war der Bahndamm der Odenwaldbahn, für die am 4. April 1868 die Hessische Ludwigsbahn vom Großherzogtum Hessen die Betriebskonzession erhielt. Deren Strecke begann in Darmstadt am Ludwigsbahnhof, der an der Nordseite des heutigen Steubenplatzes und östlich des Main-Neckar-Bahnhofes gelegen war. Ihr Bau in Darmstadt begann am 1. Februar 1869, die Strecke bis Ober-Ramstadt wurde am 28.Dezember 1870 fertiggestellt und die Einweihung des Streckenabschnitts bis Erbach erfolgte an Heiligabend 1871. Für die Strecke von Darmstadt bis Erbach brauchte ein Zug übrigens damals zwei Stunden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es eng auf den Darmstädter Bahngleisen und die Kapazität der alten Darmstädter Bahnhöfe reichte nicht mehr aus, so dass man 1912 den Darmstädter Hauptbahnhof eröffnete, der die beiden (alten) Bahnhöfe ersetzte (Anmerkung: Die Bahnsteigüberdachung des Ludwigsbahnhofes befindet sich noch heute auf den Bahnsteigen in Langen sowie in Buchschlag-Sprendlingen). Mit dem Ende dieses Verlaufs der Odenwaldbahn wurde der linke und der mittlere Brückenbogen nicht mehr gebraucht. Verwendet wird – zumindest für den Bahnverkehr – seitdem nur noch der rechte Bogen.

Wir danken Uwe Kratz für die Unterstützung und die Bereitstellung der Bilder 1 und 2.
 

Zum Schluss noch eine kleine Bilderstrecke:

  • Eine gut gelaunte Familie Kratz nach dem Kriege vor ihrer Notunterkunft

    Eine gut gelaunte Familie Kratz nach dem Kriege vor ihrer Notunterkunft

  • Artikel des Darmstädter Tagblatts aus der Nachkriegszeit

    Artikel des Darmstädter Tagblatts aus der Nachkriegszeit

  • Die alten Bahnhöfe

    Die alten Bahnhöfe

  • Die alten Bahnhöfe

    Die alten Bahnhöfe

  • Die alten Bahnhöfe

    Die alten Bahnhöfe

  • Die alten Bahnhöfe

    Die alten Bahnhöfe

  • Die alten Bahnhöfe

    Die alten Bahnhöfe

  • Die alten Bahnhöfe

    Die alten Bahnhöfe

  • Die Odenwaldbahn überquert die Frankfurter Straße

    Die Odenwaldbahn überquert die Frankfurter Straße

  • Bau der Odenwaldbahn

    Bau der Odenwaldbahn

  • Der Bahndamm der Odenwaldbahn im Rhönring

    Der Bahndamm der Odenwaldbahn im Rhönring

  • Bau der Häuser des Bauvereins für Arbeiterwohnungen auf der ehemaligen Strecke der Odenwaldbahn im Rhönring

    Bau der Häuser des Bauvereins für Arbeiterwohnungen auf der ehemaligen Strecke der Odenwaldbahn im Rhönring

  • Häuserzeile auf der ehemaligen Bahnstrecke

    Häuserzeile auf der ehemaligen Bahnstrecke

  • Der heutige Streckenverlauf der Odenwaldbahn von der Seitersweg-Brücke aus aufgenommen

    Der heutige Streckenverlauf der Odenwaldbahn von der Seitersweg-Brücke aus aufgenommen

  • Hier war die Kratzsche Wohnung

    Hier war die Kratzsche Wohnung

  • Hier war die Kratzsche Wohnung

    Hier war die Kratzsche Wohnung

  • Hier war die Kratzsche Wohnung

    Hier war die Kratzsche Wohnung

  • Die zweieinhalb Bögen der Odenwaldbrücke vom Spessartring aus aufgenommen

    Die zweieinhalb Bögen der Odenwaldbrücke vom Spessartring aus aufgenommen

  • Die zweieinhalb Bögen der Odenwaldbrücke vom Spessartring aus aufgenommen

    Die zweieinhalb Bögen der Odenwaldbrücke vom Spessartring aus aufgenommen

  • Der Kratzsche Bogen vom Spessartring aus aufgenommen

    Der Kratzsche Bogen vom Spessartring aus aufgenommen

  • Der rechte Bogen vom Spessartring aus aufgenommen

    Der rechte Bogen vom Spessartring aus aufgenommen

  • Blick Richtung Süden von der Odenwaldbrücke zur Seitersweg-Brücke

    Blick Richtung Süden von der Odenwaldbrücke zur Seitersweg-Brücke

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